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19.05.2016

16:30 Uhr

Abgasskandal und die Folgen

Wenn Investoren über Volkswagen herfallen

VonDieter Fockenbrock

Kaum ist der VW-Konzern wegen des Abgasskandals geschwächt, traktieren ihn milliardenschwere Aktionäre mit Forderungen – so wie der Hedgefonds TCI. VW sollte sich nicht von den Geldgebern jagen lassen. Ein Kommentar.

Hedgefonds setzen Volkswagen unter Druck. dpa

Abgasskandal

Hedgefonds setzen Volkswagen unter Druck.

Chris Hohn, Gründer des Hedgefonds The Children‘s Investment Fund (TCI), nimmt sich das Volkswagen-Management zur Brust. TCI fordert den Autobauer – ganz unkindlich – auf, 30.000 Jobs zu streichen, die Tochtergesellschaften Bentley, Bugatti und MAN zur Disposition zu stellen und überhaupt die Profitabilität des deutschen Autokonzerns mächtig zu steigern. TCI und andere Investoren mäkeln daran herum, dass die Familien Porsche und Piëch in Deutschlands größtem Unternehmen faktisch das Sagen haben. Und sie wollen das Land Niedersachsen aus dem Unternehmen drängen.

Daran ist vieles richtig. Aber aus dem Munde eines Geldmanagers wie Hohn klingt das nun wirklich wie Hohn. Was, so fragt man sich, haben diese Fondsmanager eigentlich in den vergangenen Jahre gemacht? Die Antwort lautet: nichts.

Solange die Geschäfte des Autokonzerns prächtig liefen, so lange der Börsenkurs in Schwindel erregender Höhe lag und Volkswagen tatsächlich zum weltgrößten Automobilkonzern avancierte, hielten dieselben Großaktionäre, die heute auf das Management einschlagen, still. Warum auch sollten sie sich beklagen? TCI kaufte sogar Vorzugsaktien von VW, mit denen der Fonds nichts zu melden hat. Denn diese Aktien haben keine Stimmrechte. Dafür aber eine höhere Dividende.

Motoren, Modelle und Marken im VW-Abgas-Skandal

Motoren

Laut VW ist der Dieselmotor mit der Bezeichnung EA 189 Kern des Problems. Er wurde bei etlichen Marken eingesetzt, erfüllt die EU-Abgasnorm Euro 5 und wird mit 1,2, 1,6 und 2,0 Litern Hubraum angeboten. Betroffen vom Stickoxid-Skandal sind die Baujahre 2009 bis 2014.

Der Rückruf läuft

Schon ab dem 29. Februar sollte eigentlich der Rückruf der großen 2,0-Liter-Antriebe mit Varianten des Passat und Audi A4 anlaufen, zuvor hatte die Aktion für den Pick-up Amarok begonnen. Für den A4 mit Schaltgetriebe gab es – ebenso wie für den A5 und Q5 sowie den Seat Exeo mit gleichem Motor – bereits die Genehmigung des Kraftfahrt-Bundesamts. Für Passat, CC und Eos liegt sie nun auch vor.

So geht es weiter

Zum kleinen 1,2-Liter-Motor hatte VW in einem Kundenbrief zunächst einen Beginn der Werkstatt-Aktionen ab dem 30. Mai angekündigt. Dieser Teil werde aber erst „verzögert anlaufen“, hieß es jetzt. Die mittelgroßen 1,6-Liter-Aggregate sollten laut bisheriger Planung ab dem 5. September zurück, dabei soll neben einem Software-Update ein Bauteil eingesetzt werden. In den USA sind auch 3,0-Liter-TDI-Autos unterwegs, die ein nach US-Recht verbotenes Programm enthalten.

Betroffene VW-Pkw

Bei der Kernmarke VW-Pkw sind unter anderem der Golf der sechsten Generation, der Passat der siebten Generation und der Tiguan der ersten Generation betroffen.

Betroffene Audi-Modelle

Die Software steckt auch in Modellen der Reihen A1, A3, A4 und A6 sowie Q3 und Q5 der Oberklasse-Tochter Audi.

Sonstige Modelle

Dieselmotoren, die bei Skoda und Seat verwendet wurden, fallen ebenfalls unter den Abgas-Skandal. Bei den leichten VW-Nutzfahrzeugen sind ältere Ausgaben des Caddy und Amarok betroffen. Die in den USA unzulässige Software der 3-Liter-Diesel findet sich im VW Touareg und Porsche Cayenne sowie in den Audi-Modellen Q5, Q7, A6, A7 und A8.

Marken

VW-Chef Matthias Müller gab im vergangenen Oktober an, dass weltweit rund 5 Millionen Autos der Hauptmarke VW-Pkw von der Affäre betroffen sind. Hinzu kommen etwa 2,1 Millionen Audis, 1,2 Millionen Skodas, 700.000 Seats sowie 1,8 Millionen leichte Nutzfahrzeuge.

Selbst der „Reverse Takeover“ mit Porsche, also die vom früheren Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch umgedrehte Übernahme Ende des vergangenen Jahrzehnts, hatte die angeblich so wachsamen internationalen Fonds nicht aufgeschreckt. Dabei wurden bei dieser Gelegenheit wirklich alle Regeln einer guten Unternehmensführung und -kontrolle missachtet. Derselbe Piëch überwachte nämlich Angreifer wie den Angegriffenen. Ferdinand Piëch wechselte im Zuge der Übernahmekampfes sozusagen nur das Pferd.

Aber wen schert das schon, wenn am Ende ein Aktienkurs von gigantischen 939 Euro steht. Zum Vergleich: Heute notiert VW mit 136 Euro. Kurzum: Solange die eigene Rechnung stimmte, blieben auch die Geldgeber friedlich.

Sicherlich gab es auch damals Klagen. Einige Investoren fühlten sich von Porsche getäuscht, klagten auf Schadensersatz. Aber am Ende störten sie sich nicht an der katastrophalen Unternehmens-Governance, die Volkswagen und Porsche boten. Sie hatten schlicht auf den falschen Kandidaten gesetzt und darauf spekuliert, dass der Sportwagenbauer aus Stuttgart es tatsächlich schafft, den viel größeren VW-Konzern zu schlucken.

Nicht einmal die gigantische Vermögensverschiebung hin zu den Familien Porsche und Piëch war den Fonds negativ aufgefallen. Jedenfalls kann man sich nicht erinnern, dass irgendwer opponiert hätte, als der Piëch-Porsche-Clan im Zuge des verworrenen Deals plötzlich die volle Kontrolle nicht nur über Porsche, sondern auch über Volkswagen errungen hatte. Heute kontrollieren die beiden Familien mit einer klaren Mehrheit den VW-Konzern. Und der wiederum gibt bei Porsche den Ton an. Sich jetzt über das „Familienunternehmen“ VW zu beklagen, ist schon ein Witz.

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