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27.09.2016

13:09 Uhr

Antriebssparte

Siemens streicht 1700 Jobs in Deutschland

Der Stellenabbau war angekündigt, jetzt sind die Details festgezurrt: In der Antriebssparte von Siemens fallen 1700 Jobs weg. Sorgen gibt es vor allem um einen Standort in Bayern.

Bis zum Jahr 2020 sollen die jüngsten Pläne zum  Jobabbau umgesetzt sein. dpa

Siemens

Bis zum Jahr 2020 sollen die jüngsten Pläne zum Jobabbau umgesetzt sein.

MünchenDer Elektrokonzern Siemens hat sich auf die Streichung von insgesamt 1700 Arbeitsplätzen in seiner Sparte Prozessindustrie und Antriebe festgelegt. Nach wochenlangen Verhandlungen einigte sich das Unternehmen mit Arbeitnehmervertretern auf einen entsprechenden Interessenausgleich für die deutschen Standorte, wie ein Siemens-Sprecher am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur sagte. Der Abbau fällt damit nur etwas geringer aus als ursprünglich geplant: Zunächst war von rund 2000 Stellen in Deutschland und 2500 Jobs weltweit die Rede gewesen, die gestrichen oder verlagert werden sollten.

Betroffen sind vor allem vier Standorte in Bayern: In Nürnberg geht es um 590 statt wie ursprünglich geplant um 730 Jobs und in Ruhstorf nahe Passau um 600 statt 710 Arbeitsplätze. In Bad Neustadt/Saale sollen nun 330 Stellen gestrichen werden statt der zuvor geplanten 370 Stellen und an zwei Erlanger Standorten 130 Jobs statt 160 wie in den ersten Planungen vorgesehen. Der Abbau soll bis spätestens Ende September 2020 umgesetzt sein.

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Technologievorstand Siegfried Russwurm verlässt Siemens Ende März. Zuletzt hatte es bereits Spekulationen um einen Abgang gegeben. Die Belegschaft reagiert dennoch geschockt auf den Abschied des beliebten Managers.

Bei den betroffenen Beschäftigten sorgen die Pläne nach den Worten von Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler für Enttäuschung. Zwar habe Siemens zugesagt, alle Produktionsstandorte zu erhalten, doch gebe es große Sorgen vor allem um Ruhstorf, sagte er. Dort sollten lediglich Teile der Elektromotorenfertigung erhalten bleiben. „Es gibt große Sorgen, ob das, was hier vereinbart ist, nach vier Jahren noch leben wird“, sagte Wechsler. Angedacht ist dem Vernehmen nach auch, ein Gewerbecenter auf dem bisherigen Siemens-Gelände anzusiedeln. Einzig beruhigend sei, dass sich der Stellenabbau über vier Jahre bis 2020 hinziehen werde, sagte Wechsler.

Er hatte Siemens aufgefordert, die Verlagerung von Produktionsarbeitsplätzen nach Osteuropa zu stoppen. In begrenztem Umfang hätten die Arbeitnehmervertreter dies bei den Verhandlungen auch erreicht, „aber Siemens hält an seiner Verlagerungsstrategie fest“. Deshalb erneuere er auch seine Forderung nach einem Verlagerungsstopp bei dem Unternehmen.

Siemens hatte die Einschnitte vor allem mit der Nachfrageflaute in der Öl- und Gasbranche begründet, die Preisdruck und eine mangelnde Auslastung der Werke mit sich bringe. Das Geschäftsfeld mit zuletzt weltweit rund 45.000 Beschäftigten bietet etwa Getriebe, Motoren, Antriebe und Kupplungen für die Öl-, Gas- und Bergbauindustrie. Damit ist es auch stark von der Rohstoffpreisentwicklung abhängig.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Den betroffenen Mitarbeitern will der Elektrokonzern möglichst alternative Jobs an anderen Stellen im Unternehmen bieten und sie dafür falls nötig auch entsprechend qualifizieren. Außerdem sind Abfindungen, Altersteilzeit oder Möglichkeiten zum Übergang in Auffanggesellschaften vorgesehen. Derzeit sei noch offen, wie viele Mitarbeiter innerhalb des Konzerns auf andere Arbeitsplätze wechseln könnten, sagte der Sprecher. Siemens hatte die Kosten für die Maßnahmen auf rund 200 bis 300 Millionen Euro eingeschätzt.

In einem internen Interview, das dpa vorliegt, erklärte Siemens-Personalchefin Janina Kugel, die Gespräche seien nicht leicht gewesen, immerhin gehe es „um schmerzhafte Einschnitte“. „Aber letztlich haben wir alle ein Interesse daran, das Geschäft wieder nachhaltig wettbewerbsfähig aufzustellen und die Standorte langfristig zu erhalten.“ Mit den Vereinbarungen habe man „einen Schritt in die richtige Richtung“ gemacht. Das Ergebnis biete die Chance, die Sparte zu stabilisieren und den Blick nach vorne zu richten, so Kugel.

Von

dpa

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