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26.08.2016

17:48 Uhr

Abgasskandal-Untersuchungsbericht

Dieselmanipulationen waren seit Jahren bekannt

Laut einem Untersuchungsbericht des Bundestages waren allen Behörden die Abgasmanipulationen jahrelang bekannt gewesen. Das berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Von einem organisiertem Staatsversagen ist sogar die Rede.

Den Behörden soll das seit Jahren bekannt gewesen sein. dpa

Volkswagen hat bei den Abgaswerten getrickst

Den Behörden soll das seit Jahren bekannt gewesen sein.

MünchenManipulationen der Autohersteller bei Dieselabgasen sind Experten zufolge bereits seit Jahren bekannt. Ein vom Bundestag beauftragter Gutachter sei zu dem Schluss gekommen, dass spätestens eine Studie im Jahr 2010 auf das Problem aufmerksam gemacht habe, berichteten „Süddeutsche Zeitung“ (Samstagsausgabe), NDR und WDR. Motoren seien so manipuliert worden, dass die Grenzwerte bei Tests gerade noch eingehalten werden. Das betreffe „Dieselfahrzeuge aller Hersteller“.

Es sei „für alle Behörden“ seit Jahren ersichtlich gewesen, dass der Schadstoffausstoß auf der Straße von den offiziellen Werten bei Zulassung der Autos deutlich abweiche, zitierten die drei Medien aus der Stellungnahme des Wissenschaftlers Denis Pöhler von der Universität Heidelberg für den Bundestag.

Auch der ADAC wurde demnach vom Parlament um eine Stellungnahme gebeten. Dabei habe der Autoclub einen Brief beigelegt, den er im Juni 2010 an das Bundesumweltministerium geschickt habe, berichteten „SZ“, NDR und WDR. Darin sei gewarnt worden, dass immer strengere Grenzwerte für Dieselautos nichts brächten, weil sich nur auf dem Prüfstand, nicht aber auf der Straße etwas ändere.

Viele Hersteller erklären hohe Abgaswerte bei Tests unter realen Bedingungen mit dem Schutz des Motors. Demnach muss die Abgasreinigung zum Beispiel bei bestimmten Außentemperaturen heruntergefahren werden, um Motorschäden zu verhindern.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Das wiederum lässt dem Medienbericht zufolge ein weiterer Sachverständiger nicht gelten: Es sei durchaus möglich, Motoren so zu konstruieren, dass sie „betriebssicher“ liefen und zugleich die geltenden Grenzwerte einhielten, befand demnach Roland Baar von der TU Berlin in seiner Stellungnahme.

Das von den Gutachtern gezeichnete Bild sei „sehr eindeutig“, sagte Oliver Krischer (Grüne), Vizevorsitzender des Untersuchungsausschusses zur Abgasaffäre, den drei Medien: Es werde „organisiertes Staatsversagen“ bestätigt.

Seit im vergangenen Herbst bekannt geworden war, dass Volkswagen bei Millionen Dieselautos eine verbotene Software zur Manipulation von Abgaswerten bei Tests eingebaut hat, sind auch andere Hersteller ins Zwielicht gerückt. Untersuchungen im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums zeigten im April bei mehr als 20 Modellen verschiedener Autohersteller Auffälligkeiten. Die betroffenen deutschen Hersteller verpflichteten sich daraufhin, mehrere hunderttausend Autos zurückzurufen.

Von

afp

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