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06.11.2013

13:26 Uhr

Abschlussbericht des KBA

Noch keine Entscheidung im Kalten Krieg

Das Kraftfahrtbundesamt veröffentlicht den Abschlussbericht zum umstrittenen Kältemittel für Auto-Klimaanlagen. R1234yf entzünde sich nur in Extremsituationen. Entschieden ist nichts: Das KBA empfiehlt weitere Prüfungen.

Bedienfeld einer Klimaanlage in einem Coupe der CLS-Klasse von Mercedes-Benz: Das KBA empfiehlt „mit Nachdruck“ weitere Untersuchungen des Kältemittels R1234yf. dpa

Bedienfeld einer Klimaanlage in einem Coupe der CLS-Klasse von Mercedes-Benz: Das KBA empfiehlt „mit Nachdruck“ weitere Untersuchungen des Kältemittels R1234yf.

MünchenIm Streit um das Kältemittel R1234yf regt das Kraftfahrtbundesamt (KBA) an, eine gesetzliche Regelung für die Sicherheitsanforderungen für Auto-Klimaanlagen zu prüfen. Das geht aus dem Abschlussbericht zur Risikobewertung des umstrittenen Kältemittels hervor. Das KBA empfiehlt darin „mit Nachdruck“ weitere Prüfungen zu möglichen Risiken von R1234yf.

„Gegenstand dieser Untersuchung sollte ebenfalls sein, ob diese Erkenntnisse künftig in das Genehmigungsverfahren von Fahrzeugen aufgenommen werden und Sicherheitsanforderungen für Fahrzeugklimaanlagensysteme gesetzlich festgelegt werden sollten“, heißt es darin.

Der Autobauer Daimler weigert sich, das gesetzlich vorgeschriebene Kältemittel in seinen Klimaanlagen zu verwenden, weil der Konzern bei eigenen Tests eine Brandgefahr festgestellt hat. Daimlers Widerstand treibt die EU-Kommission auf die Barrikaden, denn die seit Jahresbeginn verschärften Klimaschutzvorschriften der Brüsseler Behörde erfüllt R1234yf als einziges Kühlmittel. Die Kommission hatte im August entschieden, dass Gutachter des Joint Research Center die Tests des KBA untersuchen sollten.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Das bisher übliche Gas R134a gilt als Klimakiller und soll spätestens 2017 aus allen Autos verbannt werden. Bis dahin gelten Übergangsvorschriften. Ende August hatte Daimler in Frankreich einen juristischen Sieg errungen. Der Zulassungsstopp für mehrere Mercedes-Modelle in dem Land wurde höchstgerichtlich aufgehoben.

Der Abschlussbericht des KBA bestätigt nun die bisherigen Erkenntnisse. Demnach können sich in Extremsituationen Flammen im Motorraum bilden. Bei den Versuchen der sogenannten Stufe 3 stellt das KBA fest, „dass das generelle Sicherheitsniveau von Kraftfahrzeugen durch den Einsatz von R1234yf tendenziell verschlechtert wird, da beim Einsatz von R134a während des Tests keinerlei kritisches Schadensereignis erzeugt werden konnte“.

Im Rahmen des Produktsicherheitsgesetzes besteht jedoch keine „ernste Gefahr“. Hersteller Honeywell sieht sich durch den Bericht bestätigt. So werde erneut deutlich, dass R1234yf „sicher in Pkw eingesetzt werden kann“, erklärte das Unternehmen am Mittwoch. Daimler sieht das ganz anders. Man sehe sich ebenfalls bestätigt, da durch den Einsatz des neuen Kältemittels ein erhöhtes Risikopotenzial bestehe, sagte ein Sprecher des Autobauers zu Handelsblatt Online. „Wir stehen nach wie vor zu unserer Entscheidung, R1234yf nicht zu verwenden.“

Als nicht brennbare Alternative zum neuen Kältemittel gelten CO2-Klimaanlagen, die aber noch nicht serienreif für Pkw sind und bei Lecks zu Schläfrigkeit der Fahrzeug-Insassen führen können. Daimler arbeite mit Hochdruck an der Entwicklung, sagte der Sprecher. „Der Zug in Richtung C02-Klimaanlagen rollt mit großem Tempo.“

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