Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.08.2012

14:28 Uhr

Absatzkrise

Opel will in Russland wachsen

Millionenverluste, Absatzschwäche, Kurzarbeit: Die Absatzkrise in Westeuropa setzt dem deutschen Autobauer zu. Während der Handel in Südeuropa einbricht, profitiert Opel vom Handel in Russland.

Der angeschlagene Hersteller Opel freut sich über den wachsenden Absatz in Russland. dapd

Der angeschlagene Hersteller Opel freut sich über den wachsenden Absatz in Russland.

Moskau/RüsselsheimAngesichts der Absatzkrise in Westeuropa setzt der Autobauer Opel verstärkt auf den Boommarkt Russland. „Wir sind von Januar bis Juli 2012 schon um 29 Prozent gewachsen. Das ist mehr als doppelt so schnell wie der Markt“, sagte Opel-Vertriebsvorstand Alfred E. Rieck am Mittwoch auf dem Moskauer Automobilsalon: „Im laufenden Jahr werden wir in Russland mehr als 80 000 Fahrzeuge verkaufen.“ In Konzernkreisen wird dieses Ziel als eher konservativ eingeschätzt.

2011 verkaufte Opel 67 600 Autos in Russland. Zum Vergleich: Europas Marktführer Volkswagen kam konzernweit auf 229 000 Fahrzeuge. Insgesamt setzten Opel und die Schwestermarke Vauxhall im vergangenen 1,2 Millionen Fahrzeuge ab. Seither brach der Absatz ein, in Europa verloren Opel/Vauxhall im ersten Halbjahr 2012 fast 15 Prozent. „Während die Märkte in Südeuropa verlieren, sind die Aussichten für Russland stabil. Das hilft uns, den schwächeren Ansatz in Italien, Frankreich oder Spanien zu kompensieren“, sagte Rieck.

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.


Künftig wolle Opel sein Potenzial in Russland stärker nutzen, sagte Rieck und kündigte eine Marktoffensive an. Zudem solle die Modellpalette auf dem zweitgrößten Automarkt Europas „erheblich“ erweitert werden, insbesondere in den Wachstumssegmenten Limousinen und kleine SUVs (sportliche Geländewagen): „Hier wird Opel noch in diesem Jahr mit der Astra Limousine und dem Mokka zwei heiße Eisen im Feuer haben.“

Zunächst setzt die Marke mit dem Blitz in Russland vor allem auf den Astra, die mit Abstand erfolgreichste Fahrzeugreihe vor Ort. Noch im September komme zudem die neue Astra Limousine zu den russischen Händlern.

Opel ist seit 1991 in Russland, ein Jahr später gründete die US-Mutter General Motors ihre dortige Niederlassung. Erst im Juni hatte der Konzern, der in Russland auch die Marken Cadillac und Chevrolet vertreibt, mit der Erweiterung des Werks in St. Petersburg begonnen. Statt derzeit 98 000 Autos sollen nach der Fertigstellung im Jahr 2015 bis zu 230 000 Wagen vom Band rollen - neben Chevrolets auch Opel-Modelle wie die neue Astra-Limousine für den russischen Markt.

Die europäischen Opel-Werke im Überblick

Die Ausgangslage

Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Nun will der Autobauer in seinem Werk in Bochum keine Autos mehr bauen. Eine Übersicht über die Fertigungsstätten.

Bochum

In Bochum laufen der Astra Classic und der Zafira Tourer vom Band. Ende 2014 läuft die Produktion aus. Danach soll die Autoproduktion eingestellt werden.

Rüsselsheim

Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. 13 800 Mitarbeiter sind am Standort beschäftigt, davon 3500 in der Produktion und 7000 im Bereich Entwicklung und Design.

Eisenach

In Eisenach bauen knapp 1600 Beschäftigte den Corsa.

Kaiserslautern

In Kaiserslautern bauen knapp 2700 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.

Gleiwitz (Polen)

In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in Polen sind rund 3500 Menschen beschäftigt.

Saragossa (Spanien)

Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo. Ab 2014 soll auch der Mokka in Spanien gebaut werden.

Ellesmere Port (England)

Etwa 2100 Mitarbeiter bauen für die Opel-Schwester Vauxhall in Ellesmere Port Astra-Modelle. Dort konnte das Management zuletzt rigide Sparmaßnahmen durchsetzen.

Luton (England)

In Luton wird der Transporter Opel Vivaro von 1100 Beschäftigten gefertigt.

Sonstige

Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1700) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren.

Bereits geschlossen wurde das Werk Antwerpen mit zuletzt mehreren tausend Mitarbeitern.

Der russische Automarkt legte in den ersten sieben Monaten 2012 nach Zahlen des Autoverbands VDA um rund 14 Prozent auf 1,67 Millionen verkaufte Fahrzeuge zu. Schon 2011 hatten die Verkäufe in Russland um 30 Prozent auf 2,6 Millionen Autos zugelegt. Die Adam Opel AG zitierte Prognosen, wonach Russland bis 2014 mit bis zu 3,4 Millionen Zulassungen Deutschland überholen und zum Hauptmarkt Europas aufsteigen könnte.

Opels ungewisse Zukunft

Video: Opels ungewisse Zukunft

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

29.08.2012, 15:21 Uhr

Bei Monatsverdienste von 350 Rubel, da können die aber ewig abzahlen, es sei denn der Opel kostet nur 7000 Rubel.
es wird immer blöder, da fragt man sich ob die Manager dort wirklich studiert haben.

scharfschuetze

07.09.2012, 00:23 Uhr

Aber halt! Gm hat doch beschlossen, daß in Rußland nur billigst herzustellende, koreanische badge-engineering Autos verkauft werden dürfen! MAX shareholder-value, das ist das einzige was zählt! Ob die Autos nun Daewoo, oder Opel, oder Buick, oder wie auch immer heissen mögen.
Bitte, Bitte! Ihr Autokäufer weltweit! Kauft KEIN GM-Produkt!Ihrwerdet bloß vera......!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×