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17.04.2014

06:42 Uhr

Anti-Falten-Nervengift

Botox für die Massen

ExklusivAuf den roten Teppichen dieser Welt sind mit dem Anti-Falten-Mittel Botox gespritzte Stars allgegenwärtig. Doch jenseits der Schönheitschirurgie findet das Mittel wenig Anwendung. Der Hersteller Allergan will das ändern.

Botox-Behandlung: Ein Hersteller will das Mittel jenseits von Schönheitsanwendungen populärer machen. Imago

Botox-Behandlung: Ein Hersteller will das Mittel jenseits von Schönheitsanwendungen populärer machen.

New York/FrankfurtAls Anti-Falten-Mittel hat sich Botox in Deutschland etabliert – mehr als 60.000 Behandlungen nehmen Schönheitschirurgen hierzulande pro Jahr durch. Der US-amerikanische Hersteller Allergan will seinen Verkaufsschlager jetzt aber auch in der Medizin stärker bekannt machen. Allergan-Chef David Pyott war gerade in Deutschland, um bei Ärzten und Krankenkassen für Botox als Medikament zu werben.

„Deutschland steht hier noch ganz am Anfang“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe hier als ePaper). Doch er sieht Potenzial. In den nächsten fünf Jahren will er Deutschland zum wichtigsten Markt für Botox-Therapien in Europa machen.

Gegen insgesamt 27 Krankheitsbilder ist das Nervengift Botox bereits zugelassen, darunter Lid-Krämpfe, neurologische Bewegungsstörungen im Nacken, Spasmen in den Oberarmen und zuletzt auch gegen Migräne und Blasenschwäche. „In der Pharma-Industrie ist das einzigartig“, sagt Pyott. Der Allergan-Chef lässt bereits nach weiteren Einsatzmöglichkeiten für Botox suchen. Unter anderem testen seine Forscher gerade, ob Botox gegen Depressionen hilft.

Wissenswertes zu Botox

Allergan

Das Unternehmen startete als Pharmahersteller, der sich auf die Entwicklung und den Verkauf von Augentropfen spezialisiert hat. Der Konzern aus dem kalifornischen Irvine am südlichen Rand von Los Angeles stellt unter anderem Tropfen gegen trockene Augen und gegen die Krankheit Grüner Star her. Sie hat sich in den vergangenen Jahren jedoch zunehmend auf das lukrative Geschäft mit der Schönheit spezialisiert. Allergan ist Marktführer bei Brustimplantaten aus Silikon und stellt zudem eine Reihe von Füllstoffen her, die das Gesicht - ähnlich wie Botox - jünger aussehen lassen sollen.

Faltenkiller

Ende der 1980er-Jahre übernahm der US-Konzern Allergan die Firma des Arztes und gab dem Mittel den Namen Botox. Dass das Nervengift auch gut gegen Falten ist, fand eine Augenärztin in Kanada im Jahr 1992 zufällig heraus. Seitdem boomt das Geschäft. 2013 ist der Markt für Botox in der Therapie und Ästhetik auf rund 2,8 Milliarden Dollar angestiegen. Ein Plus von zwölf Prozent. Branchenkenner gehen davon aus, dass es in den kommenden Jahren mit ähnlichen Wachstumsraten weitergehen wird. Bis 2020 könnte sich der Markt auf 5,6 Milliarden Dollar verdoppeln.

Wirkstoff

Botox hat seine Ursprünge in Deutschland. Anfang des 19. Jahrhunderts stieß ein deutscher Wissenschaftler auf ein tödliches Gift, das entsteht, wenn Blutwurst schlecht oder falsch zubereitet wird. Botulinumtoxin, so die offizielle Bezeichnung, wird deshalb auch mit "Wurstgift" übersetzt. Das Mittel stoppt für eine gewisse Zeit die Reizübertragung von Nerven auf bestimmte Muskeln. Dadurch erschlaffen die Muskeln. Gut 150 Jahre später experimentierte ein amerikanischer Augenarzt mit dem Mittel und fand heraus, dass es wirksam gegen Schielen ist. Wenig später zeigten Studien, dass das Nervengift auch gegen Spasmen im Gesicht und im Nacken eingesetzt werden kann.

Auch in der Ästhetik gibt es neue Trends. Laut Pyott würden sich Frauen in Südkorea Botox in die Wade spritzen lassen, um sie schlanker zu machen. Offiziell genehmigt ist diese Anwendung nicht. Doch die Nachfrage ist da, also laufen bei Allergan auch dazu erste Studien.

Im vergangenen Jahr hat der Konzern den Umsatz mit dem Nervengift Botox um zwölf Prozent auf fast zwei Milliarden Dollar (1,44 Milliarden Euro) gesteigert. Ein Grund, weshalb das Wachstum weitergehen könnte: Das Pharmaunternehmen Johnson & Johnson hat zuletzt verkündet, aus dem Botox-Geschäft auszusteigen: Die Entwicklung eines Konkurrenzprodukts werde nicht weiter verfolgt. Dessen Zulassung war ursprünglich für Ende 2014 vorgesehen. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf ein anderes Geschäftsgebiet: Brustimplantate.

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