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28.04.2014

19:05 Uhr

Alstom-Deal

Industriepolitik wie beim Sonnenkönig

VonRuth Berschens

Es begann mit Sonnenkönig Ludwig XIV, und es wird mit Hollande nicht sein Ende haben: Dass der Staat Bieterkämpfe wie den um Alstom steuert, hat in Frankreich Tradition. Das geschieht manchmal auf Kosten der Unternehmen.

Siemens-Chef in Paris

Poker um Alstom

Siemens-Chef in Paris: Poker um Alstom

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BrüsselMuss ein Topmanager den Regierungschef um Erlaubnis fragen, bevor er ein Unternehmen kauft? Was in Deutschland niemandem auch nur im Traum einfallen würde, ist in Frankreich vollkommen selbstverständlich.

Der bevorstehende Verkauf des Konzerns Alstom beschäftigt in Paris nicht nur Management, Mitarbeiter und Aktionäre, sondern vor allem die Politik. Staatspräsident François Hollande höchstpersönlich lud Siemens-Chef Joe Kaeser heute Abend in den Elysée-Palast. Der Deutsche soll dem französischen Staatschef erläutern, wie er sich die Fusion von Alstom mit Siemens vorstellt.

Kaeser tut gut daran, Hollande von seinem Vorhaben zu überzeugen. Gegen den Willen der Staatsführung lassen sich in Frankreich traditionell  nur schwer Geschäfte machen – selbst dann, wenn sie zwischen Privatunternehmen getätigt werden.

Die staatliche Einmischung in die Wirtschaft hat im zentralistischen Frankreich eine jahrhundertelange Tradition, die mit Sonnenkönig Ludwig XIV. und seinem Finanzminister Jean-Baptiste Colbert begann. Der nach ihm benannte Colbertismus, eine Theorie von der zentralistischen Lenkung der Wirtschaft, ist in den Köpfen der politischen Eliten bis heute lebendig. Alle französischen Präsidenten seit Charles de Gaulle pflegten die Wirtschaftsführer des Landes einzubestellen, um die ökonomische Linie für die Zukunft vorzugeben. 

Stärken und Schwächen von Siemens

Stärke 1

Dividendenstärke

Seit einigen Jahren gilt bei Siemens das Ziel, einen Anteil von 40 bis 60 Prozent des Gewinns nach Steuern auszuschütten, deutlich mehr als früher. Für 2013 gab es wieder eine Dividende auf dem Rekordniveau von drei Euro. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 57 Prozent.

Stärke 2

Aufträge

Der Auftragseingang, also die Umsätze von morgen, legte im abgelaufenen Geschäftsjahr um acht Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu.

Stärke 3

Ertragsperlen

Die Medizintechnik, der kleinste der vier Siemens-Sektoren, glänzte im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit der höchsten operativen Umsatzrendite. Auch in absoluten Zahlen lieferte die Medizintechnik mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von zwei Milliarden Euro den höchsten Gewinnbeitrag.

Schwäche 1

Abhängigkeit von Europa

Was in Boomzeiten ein Vorteil ist, wird zum Nachteil, wenn die Konjunktur lahmt – die starke Position von Siemens in Europa. In Südeuropa etwa können die Schuldenstaaten derzeit nur noch wenige große Infrastrukturprojekte anstoßen. Das bekommt auch Siemens zu spüren.

Schwäche 2

Fehlende Innovationskraft

Es gibt Zweifel an der Innovationskraft von Siemens – trotz 60.000 neuen Patenten im Jahr. Denn der Konzern erzielte zuletzt mit seinen Geschäften nur eine Bruttomarge von 27,4 Prozent. Nach Einschätzung von Konzernchef Joe Kaeser ist dies ein Anzeichen dafür, dass Siemens mit seinen Produkten nicht die Preise erzielen kann, die man gerne hätte. Die Produkte sind womöglich nicht immer innovativ genug.

Schwäche 3

Sonderlasten

Vor allem schlecht gemanagte Großprojekte verhageln dem Konzern seit Jahrzehnten die Ergebnisse. 2013 war es besonders arg. Die anhaltenden Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz auf dem Festland, die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen, der Ausstieg aus dem Solargeschäft und andere Pannen verursachten im Konzern fast 900 Millionen Euro an Sonderaufwendungen.

Auch François Hollande tat das. Er ließ die Chefs der größten Unternehmen zuletzt Anfang September vergangenen Jahres im Elysée-Palast antreten. Einziges Thema der Veranstaltung: Die Größe der französischen Industrie. Den Topmanagern wurde ein Film mit den Wunderwerken französischer Ingenieurskunst vom TGV bis zur Concorde vorgeführt, begleitet von pathetischen Vivaldi-Violonkonzertklängen.

Marken wie Peugeot, Renault, Airbus oder Areva sind untrennbar mit dem Nationalstolz der Franzosen verbunden und den lässt sich das Land einiges kosten. Der Staat päppelt marode Industrie-Ikonen lieber selber teuer wieder auf, bevor er sie ausländischen Käufern überlässt. Das bekam auch Siemens schon einmal zu spüren. Der größte deutsche Industriekonzern hatte bereits vor einem Jahrzehnt erstmals versucht, bei Alstom einzusteigen, scheiterte damals jedoch am Widerstand des damaligen Finanzministers und späteren Präsidenten Nicolas Sarkozy. Der Protektionismus trieb damals viele Blüten. Die französische Regierung stoppte auch den Verkauf von Danone an Pepsico und die Fusion von des Energiekonzerns Suez mit der italienischen Enel.

Kommentare (2)

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28.04.2014, 19:24 Uhr

Verzeihung, aber eine angebliche Uebernahme Danones durch Pepsi-Cola seinerzeit,ist eine Finte von Franck Riboud gewesen, auf die die damalige Regierung von Dominique de Villepin voll reingefallen ist, und er dann den beruehmten "patritotisme patriotique" ausgerufen hat. Pepsi hat nie die Absicht gehabt Danone zu kaufeb!

Account gelöscht!

28.04.2014, 19:54 Uhr

Es ist vollkommen richtig, dass der Staat versucht einzugreifen, wenn sich ein anderer Staat mit seinen gedruckten Dollars Industrieperlen und Technologie kaufen möchte, die für einen unabhängigen Staat unverzichtbar sind. Dem US Imperialismus braucht Europa nicht tatenlos zuzuschauen. So hätte es Finnland auch bei Nokia machen sollen.

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