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04.05.2012

08:09 Uhr

Analyse

Reitzle peitscht Linde zu Höchstleistungen

VonAxel Höpner

Linde-Chef Wolfgang Reitzle ist sein Geld wert, so lautet die Devise bei dem Gasespezialisten. Und der Manager steht zu seinem Millionengehalt. Schließlich hat er den Konzern aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Reitzle. dpa

Der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Reitzle.

MünchenWenn Wolfgang Reitzle ein Thema auf der Seele brennt, dann sagt er gern, dass er dazu eigentlich gar nicht viel sagen will - und legt dann so richtig los. Neulich gab es wieder so einen Moment. Da wurde der Linde-Chef gefragt, ob er es denn in Ordnung finde, dass er weit mehr als das Hundertfache von dem verdiene, was mancher seiner Angestellten nach Hause bringe.

Reitzle kam die Frage recht. Gerade erst hatte er die Sechs-Prozent-Forderung der IG Metall als "absolut überzogen" und "viel zu hoch" bezeichnet. Da wirken seine knapp sieben Millionen, die Reitzle im vergangenen Jahr inklusive Aktienoptionen kassierte, hoch. Doch der Manager ist keiner, der sich in solchen Momenten wegduckt. Gehälter, sagte er also, orientierten sich nach seiner Beobachtung daran, welchen "Werte-Hebel" ein Mensch in einem wirtschaftlichen System habe. Und ein Vorstandsvorsitzender könne nun einmal mit einer Entscheidung Milliarden an Wert schaffen oder vernichten.

Das sind die Stärken und Schwächen von Linde

Stärke 1: Konsequenter Schuldenabbau

Linde profitiert davon, dass die Schulden in den vergangenen Jahren systematisch reduziert wurden. Nach der kreditfinanzierten Übernahme des Konkurrenten BOC lag die Nettoverschuldung im Herbst 2006 bei 12,8 Milliarden Euro. Durch den Verkauf der Gabelstaplersparte Kion im selben Jahr zum stolzen Preis von vier Milliarden Euro an KKR und Goldman Sachs konnte sie deutlich reduziert werden. Seither baute Linde weiter Jahr für Jahr Schulden ab. Im vergangenen Jahr wurden die Nettoverbindlichkeiten weiter von 5,5 auf nun nur noch 5,1 Milliarden Euro gedrückt. Die Nettoverschuldung ist inzwischen nur noch 1,6- mal so hoch wie das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda). Im Jahr 2006 betrug das Multiple noch 4,8. Damit hat das Unternehmen nun Luft für weitere Zukäufe und andere Investitionen.

Stärke 2: Zukunftstechnologien

Das starke Engagement in neue Umwelttechnologien birgt viel Fantasie. Entwicklungsschwerpunkte sind Wasserstoff und Brennstoffzelle, wo Linde unter anderem mit Daimler kooperiert. Auch bei den neuartigen Verfahren zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid will Linde eine führende Rolle spielen. Den Markt für diese und ähnliche Umwelttechnologien, den Linde im Fokus hat, schätzt Reitzle für das Jahr 2030 auf 80 bis 140 Milliarden Euro. Wie viel davon sich Linde sichern will, lässt er offen. Doch es sollen schon "zig Milliarden Euro Umsatz zusätzlich im Jahr" sein, verspricht der Vorstandschef.

Schwäche 1: Historischer Nachholbedarf

In vielen wichtigen Zukunftsmärkten macht Linde gute Geschäfte. So sieht sich der Konzern in China zum Beispiel als Nummer eins. Doch auf dem aktuell mit einem Volumen von 16 Milliarden Euro noch größten Markt - nämlich in den USA - ist Linde vergleichsweise schwach vertreten. Hier erzielen die Münchener nur 20 Prozent ihrer Umsätze, dabei entfallen 30 Prozent des Markts auf Nordamerika. Das hat vor allem historische Gründe. In den USA spielt Wasserstoff für die Entschwefelung von Kraftstoffen in den Raffinerien eine große Rolle - ein Geschäft, in dem Linde noch nicht aktiv war, als es in den 60er-Jahren verteilt wurde.

Schwäche 2: IT-Wildwuchs

Die Vereinheitlichung der IT ist stets eine heikle Aufgabe. Meistens dauern solche Projekte länger als geplant, und die Kosten laufen aus dem Ruder. Bei Linde ist der Wildwuchs allerdings besonders üppig. Das ist eine Folge der Übernahmen in den vergangenen Jahren - wie zum Beispiel der Kauf des britischen Konkurrenten BOC.

Berater hätten vermutlich eine diplomatischere Antwort empfohlen. Doch zweifelsohne ist bei Wolfgang Reitzle dieser Werte-Hebel besonders groß. Als er vor zehn Jahren bei Linde anfing, war der damals etwas verschlafene Gaskonzern keine drei Milliarden Euro wert. Heute sind es dank seiner Entscheidungen weit über 20 Milliarden Euro. Der Aktienkurs stieg von 23 auf zuletzt rund 130 Euro. Kein Wunder, dass Reitzles Gehalt weder bei Arbeitnehmervertretern noch im Aufsichtsrat ein großes Thema ist. Der Mann ist sein Geld wert, lautet die Devise.

Reitzle hat bei Linde große Erfolge erzielt, das zeigt auch der Blick auf die letztjährige Rekordbilanz. Der Chef hat den Konzern zu einem reinen Gasehersteller gemacht, auf grüne Zukunftstechnologien ausgerichtet, die Kosten gesenkt und die Ergebnisse massiv verbessert. In seiner nächsten Amtszeit, die nach der Hauptversammlung beginnt, muss er nun zeigen, dass er wirklich einen permanenten Verbesserungsprozess angestoßen hat.

Quartalsbericht: Linde mit starkem Jahresauftakt

Quartalsbericht

Linde mit starkem Jahresauftakt

Konzernchef Reitzle kann vor der heutigen Hauptversammlung gute Zahlen melden.

Denn das aktuelle Renditeprogramm HPO (High Performance Organisation) läuft in diesem Jahr aus. Mit Hilfe der Initiative sollten die Kosten von 2009 bis 2012 um 650 bis 800 Millionen Euro gesenkt werden. 620 Millionen Euro davon sind bisher erreicht. In diesem Jahr könnten noch einmal 160 Millionen Euro hinzukommen. Dann hätte Reitzle die obere Grenze fast erreicht.

HPO setzte an vielen Stellschrauben an. Die Einkaufsmacht wurde gebündelt, Doppelfunktionen entfielen. So steuert zum Beispiel nun ein "Remote Operation Center" von Leuna aus sämtliche Luftzerlegungsanlagen von Linde im deutschsprachigen Raum.

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