Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.07.2012

10:34 Uhr

Affäre in wichtigstem Markt

China klaut Volkswagen-Patente

ExklusivDer Volkswagen-Konzern ist in China offenbar von seinem Joint-Venture-Partner ausspioniert und betrogen worden. FAW soll ganze Konstruktionspläne abgekupfert haben. Doch dem deutschen Autobauer sind die Hände gebunden.

Mitarbeiter von Volkswagen-Werk in China. dpa

Mitarbeiter von Volkswagen-Werk in China.

DüsseldorfEs war ein symbolträchtiger Tag: VW-Chef Martin Winterkorn und sein chinesischer Kooperationspartner Xu Jianyi gaben sich feierlich das Wort, ihre langjährige Partnerschaft um 25 Jahre zu verlängern. Ministerpräsident Wen Jiabao und Kanzlerin Angela Merkel applaudierten. Das war am 23. April dieses Jahres in Wolfsburg.

Drei Monate später ist das Vertrauen in Xu Jianyi, Vorstandschef der chinesischen Partnerfirma FAW, tiefem Misstrauen gewichen. Nach Informationen des Handelsblatts betreiben die Chinesen illegalen Technologietransfer - und zwar fortgesetzt und mit System. "Das ist schlichtweg eine Katastrophe", sagte ein hochrangiger VW-Manager dieser Zeitung.

Vor wenigen Wochen erfuhren die VW-Mager in China, dass FAW bei Zulieferern des VW-Getriebes MQ 200 Angebote für wichtige Bauteile einholt. Der begründete Verdacht der VW-Manager: Die Chinesen wollen das Getriebe nachbauen, um es in ihrem Modell "Besturn B50" einzusetzen. Der Kleinwagen soll nach Russland exportiert werden - und macht dort den Marken VW und Skoda Konkurrenz.

Die größten Autohersteller in Europa

Platz 10

Nissan - 239.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Im Vergleich zum Vorjahr büßen die Japaner Marktanteile ein. Die Zahl der Neuzulassungen schrumpfte um drei Prozent.

Platz 9

Toyota - 295.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Weltweit gehören die Japaner zu den größten Autokonzernen. In Europa stagnieren die Absätze allerdings. Im Vergleich zum Vorjahr wurden ein Prozent weniger Neuwagen verkauft.

Platz 8

Daimler - 349.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Der deutsche Premiumhersteller kann sich freuen: Als einziger Hersteller in der europäischen Top Ten verkauften die Stuttgarter mehr Autos als im Vorjahr. Die Verkäufe legten um ein Prozent zu.

Platz 7

BMW - 421.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Trotzdem kann BMW die Premiumkrone auch in Europa behaupten. Die Münchner verkauften zwar ein Prozent weniger Neuwagen als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als die Konkurrenz.

Platz 6

Fiat - 456.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Sorgenfalten von Fiat-Chef Sergio Marchionne dürften zunehmen. Mit einem Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr befinden sich die Italiener in einer der tiefsten Absatzkrisen der Unternehmensgeschichte.

Platz 5

Ford - 533.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch für den US-Autobauer, dessen größtes Werk in Europa nördlich von Köln liegt, sind die Verkäufe in Europa eingebrochen. 11 Prozent weniger Fahrzeuge wurden an den Mann gebracht.

Platz 4

General Motors - 573.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Zahlen sind besorgniserregend. So besorgniserregend, dass zuletzt auch Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke gehen muss. In Europa brachen die Verkäufe des US-Riesen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ein.

Platz 3

Renault - 583.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Noch schlimmer trifft es den französischen Autoriesen Renault. Satte 17 Prozent weniger Autos konnten die Franzosen im ersten Halbjahr absetzen. Die Regierung denkt bereits über Staatshilfen für die angeschlagene heimische Autoindustrie nach.

Platz 2

Peugeot/Citroën - 827.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch der größte französische Autobauer klagt über Absatzprobleme und kündigte zuletzt an, 8000 Stellen streichen zu wollen. Im ersten Halbjahr schrumpften die Verkäufe um 14 Prozent.

Platz 1

Volkswagen - 1,66 Millionen Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Es ist einsam an der Spitze: Die Wolfsburger deklassieren die Konkurrenz um längen. Im schwierigen europäischen Massenmarkt verliert Volkswagen zwar ein Prozent - doch insgesamt nehmen die Marktanteile zu.

Bislang beobachteten europäische Autobauer lediglich, wie chinesische Partner die Designs der Wagen nachahmten. Dass in einem Joint Venture Konstruktionspläne abgekupfert werden, ist für VW eine neue Dimension.

Der Fall wiegt umso schwerer, als die Wolfsburger schon Ende 2010 erfahren hatten, dass die Chinesen Konstruktionspläne von Volkswagen nutzen, um auch den Motor EA 111 illegal zu kopieren. Dieser Motortyp treibt den VW Polo und den Golf an. Die FAW-Ingenieure änderten lediglich das sogenannte Stichmaß, den Abstand der Zylinder, um einige Millimeter.

Volkswagens Spezialisten zufolge sind mindestens vier in China gültige Patente verletzt worden. VW-Chef Winterkorn konfrontierte Xu Jianyi im Dezember 2010 mit dem Vorfall. Der FAW-Chef versprach, der Sache nachzugehen.

Volkswagen: Wolfsburg - die Insel der Glückseligen

Volkswagen

Wolfsburg - die Insel der Glückseligen

Während die europäische Konkurrenz schwächelt, kann Volkswagen den Gewinn im ersten Halbjahr erneut steigern. Der Rekordumsatz aus dem Vorjahr soll wieder erreicht werden. Die Anleger sind trotzdem enttäuscht.

Im Frühjahr 2011 erklärte FAW dann, bei der Kopie des Motors handele es sich um den individuellen Fehler eines Entwicklungsingenieurs, der etwas missverstanden habe und dafür "hart kritisiert" worden sein.

Inzwischen hat FAW laut verschiedener Maschinenbaufirmen, die mit VW zusammenarbeiten, in Changchun eine Fabrik für den kopierten Motor errichtet. Die Produktion läuft gerade an. Die neueste Entdeckung, dass nun auch das Getriebe kopiert wird, fügt sich in das Bild eines chinesischen Partners, der Rivale geworden ist.

Kommentare (86)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Alienbuster

27.07.2012, 08:21 Uhr

tja. wer halt vom chinesischen markt profitieren will, der muss auch mal in den sauren apfel beissen. die chinesen sind ja schon seit längerem bekannt dafür, dass sie auf kosten der anderen wirtschaftsnationen produkte nachahmen und billiger produzieren können, was natürlich nicht gut ist für diese nationen, die ihren lebensstandart gefährdet sehen. man hat zu sehr darauf vertraut, dass man mit patenten hier auf einer sicheren schiene fährt. siemens hat die gleichen probleme und zuletzt hört man nur horrormeldungen von absatzproblemen und gewinnreduktion. vw ist jetzt noch gut drauf, aber in 1-2 jahren könnte der hype auch bei den autobauern vorbei sein. einzige chance wäre, man baut endlich wirklich energieeffinzientere motoren und versorgt erst mal die westlichen industrienationen mit innovativen modellen. Aber da hat VW zu lange geschlafen und eher auf Porsche geschielt.

sons_of_liberty

27.07.2012, 10:44 Uhr

Welche Überraschung, ich bin schockiert!

Welcher seriöse Journalist konnte sowas nach den Mediengängigen Skandalen mit Mittelständlern, Stihl und dem Transrapid sowas auch nur in Erwägung ziehen ?!

Aber ich verbitte mir China Kritik, fast 50% der Exporte gehen nach China und dieses Land ist essentiel für die Wachstumspläne unseres Landes ... fragt sich nur wessen Wachstumspläne.

Stula

27.07.2012, 10:48 Uhr

"In der Morgendämmerung trällerte eine Lerche ihr wunderbares Lied. Zwei Spatzen hörten sie. Einer sagte: „Die Stimme ist angeboren!“ Der andere stimmte zu. Da setzte sich die Lerche zu den Spatzen und sagte: „Warum singt ihr nicht? Ich möchte euch so gerne singen hören, damit ich von euch lernen kann.“ Die Spatzen dachten, die Lerche mache sich über sie lustig. Diese aber antwortete: „Ihr irrt! Nur weil ich von allen anderen Vögeln gelernt habe, kann ich so gut singen.“ Die zwei Spatzen hatten noch nie daran gedacht, von anderen zu lernen. Sie waren zutiefst beschämt."

Chinesische Fabel (Kurzfassung)
(veröffentlicht hier im Handelsblatt 2006:http://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/know-how-schuetzen-kopieren-lernt-in-china-jedes-kind/2748264.html)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×