Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.10.2015

13:52 Uhr

Agenda der VW-Aufseher

Alles geklärt, alles offen

VonLukas Bay

Wieder einmal tagen die VW-Aufseher. Die Wahl eines neuen Vorsitzenden ist dabei ihre leichteste Aufgabe. Bei der technischen Aufarbeitung des Abgas-Betruges bleiben die entscheidenden Fragen immer noch ungeklärt.

Noch immer sind bei der technischen Aufarbeitung des Diesel-Skandals viele Fragen offen. dpa

Dieselmotor von VW

Noch immer sind bei der technischen Aufarbeitung des Diesel-Skandals viele Fragen offen.

Deutschlands größter Autokonzern will endlich wieder zurück zur Stabilität. Darum treffen sich an diesem Mittwoch die Aufseher von Volkswagen, um erst einen neuen Aufsichtsratschef zu wählen und dann über die weitere Krisenstrategie zu beraten.

Dabei gilt die wichtigste Entscheidung schon als ausgemachte Sache: Hans Dieter Pötsch, der bisherige VW-Finanzchef, soll nach dem Willen des Präsidiums zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates gewählt werden. Bereits am Vormittag hatte das Amtsgericht Braunschweig den Österreicher auf Vorschlag des VW-Präsidiums zum Aufsichtsrat ernannt.

Volkswagen: Die Mobilmachung

Volkswagen

Premium Die Mobilmachung

Der neue VW-Chef Müller versucht, seine Mannschaft auf Sparrunden einzuschwören. Der Aufsichtsrat streitet weiter. Und die Konzerntochter Audi ermittelt nun auf eigene Faust wegen manipulierter Dieselmotoren.

Aktionärsschützer hatten dieses Vorgehen kritisiert, doch in der VW-Spitze hat eine schnelle personelle Lösung derzeit Vorrang. Besonders die Eigentümerfamilien hatten Pötsch gegen Kritik aus Gewerkschaftskreisen den Rücken gestärkt.

Damit der Aufsichtsrat Pötsch zum neuen Chefaufseher gewählt werden kann, musste der Gerichtsbeschluss per Eilboten von Braunschweig nach Wolfsburg gebracht werden. Die Piëch-Nichte Julia Kuhn-Piëch muss ihren Platz für Pötsch räumen. Damit sinkt auch der Frauenanteil im VW-Aufsichtsrat wieder.

Doch in der aktuellen Krise braucht der Konzern den neuen Chefaufseher dringend. Nach dem Abgang des jahrelangen Firmenpatriarchen Ferdinand Piëch im Frühjahr hatte der Gewerkschafter Berthold Huber zunächst kommissarisch die Geschäfte übernommen. Zumindest die personelle Umstellung an der Spitze dürfte mit der Benennung von Pötsch vorerst abgeschlossen sein. Nach dem Rücktritt von Konzernchef Martin Winterkorn waren Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer, Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg und Porsche-Entwicklungschef Wolfgang Hatz beurlaubt worden.

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Die technische Aufarbeitung des Abgasskandals dürfte sich dagegen noch länger hinziehen. So wartet das Bundesverkehrsministerium darauf, dass VW nun auch schriftlich mitteilt, wie und wann die Manipulation an Diesel-Fahrzeugen abgestellt werden. „Gestern hat uns VW noch einmal versichert, dass der Brief an das Kraftfahrtbundesamt heute (Mittwoch, Anm. der Redaktion) eingehen wird“, sagte ein Ministeriumssprecher. In diesem Schreiben müsse der Konzern erklären, wie genau die Motoren manipuliert wurde, wie und in welchem Zeitraum der Konzern die Probleme beheben wolle, sagte der Sprecher weiter.

In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte der neue VW-Chef Matthias Müller erste Zeitplanungen öffentlich gemacht. Demnach will VW mit dem Rückruf erst im Januar 2016 beginnen. Abgeschlossen wird er erst bis zum Ende des Jahres.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Marc Otto

07.10.2015, 14:23 Uhr

Das Gute vorweg ist, dass WIKO schnell ersetzt wurde.
Das Schlechte, seine Hintermänner Osterloh und das Land Niedersachsen sind weiterhin im Amt und nichts hat sich wirklich geändert.

Oder wird aus einem VW ein Opel, nur weil eine andere Farbe dran ist?

Herr Teito Klein

07.10.2015, 14:23 Uhr

[Diesel-Gate]
--------------------
Wir (VW) erfüllen natürlich alle Anforderungen des Umweltschutzes.
Wir haben den "clean Diesel", den Blue Diesel".
Diese stoßen auf dem Prüfstand nur maximal 50 mg, NOx aus.
Gut, im Normalbetrieb sind es zwar 2000 mg, aber es zählt ja nur der Wert auf den Prüfstand.

Das wird teuer für VW, informierte Kreise sprechen von 70 Milliarden Euro.
Da muss natürlich Personal abgebaut werden. Informierte Kreise sprechen von 30% weltweit,
Der VW-Betriebsrat fordert die 25-Stunden Woche (ohne Lohnausgleich)

Herr Werner Christian Wöhrle

07.10.2015, 14:49 Uhr

Ich bin mit meinem Caddy 1,6 TDI betroffen.

So wie ich 1997 gesagt habe, daß ich niemals mehr einen Opel kaufen werde, nachdem man meiner Frau und mir im Jahr 1997 unsere Opel Nr. 11 und 12 in hundsmiseabler Qualität geliefert hat (Lopez-Effekt, ein Astra und ein Calibra), so sage ich nun, daß ich aus dem gesamten VW-Konzern NIEMALS mehr ein Auto kaufen werde.

Ich lasse mich nicht freiwillig arglistig täuschen und betrügen!

Die Verantwortlichen gehören in den Knast und das sofort!

Mein Zweitwagen ist übrigens 17 Jahre alt, war niemals defekt, wird noch nicht einmal gewartet, nur gelegentlich TÜV, ASU Filterwechsel, Ölwechsel, Bremsflüssigkeitswechsel.

Er hat noch den ersten Auspuff, die ersten Bremsen, keinerlei Rost, niemals eine Reparatur.

Es ist ein SLK 230!

Heilix Blechle mit Sternle, das freut das Herz des Schwaben...

...das Sternle wird mich in Zukunft begleiten!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×