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13.07.2017

09:29 Uhr

Abgasskandal

Daimler soll eine Million Fahrzeuge manipuliert haben

Schwere Vorwürfe gegen Daimler: Laut Medien soll das Unternehmen von 2008 bis 2016 über eine Million Fahrzeuge mit unzulässig hohem Schadstoffausstoß verkauft haben. Der Bericht belastet auch die Aktie des Autobauers.

Autobauer in Bedrängnis

Daimler: noch tiefer im Abgas-Sumpf als bisher bekannt

Autobauer in Bedrängnis : Daimler: noch tiefer im Abgas-Sumpf als bisher bekannt

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FrankfurtMedienberichte zur Diesel-Affäre haben am Donnerstag die Aktien von Daimler unter Druck gebracht. Als Reaktion auf die Berichte starteten die Daimler-Papiere am Donnerstag mit einem Abschlag von drei Prozent. Damit waren sie das Schlusslicht im Dax. „Ganz neu ist das zwar nicht, aber es sieht so aus, als ob es jetzt dramatischer und drastischer wird“, sagte ein Händler. Auch die Aktien von BMW und VW gaben je etwa 0,3 Prozent nach.

Ermittler verdächtigten den Autobauer, fast ein Jahrzehnt lang Fahrzeuge mit einem unzulässig hohen Schadstoffausstoß verkauft zu haben, berichteten die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR am Mittwoch. Insgesamt seien mehr als eine Million Fahrzeuge betroffen, die von 2008 bis 2016 in Europa und den USA verkauft worden seien. Das gehe aus einem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stuttgart hervor, der Grundlage für eine Razzia vor wenigen Wochen bei Daimler und anderen Firmen gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die Ende Mai die Razzia bei Daimler durchführte, gehe dem Verdacht nach, dass zwei Motorenreihen eine unzulässige Abschalteinrichtung enthielten, berichteten die Medien. Damit sei die Schadstoffreinigung bei den offiziellen Messungen der Behörden auf einem Prüfstand ein- und auf der Straße weitgehend ausgeschaltet worden.

Im Durchsuchungsbeschluss heiße es, Daimler habe die unzulässige Abschalteinrichtung entgegen den Vorschriften dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) als Genehmigungsbehörde nicht offengelegt. Die Autos und Kleintransporter mit den Motoren OM 642 und OM 651 seien wegen der Abschalteinrichtungen auf dem europäischen Markt nicht zulassungsfähig gewesen.

Es bestehe die Gefahr eines Entzugs der Zulassung. Das KBA sehe aber bislang keinen Anlass dafür. Ein Daimler-Sprecher erklärte, der Konzern kommentiere das laufende Ermittlungsverfahren nicht. Daimler kooperiere vollumfänglich mit den Behörden.

Diesel-Fahrverbote

Wer sagt, die Luft ist zu dick?

In der Europäischen Union gelten seit 2010 für Feinstaub und Schadstoffe wie Stickstoffdioxid (No2) Grenzwerte zur Luftreinhaltung. Wegen hoher Luftverschmutzung kommt es laut EU-Kommission in Europa jährlich zu 400.000 vorzeitigen Todesfällen, wegen Stickoxiden seien 2003 rund 70.000 Menschen gestorben. In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien wird das Limit von 40 Mikrogramm je Kubikmeter wiederholt überschritten. Deshalb droht die EU-Kommission den Ländern mit Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat auf Basis dieser Vorschriften gegen die Luftreinhaltepläne von 16 Städten vor Verwaltungsgerichten geklagt.

Wo ist die Luft zu dick?

Die EU-Kommission listete 28 Gebiete mit Grenzwertüberschreitungen auf. Darunter sind die Ballungsräume Berlin, München, Stuttgart und Hamburg. Auch in Köln, Düsseldorf und fast allen größeren Städten in Nordrhein-Westfalen besteht das Problem. Das Umweltbundesamt hat im vergangenen Jahr in fast 50 Städten zu hohe Belastungen gemessen, häufig nur an einzelnen Plätzen und Straßen. Stuttgart ist mit seiner Kessellage besonders betroffen und plant ab 2018 Fahrverbote an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung auf bestimmten Straßen. Für Lieferverkehr, Taxis oder Handwerker soll es Ausnahmen geben.

Warum sind Diesel-Autos im Visier?

Nach Angaben der EU entfallen auf den Straßenverkehr 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Dieselautos aus. Laut Umweltbundesamt sind Diesel-Pkw in Deutschland für 13 Prozent der Emissionen verantwortlich. Betroffen von Fahrverboten wären nach den Plänen in Stuttgart und München alle Dieselfahrzeuge ab Euro-5 abwärts. Das wären vier von fünf Diesel-Pkw.

Aber auch bei den neuesten Pkw mit Euro-6-Standard ergaben Messungen des Umweltbundesamtes im Realbetrieb viel zu hohe Ausstöße von Stickoxid. Die Autoindustrie hält dagegen, das werde mit den nun auf den Markt kommenden Dieselmotoren gelöst. Ab 2019 dürfen die Selbstzünder auf der Straße den vorgeschriebenen Grenzwert nur noch um das Doppelte übertreffen, zwei Jahre später um das Anderthalbfache. Der Spielraum wird eingeräumt, weil wegen Beladung, Tempo oder Steigungen eine konstante Einhaltung der Laborwerte technisch nicht möglich ist. Bis die neue Diesel-Flotte aber die Luft spürbar verbessert, dauert es nach Schätzungen des Umweltbundesamt bis etwa 2025.

Wie wären Fahrverbote zu vermeiden?

Die Städte betrachten ein Fahrverbot als größten Hebel neben vielen anderen Maßnahmen der Verkehrssteuerung oder Anreizen für Bürger, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Baden-Württemberg verhandelt deshalb mit der Autoindustrie über eine Nachrüstung von Euro-5-Motoren, die rund 40 Prozent der Diesel-Fahrzeuge ausmachen. Sollte der Stickoxid-Ausstoß dadurch genauso viel wie durch Fahrverbote sinken, könnte auf die drastische Maßnahme verzichtet werden. Doch es ist unklar, wie hoch die Kosten sind und wer sie übernimmt - die Autohersteller oder auch die Verbraucher oder der Staat? Ob Dieselfahrverbote rechtlich zulässig sind, muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erst entscheiden. Einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Was macht die Bundesregierung?

Die Länder dringen auf eine bundesweite Klärung. In der Diskussion war die Blaue Plakette, mit der Städte allen Diesel-Autos beispielsweise unterhalb der Euro-6-Norm die Einfahrt verbieten könnten. Doch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die die Plakette selbst vorgeschlagen hatte, ist davon inzwischen abgerückt, da auch die Euro-6-Fahrzeuge zuviel ausstießen. Sie setzt auf Nachrüstungen durch die Industrie. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist gegen Fahrverbote, sieht die Verantwortung aber bei Städten und Ländern. Er argumentiert, wenn Busse, Taxen und Behördenfahrzeuge elektrisch oder mit alternativen Antrieben ausgerüstet würden, könne das Problem für Privatfahrer entschärft werden.

Quelle: Reuters

Die Gefahr einer Stilllegungsverfügung sehe der Konzern nicht. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart, die seit März wegen des Verdachts auf Betrug durch die Manipulation der Abgasnachbehandlung bei Diesel-Autos und strafbare Werbung bei Daimler ermittelt, wollte sich nicht äußern. Vom Bundesverkehrsministerium war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Kommentare (8)

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Herr Günther Schemutat

13.07.2017, 09:50 Uhr

Wenn ich so zurück sehe , wie viel Autos auf unseren Strassen seit Jahrzehnten mit schädlichen Auspuffgasen fahren , ist dieser jetziger Aktionismus der letzten Jahre
gegen die Autobauer auf Umerziehung zum Elektroauto zu sehen. Zumal die Abgase erheblich eingeschränkt sind. Wenn ein kleines Amtsgericht jetzt gegen Mercedes vorgehen kann, ist das ein sicheres weiteres Zeichen. Das hätte es vor 10 Jahren nicht gegeben. Nicht gegen eine Schlüsselindustrie. Das Merkel die Autobauer abgeschrieben hat will ich nicht sagen, aber das Interesse hat sie verloren. Mit 30 Millionen E Autos , werden die Stromlieferanten das große Geld machen, wenn der Strom für 100 Kilometer bei 25 - 30 Euro liegt.

Übrigends ..wenn die Amerikaner auf den Klimawandel Pfeifen, warum interessiert sie der Schadstoff Ausstoß von Deutschen Autos. ?

Herr horst langner

13.07.2017, 09:56 Uhr

Es wird durch weg in allen Branchen betrogen auf Teufel komm raus, warum soll Daimler eine Ausnahme machen, so geht Kapitalismus.

Rainer von Horn

13.07.2017, 10:37 Uhr

@ Herr Günther Schemutat13.07.2017, 09:50 Uhr
" Mit 30 Millionen E Autos , werden die Stromlieferanten das große Geld machen, wenn der Strom für 100 Kilometer bei 25 - 30 Euro liegt."

Ja, das mit der Nanny-Staat-Umerziehung sehe ich genauso, ich frage mich allerdings, wie viele zusätzliche Kraftwerke wir den für den E-Mobilitäts-Stzrom brauchen, alleine mit Solar und Wind wird´s wohl kaum gehen, wo denn der staatliche Masterplan dafür ist, wenn man nicht mal eine Ladeinfrastruktur hinbekommt und wer denn die Kraftwerke und 10000de an Windrädchen denn noch bezahlen soll....?
Ich seh uns schon lange im polit-konformen Wellpappen-E-Trabbi und auf dem Pedelec sitzen. Aber in China werden deutsche SUV nachgefragt wie nie, bei Porsche gab es Rekord-Absätze beim Macan und beim Cajenne.

Na, ja, die Deutschen haben bestimmt nix dageben. :)

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