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23.06.2016

15:46 Uhr

Anlagenbau

SMS Group muss weiter sparen

VonRegine Palm

Mit einer mehrgleisigen Strategie stemmt sich der Großanlagenbauer SMS Group gegen die Flaute in der Stahlindustrie. Ausgebaut wird vor allem der Servicebereich. Chancen sehen die Düsseldorfer auch in Iran.

Der SMS-Geschäftsführer setzt seinen Sanierungskurs fort. PR

Burkhard Dahmen

Der SMS-Geschäftsführer setzt seinen Sanierungskurs fort.

Düsseldorf„Der Markt für den metallurgischen Anlagen- und Maschinenbau hat sich 2015 weiter nur verhalten entwickelt“, sagte SMS-Geschäftsführer Burkhard Dahmen am Donnerstag, „die Investitionsbereitschaft ist niedrig“. Bei dem schwerpunktmäßig für die Stahlindustrie produzierenden Anlagenbauer SMS ist daher der Auftragseingang auf 2,76 Milliarden Euro zurückgegangen. Im Jahr zuvor waren es immerhin noch rund 3,17 Milliarden Euro; ein Niveau, das der Konzern auch für die nächsten Jahre anvisiert. In guten Zeiten wie 2018 hatte der Konzern noch über fünf Milliarden Euro in den Büchern stehen. Der Umsatz erreichte mit 3,31 Milliarden Euro nur knapp das Vorjahresniveau von 3,4 Milliarden Euro.

Das Ergebnis der Gruppe, die im Besitz der Unternehmerfamilie Heinrich Weiss ist, brach sogar auf sieben (31) Millionen Euro ein. „Es ist quasi eine schwarze Null, die nicht zufriedenstellend ist“, räumte Dahmen ein. Grund für das schlechte Ergebnis seien neben der weltweiten Krise in der Stahl-, Kupfer- und Aluminiumindustrie vor allem höhere Aufwendungen für die Restrukturierung. Aufgrund der enttäuschenden Entwicklung liegt auch der vor knapp zwei Jahren beschlossene Wegzug aus Düsseldorf nach Mönchengladbach auf Eis. „Die Überlegung bleibt“, sagte Dahmen, aber der Neubau des Firmengebäudes würde rund 100 Millionen Euro kosten und werde daher erst einmal verschoben.

Die SMS Group steuert auch sonst bereits massiv gegen und hat schon vor zwei Jahren ein erstes Restrukturierungsprogramm aufgelegt. Dazu gehört der Kapazitätsabbau im Anlagengeschäft, durch den in Deutschland bis Ende nächsten Jahres 1200 der 5250 Arbeitsplätze wegfallen werden. Der Konkurrent, die italienische Gesellschaft Danieli, hat sogar einen Großteil ihrer Produktion nach Thailand verlagert.

SMS-Chef Burkhard Dahmen: Im Dienst der Familie

SMS-Chef Burkhard Dahmen

Premium Im Dienst der Familie

Als Vorstandschef muss Burkhard Dahmen den Mittelständler SMS aus der Krise führen. Kein leichter Job, denn Firmenpatriarch Weiss sitzt ihm im Nacken und lässt nur wenig Spielraum. Kritiker fordern einen radikalen Wandel.

Zwar wird bei SMS also fast jede fünfte Stelle im Kerngeschäft des Stahlwerkausrüsters gestrichen. „Wir bleiben aber Anbieter der gesamten Prozesskette“, verspricht Dahmen. Bis 2020 will die Gruppe ein Drittel ihrer Umsätze mit der Modernisierung und Reparatur von Anlagen erzielen. „Großes Potenzial“ sieht der SMS-Chef“ bei Modernisierungen hin zu energieeffizienter und umweltorientierter Anlagetechnik“.

Wachstumschancen böte zudem die Digitalisierung. Dazu gehöre bei SMS etwa die Entwicklung intelligenter Komponenten. Die Gruppe hat daher die SMS digital GmbH ins Leben gerufen, die weitere digitale Produkte in Zusammenarbeit mit den Kunden entwickeln und vermarkten soll. Zudem hat die Gruppe Mehrheitsanteile an dem Start-up QuinLogic in Aachen erworben. Das Unternehmen entwickelt Software-Lösungen für ein optimiertes Qualitätsmanagement für die Stahl-, Aluminium- und Papierindustrie.

Im Service-Bereich werden auch neue Jobs geschaffen - davon profitiert aber vor allem das Ausland. So ist die operative Verantwortung für das Servicegeschäft inzwischen in die jeweiligen Regionen verlagert worden. Dennoch hilft es auch der ganzen Gruppe, denn die Margen sind laut Dahmen höher als im Anlagengeschäft. Ein weiterer Vorteil: Die zu erzielenden Summen seien zwar niedriger, flössen aber dank der langjährigen Verträge kontinuierlich Jahr für Jahr.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Auch sonst ruhen viele Hoffnungen der SMS Group auf dem Ausland, insbesondere auf Iran. Nach der schrittweisen Öffnung des Landes sieht der SMS-Chef dort Chancen sowohl bei der Modernisierung als auch beim Neuaufbau der Stahlindustrie. Die Düsseldorfer haben bereits Absichtserklärungen über Projekte im Volumen von über einer Milliarde Euro unterzeichnet. Der Abschluss einiger der Projekte stehe unmittelbar bevor, einige kleinere Aufträge hat die Gruppe nach eigenem Bekunden bereits bekommen. Zudem hat sie mit einem iranischen Unternehmen ein Joint Venture im Bereich Technischer Service und Reparaturen gegründet.

Mängel sieht Dahmen vor allem in der Finanzierung: „Was uns noch fehlt sind die Banken.“ Das hat auch der Maschinenbauverband VDMA auf einer Fachtagung in Berlin erneut kritisiert. Die gute Nachricht sei, so VDMA-Hauptgeschäftsführer Thilo Brodtmann, dass das Bundeswirtschaftsministerium die Hermes-Deckungen für den Iran wieder aufnehmen wolle. Doch könnten viele Unternehmen die Hermes-Deckung de facto nicht nutzen, wenn die Banken die Geschäfte nicht begleiten. Und derzeit seien noch viel zu wenig Finanzinstitute im Zahlungsverkehr mit Iran aktiv.

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