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09.07.2012

13:41 Uhr

Air-Show in Farnborough

Das Luftfahrt-Dilemma

VonHolger Alich, Markus Fasse, Jens Koenen, Lukas Bay

Europas Airlines müssen in neue Flugzeuge investieren, um wieder wirtschaftlicher fliegen zu können. Das beschert den großen Herstellern Airbus und Boeing volle Auftragsbücher. Doch der Boom steht auf wackeligen Füßen.

Zweikampf am Himmel: Airbus und Boeing liefern sich in Farnbourough einen harten Wettbewerb.

Zweikampf am Himmel: Airbus und Boeing liefern sich in Farnbourough einen harten Wettbewerb.

Zürich/München/FrankfurtWenn heute die Luftfahrtmesse in Farnborough startet, scheint die Krise auf den ersten Blick fern. Die Flugzeughersteller Boeing und Airbus liefern sich in der britischen Kleinstadt ein Wettrennen aus dem beide als Gewinner hervorgehen dürften. Die Auftragsbücher sind voll, die Produktion wächst und die Gewinne steigen.

Schon vor dem Start der Messe verkündete Flugzeugbauer Boeing 23 Bestellungen der modernisierten Version der B737 durch Virgin Atlantic. Die amerikanische Flugzeugleasinggesellschaft Air Lease (ALC) orderte gleich 75 Maschinen des Typs 737 Max. Die Order habe nach Listenpreis einen Wert von 7,2 Milliarden Dollar.

Erstmals seit vier Jahren wollen die Amerikaner dieses Jahr wieder mehr Flugzeuge ausliefern als der Konkurrent Airbus. Farnborough soll der Startschuss werden. Die 47 Milliarden Dollar, die bei der Messe vor zwei Jahren in den Auftragsbüchern der Flugzeughersteller standen, werden dieses Jahr wohl nicht erreicht. Doch Boeing und Airbus dürften darüber nicht besonders traurig sein. Ihre Auftragsbücher sind schon jetzt so prall gefüllt, dass Airlines durchschnittlich sieben Jahre auf eine modernisierte Version der A320 oder der B737 warten müssen. Um die Flut der Bestellungen zu bewältigen, müssen Airbus und Boeing ihre Produktion darum massiv ausweiten - um rund 45 Prozent in den kommenden drei Jahren.

Dagegen stehen die europäischen Airlines vor einem Dilemma: Einerseits müssen sie ihre Flotten modernisieren, um bei hohen Kerosinpreisen weiterhin wirtschaftlich zu fliegen. Andererseits können sie sich das nur mit massiven Sparprogrammen leisten. Wichtige Industriestaaten stecken in der Rezession. Zudem belasten zusätzliche Steuern und Abgaben die Bilanzen. Für die Airlines könnten die Milliardenbestellungen zum Selbstmord aus Angst vor dem Tod werden.

Die größten Fluggesellschaften der Welt

Platz 10

US Airways (USA) - 66 Millionen Passagiere

Durch die Fusion mit American Airlines steigt die Fluggesellschaft ab Herbst 2013 zur größten der Welt auf. Im vergangenen Jahr schaffte die Airline nur knapp den Sprung in die Top Ten.

Platz 9

China Eastern Airlines (China) - 73 Millionen Passagiere

Mitte 2011 wurde die chinesische Airline ins SkyTeam aufgenommen. Die 285 Flugzeuge steuern im wesentlichen Ziele im Inland an, aber auch Flughäfen in Nordamerika, Europa und Australien. Größter Anteilseigner der Fluggesellschaft ist die chinesische Regierung.

Platz 8

Air France-KLM (Frankreich) - 77 Millionen Passagiere

Die Franzosen leiden unter dem schwachen Geschäft in Europa. Billig-Airlines und Kerosinpreise verhageln das Geschäft. Darum wurde zuletzt sogar eine Kooperation mit dem aufstrebenden arabischen Konkurrenten Etihad eingegangen, um der Lufthansa ihren Spitzenplatz abzujagen.

Platz 7

Ryanair (Irland) - 79 Millionen Passagiere

Ryanair-Chef Michael O'Leary ist berühmt für seine ausgeflippten Auftritte. Durch seine Billigstrategie sind die Iren mittlerweile die größte Fluggesellschaft Europas. Zuletzt wollten die Iren erneut den heimischen Konkurrenten Aer Lingus übernehmen.

Platz 6

China Southern Airlines (China) - 87 Millionen Passagiere

Asiens größte Fluggesellschaft verfügt über eine Flotte von 360 Maschinen - darunter auch ein Airbus A380. Damit soll die Expansion noch lange nicht abgeschlossen sein, die Flotte soll in den kommenden Jahren um 121 Flugzeuge ausgebaut werden.

Platz 5

Lufthansa (Deutschland) - 103 Millionen Passagiere

Die größte deutsche Fluggesellschaft macht rund 75 Prozent ihrer Umsätze im Passagiergeschäft. Besonders das Geschäft in Europa sorgte zuletzt aber für Millionenverluste. Viele europäische Strecken wurden darum auf die Billigtochter Germanwings umgestellt.

Platz 4

American Airlines (USA) - 108 Millionen Passagiere

Ende 2011 musste die Fluggesellschaft noch Insolvenz anmelden - bald könnte sie durch die Fusion mit US Airways zur größten der Welt aufsteigen.

Platz 3

Southwest Airlines (USA) - 109 Millionen Passagiere

Die bunten Texaner sind die größte Inlandsfluggesellschaft der Welt. Nachdem die Passagierzahl in der Finanzkrise zuletzt heftig gesunken war, erreichte sie 2012 wieder ein Rekordniveau weit über der 100-Millionen-Marke.

Platz 2

United Continental (USA) - 140 Millionen Passagiere

Die Airline aus Chicago verpasst den Spitzenplatz nur knapp. Als Mitglied der Star Alliance ist United auch ein wichtiger Partner der Lufthansa.

Platz 1

Delta Airlines (USA) - 165 Millionen Passagiere

Die Amerikaner sind noch die größte Fluggesellschaft der Welt - müssen ihren Titel aber bald abgeben. Durch die Fusion von American Airlines und US Airways dürfte Delta als größte Fluggesellschaft abgelöst werden. 752 Flugzeuge gehören zur Flotte, weitere 125 sind bestellt.

"Wir, die Airlines, sind die Letzten in der Futterkette", sagt Christoph Franz, Vorstandschef der Lufthansa, Europas größter Airline. Für die Zukunft sagt Franz ein Massensterben in der EU voraus. Laut Branchenkennern verfügt Amerika noch über eine Handvoll unabhängiger Fluggesellschaften, Europa über mehr als 30. Das wird so nicht bleiben. Denn allein für das Jahr 2012 erwarten Europas Fluggesellschaften ein Minus von fast einer Milliarde Euro.

2,6 Milliarden Dollar will die japanische Fluggesellschaft ANA in den kommenden Tagen bei ihren Investoren einsammeln, das Startkapital für einen radikalen Neubeginn. Monat für Monat treffen nagelneue Maschinen vom Typ Boeing 787 "Dreamliner" in Tokio ein, seit Januar fliegt der "Dreamliner" täglich nach Frankfurt. Sechs Maschinen sind bislang im Einsatz, 49 weitere will ANA in den kommenden Jahren in Betrieb nehmen und damit die Konkurrenz in Europa und den USA angreifen.

ANA ist Erstkunde für den Dreamliner, den Wundervogel aus Kohlefaser, den Boeing erst seit einem halben Jahr ausliefert. Mehr als 800-mal hat Boeing den neuen Superflieger vor der Erstauslieferung verkauft. Und er hält, was der Hersteller verspricht: 21 Prozent weniger Sprit verbraucht der Dreamliner gegenüber dem Vorgängermodell Boeing 767, sagt ANA. Für eine Branche, die mittlerweile mehr als die Hälfte ihrer Erlöse für Kerosin ausgibt, sind solche Einsparungen eine Überlebensfrage.

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