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14.04.2017

10:48 Uhr

Ärger für Volkswagen in Australien

VW-Diesel schlucken nach Rückruf angeblich mehr Sprit

VonUrs Wälterlin, Volker Votsmeier

Eigentlich hatte Volkswagen gehofft, in diesem Jahr endlich den Abgasskandal abschütteln zu können. Doch nun drohen neue Sammelklagen in Australien. Kunden beschweren sich über die Folgen einer Software-Installation.

Australische Kunden berichten nach einem Rückruf über höheren Treibstoffverbrauch und verminderte Motorenleistung. AFP

Neuwagen von Volkswagen

Australische Kunden berichten nach einem Rückruf über höheren Treibstoffverbrauch und verminderte Motorenleistung.

Sydney/DüsseldorfDavid Ellingworth ist die Frustration ins Gesicht geschrieben. „Früher hatte ich meinen Treibstofftank einmal pro Monat gefüllt. Nachdem mir VW die neue Software installiert hat, tanke ich alle zweieinhalb bis drei Wochen.“ Ellingworth ist Besitzer eines Amarok. Ein wuchtiges Fahrzeug, schwarz, mit roten Zierstreifen und Buchstaben. Teure Zusatzscheinwerfer zeugen vom Stolz des Besitzers. Ellingworth erzählt, sein Fahrzeug verbrauche seit dem Upgrade im vergangenen Jahr etwa 15 Prozent mehr Diesel. „Ich gebe mehr Geld aus. Dafür soll mich VW kompensieren“, fordert der KfZ-Fahrer.

Über 100 VW-, Audi- und Skoda-Besitzer haben sich landesweit bei Anwälten gemeldet, die auf Sammelklagen spezialisiert sind. Sie fordern Schadensersatz für zusätzliche Kosten, die ihnen nach dem Update entstanden seien. Rund 21.000 Volkswagenkunden hätten bisher in Australien das Angebot angenommen, in ihren Dieselfahrzeugen kostenlos die Software aktualisieren zu lassen, so das Unternehmen. Dieser „freiwillige Rückruf“ als Reaktion auf den Abgasskandal sei von den australischen Behörden bewilligt worden.

Nachdem im September 2015 bekannt geworden war, die Volkswagen AG habe eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung von Dieselautos verwendet, meinte das Unternehmen, auch 93.234 in Australien verkaufte Fahrzeuge könnten betroffen sein. Schon damals versprach VW eine „technische Lösung“ des Problems. Und schon damals gab es Kritiker wie die Verbraucherorganisation Choice. Die fürchtete, „viele Autobesitzer könnten damit nicht zufrieden sein“.

An „Spritzigkeit“ verloren

Die Prognose hat sich bewahrheitet. Insbesondere Vielfahrern geht das Update an den Geldbeutel. Sie wollen Dollar, nicht Software. Pat Grbevska hatte ihren VW Passat, Jahrgang 2011, vor drei Monaten zum Software-Upgrade in die Garage gefahren. Seither sei ihr Fahrzeug nicht mehr dasselbe. „Die Treibstoffeffizienz pro Füllung Diesel ist deutlich zurückgegangen“, klagt sie.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Doch die Kritiker klagen nicht nur über höhere Spritkosten. Ian Billion aus dem Bundesstaat Queensland hatte die Software an seinem Audi Quattro A4, Jahrgang 2014, vor etwas über zwei Monaten installieren lassen. „Sofort danach stellte ich einen deutlichen Rückgang der Leistung fest, und die Reaktionsfähigkeit ist auch reduziert“, behauptet der Fahrer. Sein Auto habe an „Spritzigkeit“ verloren.

Bei der australischen Volkswagen-Vertretung in Sydney reagiert man zurückhaltend auf die Vorwürfe. „VW Australien hat die Anfragen von Kunden über Treibstoffverbrauch im Zusammenhang mit der Installation der neuen Software adressiert“, so Sprecher Kurt McGuiness. Kunden gibt VW eine Telefonnummer, die sie anrufen können. Dort sei man „gerne bereit, Probleme zu untersuchen und jegliche Bedenken zu lösen“.

Gleichzeitig weist VW Australia darauf hin, dass „die Software weltweit in drei Millionen Fahrzeugen installiert worden sei“. Die zuständige australische Behörde habe akzeptiert, dass nach dem Update die Abgaswerte in Fahrzeugen eingehalten würden. VW habe „großes Vertrauen“ in die Korrektur-Software, ein Vertrauen, das auf Testergebnissen durch die zuständigen Ämter in Europa basiere. Es handelte sich dabei um „unabhängige Prüfungen von Treibstoffverbrauch und Emissionen durch drei der ältesten und respektierten Kraftfahrzeugorganisationen in Deutschland, der Schweiz und Österreich“. Die Tests zeigten, dass „die bisherige Motorleistung, maximale Beschleunigung und Geräuschemissionen unverändert bleiben“, sagte der VW-Sprecher dem Handelsblatt.

„Hinterwäldlerische Bürger“

Ob diese Zusicherungen den Kritikern genügen werden, ist fraglich. Führend in der Kritik von VW in Australien ist Choice. Deren Chef Alan Kirkland beschuldigte das Unternehmen schon vor längerem, seine australischen Kunden wie „hinterwäldlerische Bürger“ zu behandeln und ihnen nur eine technische Lösung als Wiedergutmachung anzubieten. Der Konzern sieht sich nun in Australien mit mehreren Klagen konfrontiert. Die australische Verbraucheraufsicht ACCC hatte im vergangenen September angekündigt, VW vor Gericht ziehen zu wollen. Der Vorwurf: Das Unternehmen habe sich „irreführend oder trügerisch“ verhalten.

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