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13.04.2011

07:22 Uhr

Analyse

Partnerschaften in der Autobranche bergen Gefahr

VonWolfgang Reuter

In der Autobranche wird kooperiert wie nie zuvor. Das Joint Venture von Daimler und Bosch ist das neueste Beispiel. Das ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Die große Gefahr droht, wenn sich der Erfolg einstellt.

Auch die Mercedes-Mutter Daimler setzt verstärkt auf Kooperationen. Quelle: PR

Auch die Mercedes-Mutter Daimler setzt verstärkt auf Kooperationen.

In der Autoindustrie herrscht derzeit ein Kuddelmuddel, das kaum noch jemand überblickt. Daimler produziert Elektroantriebe mit Bosch, Batterien mit Evonik, aber auch mit BYD - und Carbonteile mit Toray aus Japan. Bosch wiederum fertigt Batterien mit Samsung im Joint Venture SB-Limotive, das wiederum Partner von BMW ist. Der Münchener Autobauer entwickelt und baut aber auch Komponenten für E-Autos mit Peugeot sowie Karosserieteile aus Kohlefaser mit SGL Carbon. Toyota hat sich mit dem japanischen Elektronikkonzern Panasonic verbündet, der wiederum Volkswagens Partner Sanyo übernommen hat.

Angeblich geschieht das alles aus Kostengründen, um Kompetenzen zu bündeln oder möglichst schnell große Stückzahlen der jeweiligen Produkte herstellen zu können. Auf den ersten Blick sind das rationale und nachvollziehbare Argumente. Doch es gibt andere, unausgesprochene Gründe für diese Entwicklung: Der geradezu hysterische Elan, mit dem die Akteure derzeit kooperieren, sich vermählen, gemeinsam entwickeln oder gar fertigen, ist auch ein Zeichen der Hilflosigkeit.

Den Autobauern fehlt in der Elektroantriebs-, der Batterie- und der Kohlefasertechnik schlicht das Know-how. Und damit in allen für ein Elektroauto wesentlichen Bereichen. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als Partner zu suchen und sich so die fehlende Kompetenz anzueignen. Ihr Ziel ist es, im Verteilungskampf um Wertschöpfungsanteile in der Elektromobilität, denn um nichts anderes geht es, eine bessere Ausgangsposition zu ergattern, um so ihre Vormachtstellung im Automobilmarkt zu erhalten.

Teilweise handeln sie sogar nach der Devise: je mehr Joint Ventures, desto besser. Denn nur so lassen sich schon heute die Claims in einem Zukunftsmarkt abstecken, von dem niemand genau weiß, wie er sich entwickelt. Unter diesem Aspekt betrachtet hat die Verbrüderung mit Zulieferern einen protektionistischen Aspekt.

Denn letztlich ist ein Joint Venture, zumindest aber ein Geflecht aus mehreren Joint Ventures, ja auch eine Art Mini-Kartell. Doch warum lassen sich die Zulieferer darauf ein? Warum bauen sie die neuen Autos nicht einfach selbst? Viele Experten trauen ihnen das jedenfalls zu.

Die Antwort ist vielschichtig. Einerseits haben die Zulieferer bislang weder Händlernetz noch Markenstärke - ein Vertrieb ihrer Autos würde also schwer werden. Zusätzlich aber sind die alten Strukturen in der Autoindustrie noch intakt. Daimler, BMW & Co. haben die Macht, den Zulieferern klarzumachen, dass sie ihr Kerngeschäft nicht aus der Hand geben. Bosch, Conti und andere, so ihre Botschaft, können schon Motoren oder ganze Antriebssysteme entwickeln und herstellen. Aber ob sie dafür Abnehmer finden, ist fraglich.

Kommentare (2)

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Stefan-L-Eichner

13.04.2011, 10:19 Uhr

Eine gute Analyse. Ein Punkt fehlt allerdings, nämlich der Fall des Scheiterns der Bestrebungen der Schwergewichte im Automobil- und Automobilzulieferersektor, sich mittels Kooperationen an der Spitze zu halten.

Es sind weniger die jungen, dynamischen und noch kleinen Akteure im Bereich der Elektromobilität, von denen eine Bedrohung des Status Quo der Marktmächtigen ausgeht. Mit der Nationalen Plattform für Elektromobilität, hat die Bundesregierung einen starken Schutzschild für sie aufgebaut, denn deren Mitgliederliste liest sich wie das „Who is who“ der deutschen Konzernlandschaft und die großen können dort die Weichen so stellen, wie es für sie am günstigsten ist.

Nein, die größte Gefahr geht von einem weiter steigenden Ölpreis und der realen Gefahr eines neuerlichen Einbruchs der Weltwirtschaft wie nach der Lehman-Pleite 2008 aus. Denn in diesem Fall würden Absatz und Umsätze, die mit konventionellen Autos erzielt werden, einbrechen – nur dieses Mal vermutlich sogar viel stärker als Ende 2008. Die Lehman-Pleite hat vor allem Konzerne getroffen. Umsatzeinbrüche von 20, 30 Prozent sind, wie wir seitdem wissen, möglich (siehe dazu: http://stefanleichnersblog.blogspot.com/2009/10/was-geschieht-wenn-die-nachste-groe_28.html).

Ein solcher Schlag würde die Automobilbranche empfindlich treffen, denn trotz aller E-Auto-Euphorie ist dieser Markt auf absehbare Zeit viel zu klein, um bei den großen kompensieren zu können, was dort möglicherweise infolge einer neuen Krise im konventionellen Markt wegbricht. Wir könnten Konzerne wanken sehen. Und auch der Blick nach Japan, zu Toyota, erinnert die Konzernlenker aktuell an diese Gefahr, der sie bisher absolut nichts entgegenzusetzen haben!

Dass die wilden Kooperationen ein Ausdruck der Hilflosigkeit sind, ist deswegen absolut zutreffend. „Too big to fail“ könnte im Autosektor durchaus zu einem Thema werden.

Traveller

14.04.2011, 11:52 Uhr

Was wäre die Alternative?
Schlaue Journalisten können wohl nur kritisieren...
Meiner Meinung nach wird die Kooperation Daimler/Bosch funktionieren.
Genauso wie andere Kooperationen bereits jetzt schon funktionieren. Bosch/Mahle, Bosch/Infineon etc. Warum traut man den beiden Konzernen dies nicht auch bei Elektromotoren zu?
Es wäre doch gut, wenn sich der Erfolg einstellt. Oder?

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