Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.03.2016

03:38 Uhr

Abgas-Skandal

US-Chef Michael Horn verlässt Volkswagen

Bei VW kehrt keine Ruhe ein: Mitten in der Abgas-Affäre legt nun US-Chef Michael Horn sein Amt nieder. Horn hatte den Spitzenjob erst im Januar 2014 angetreten. Ein Nachfolger ist bereits gefunden, zumindest vorläufig.

Michael Horn, Chef von Volkswagen in den USA, tritt zurück. dpa

Michael Horn

Michael Horn, Chef von Volkswagen in den USA, tritt zurück.

HerndonDer skandalumwitterte Autobauer VW und sein US-Chef gehen fortan getrennte Wege. Der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden und Firmenpräsidenten Michael Horns erfolge mit sofortiger Wirkung, teilte die Volkswagen Group of America am Mittwoch mit. Horn war seit 25 Jahren beim Konzern, den Spitzenjob hatte er erst seit 2014 inne.

Hinrich Woebcken, der für Volkswagen seit kurzem bereits in leitender Funktion für die Region Nordamerika (USA, Kanada und Mexiko) verantwortlich ist, übernehme Horns Tätigkeiten zunächst übergangsweise, heißt es in der Mitteilung.

In die Amtszeit des 54-Jährigen fiel das Bekanntwerden der Affäre um manipulierte Abgaswerte, die den Konzern in eine schwere Krise gestürzt hat. Der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn war bereits im September zurückgetreten, wenige Tage vorher hatte das US-Umweltamt EPA den Skandal publik gemacht.

Überraschung in Aufsichtsratskreisen

Die Hintergründe für den Rückzug Horns blieben zunächst unklar. Für eine eigene Stellungnahme war der 54-Jährige nicht erreichbar. Der Präsident des Rates der VW-Händler in den USA, Alan Brown, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er habe mit Horn in den vergangenen drei Tagen mehrfach über den bevorstehenden Rückzug gesprochen. VW habe Horn andere Jobs außerhalb der USA angeboten, was Horn aber abgelehnt habe.

In Aufsichtsratskreisen sorgte die Nachricht aus den USA am Mittwochabend durchaus für Überraschung. Dies bezog sich insbesondere auf den Zeitpunkt, immerhin seien seit dem Beginn der Affäre bereits fast sechs Monate ins Land gegangen, hieß es. Einige der Aufseher hatten mit dem Rücktritt bereits deutlich früher gerechnet, nämlich noch bevor Winterkorn seinen Hut nahm.

Die juristischen Baustellen von VW

Aktionäre fordern Entschädigung

Die VW-Aktie stürzte nach dem Ausbruch der Abgas-Affäre ab, viele Anleger wollen sich ihre Verluste vom Unternehmen erstatten lassen. Ihr Argument: VW hätte deutlich früher über die Probleme informieren müssen, weil Kursabschläge drohten. Mittlerweile haben auch Großanleger entsprechende Klagen lanciert, darunter der größte US-Pensionsfonds Calpers und die Sparkassen-Fondstochter Deka. Der Vermögensverwalter AGI – eine Allianz-Tochter – erwägt die Teilnahme an einer Sammelklage. VW bekräftigte seine Auffassung, alle Pflichten befolgt zu haben.

Klagen einzelner VW-Besitzer

Weltweit wollen VW-Fahrer Schadenersatz einklagen. Das Landgericht Bochum urteilte in einem ersten deutschen Verfahren zwar, dass die Software-Manipulationen keine Pflicht zur Rücknahme der verkauften Autos nach sich ziehen. Manche Anwälte glauben jedoch, dies müsse noch keine Richtungsentscheidung sein. Enttäuschte VW-Kunden machen einen Wertverlust der Fahrzeuge geltend - etwa falls sich Leistungs- oder Verbrauchsdaten durch die notwendigen Umrüstungen verschlechtern. Volkswagen betonte allerdings mehrfach, alle betroffenen Autos seien „technisch sicher und fahrbereit“.

Sammelklagen

Viele Kanzleien buhlen darum, VW-Aktionäre und -Kunden vor Gericht vertreten zu dürfen. In den USA sind Sammelklagen ganz normal, in Deutschland können zumindest Aktionäre ein sogenanntes Musterverfahren beantragen. Dabei wird eine Klage verhandelt, an deren Ausgang sich dann andere Klagen orientieren. VW-Chef Matthias Müller hält das auch für ein Geschäftsmodell von Juristen: „Wir sehen dem ganz gelassen entgegen.“ Viele Autofahrer in Europa versuchen, ihre Verfahren über eine niederländische Stiftung bündeln zu lassen. Der US-Staranwalt Michael Hausfeld kündigte an, im Namen von Kunden und Unternehmen in Deutschland gegen den Konzern vorgehen zu wollen.

Klagen der US-Behörden

Zum Jahresbeginn hat das US-Justizministerium eine Klage gegen VW vorgelegt. Dabei geht es um die Manipulationen an Dieselautos, dem Konzern werden aber auch Tricksereien und Täuschung in der Aufarbeitung der Affäre vorgeworfen. Theoretisch drohen laut der Klageschrift 45 Milliarden Dollar Strafe plus eine möglicherweise milliardenschwere Zahlung im Ermessen des Gerichts. VW will sich mit Verweis auf die laufenden Verfahren nicht dazu äußern. Berichten zufolge weitete das Ministerium seine Ermittlungen nun auf den Verdacht auf Bankbetrug und mögliche Steuergesetzes-Verstöße aus. Volkswagens US-Chef Michael Horn trat überraschend zurück.

Betrugsanzeigen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nach den Manipulationen von Stickoxidwerten gegen inzwischen 17 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug und unlauteren Wettbewerb. Darunter ist nach wie vor kein Vorstandsmitglied. Gegen mindestens fünf Personen wird seit dem Herbst wegen möglicher CO2-Falschangaben ermittelt. Der Vorwurf lautet hier vor allem auf Steuerhinterziehung, weil sich die deutsche Kfz-Steuer stark am CO2-Ausstoß orientiert. Die Staatsanwaltschaft rechnet damit, dass es noch länger dauert, bis Ergebnisse vorliegen. VW will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

VW hatte kurz nach den Vorwürfen der US-Behörden eingeräumt, in den Vereinigten Staaten bereits seit 2009 mit einer speziellen Betrugssoftware in großem Stil Emissionswerte bei Hunderttausenden Dieselwagen gefälscht zu haben. Der Konzern ist mit zahlreichen Klagen konfrontiert. Es drohen Milliardenstrafen.

Obwohl es bald ein halbes Jahr her ist, dass das Debakel seinen Lauf nahm, kommt VW in den USA nicht zur Ruhe. Erst am Vortag hatte das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider berichtet, dass die US-Regierung nun auch wegen Bankbetrugs und möglichen Verstößen gegen Steuergesetze gegen VW ermittele. Damit könnten noch höhere Bußgelder auf den Konzern zukommen.

Auch auf der Managementseite gab es in den USA, wo die VW-Verkäufe nicht erst seit dem Abgas-Skandal schwächeln, immer wieder Rückschläge. So sollte ursprünglich der frühere Skoda-Chef Winfried Vahland das Nordamerika-Geschäft übernehmen und damit noch einen Posten über Horn stehen - so hatte es VW noch Ende September 2015 mitgeteilt.

Neue Klage gegen VW: Die Allzweckwaffen der US-Behörden

Neue Klage gegen VW

Die Allzweckwaffen der US-Behörden

US-Behörden sind kreativ, wenn es darum geht, Unternehmen zu belangen. Gegen Volkswagen bringt das Justizministerium jetzt ein Gesetz in Stellung, das eigentlich für Banken gedacht ist. Die wichtigsten Fragen zum Fall.

Im Oktober hieß es dann allerdings, Vahland verlasse den Konzern. Auf seinen Posten rückte dann der frühere BMW-Manager Woebcken, der nun vorübergehend auch das enger gefasste US-Geschäft leiten soll. Horn galt als Mann des Vertriebs, der die Rückendeckung der vom Abgas-Skandal hart getroffenen VW-Händler in den USA hatte.

In den Verhandlungen mit den US-Behörden über einen Plan zur Beseitigung der Betrugsprogramme konnte VW bis zuletzt keinen Durchbruch erzielen. Der Konzern gerät zunehmend unter Druck. Am 24. März läuft ein Ultimatum eines US-Richters aus, bei dem Hunderte Zivilklagen gebündelt sind.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×