Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.03.2012

10:47 Uhr

Arbeitsmarkt

Dax-Konzerne entfachen Job-Boom zuhause

VonUlf Sommer

Die Börsenkonzerne scheuten lange Zeit vor Neueinstellungen in Deutschland zurück. Nun hat sich der Trend erstmals seit langem gedreht. Die Erfolgsformel: Wer im Ausland gut verdient, schafft Jobs im Inland.

Der Autobauer VW hat im vergangenen Jahr mit Abstand am meisten neuen Stellen geschaffen. dpa

Der Autobauer VW hat im vergangenen Jahr mit Abstand am meisten neuen Stellen geschaffen.

DüsseldorfMehr Umsätze, steigende Exporte und höhere Gewinne – das zeichnet die großen deutschen Konzerne seit langem aus. Doch die Kehrseite des Globalisierungsbooms hieß stets: Immer weniger Mitarbeiter forschen, entwickeln und produzieren in der Heimat. Rund 100.000 Stellen hatten die 30 Dax-Konzerne in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland gestrichen, selbst im Boomjahr 2010 gingen 5 000 Stellen verloren. Die Aufschwünge 2007 und 2010 bremsten diesen Exodus zwar ein wenig, vermochten ihn aber nicht umzukehren.

Das ist jetzt Vergangenheit. Erstmals seit zehn Jahren haben die Dax-Konzerne auch in Deutschland wieder Stellen geschaffen. Die 30 Unternehmen beschäftigten zum Jahreswechsel 1,59 Millionen Angestellte in Deutschland. Das waren 16.280 mehr als ein Jahr zuvor.

Pause bei VW

Video: Pause bei VW

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Die Bilanz sähe noch besser aus, hätten nicht zwei Konzerne Unternehmensteile abgestoßen. Thyssen-Krupp verlor 6000 Mitarbeiter. Dabei handelt es sich aber nicht um Entlassungen, sondern um verkaufte und ausgegliederte Gesellschaften bei den Werften und im Edelstahlsektor. Der Versicherer Allianz beschäftigt rund 8000 Mitarbeiter weniger. Gut die Hälfte entfiel auf die Industriebeteiligung Manroland. Ein Teil des insolventen Druckmaschinenherstellers war an die Lübecker Possehl-Gruppe gegangen.

Insgesamt waren zum Jahreswechsel 3,8 Millionen Menschen bei den 30 Dax-Konzernen tätig – 60.000 mehr als Ende 2010. Das belegen die Geschäftsberichte und Auskünfte aus den Konzernzentralen. Damit endet in Deutschland ein Langfristtrend, wonach die großen börsennotierten Konzerne im Hochlohnland Stellen streichen – und nur noch in den neuen und preiswerten Märkten neue schaffen. Deshalb war das deutsche Jobwunder mit immer neuen Beschäftigungsrekorden lange Zeit an den Dax-Konzernen vorbeigegangen. Insgesamt stieg 2011 in Deutschland die Zahl der Beschäftigten gegenüber dem Vorjahr um 520.000 auf 41 Millionen. Das ist Rekord.

Stärkster Treiber des Einstellungsbooms im Dax sind die exportstarken Industriekonzerne mit hohem Umsatzanteil im Ausland. Der Chemiekonzern BASF beschäftigt 52.049 Mitarbeiter in Deutschland, 1248 mehr als ein Jahr zuvor. Für Siemens arbeiten jetzt hierzulande 116.000 Beschäftigte, 6000 mehr als ein Jahr zuvor. Der Gesundheitskonzern Fresenius mit seiner in den USA starken Tochter FMC kommt in Deutschland auf ein Stellenplus von 4439. Bei den Autobauern BMW, Daimler und VW hat sich die Zahl um 17.000 hierzulande erhöht. Die meisten neuen Mitarbeiter in Deutschland stellte VW ein: Rund 11.000. Dabei sind die Beschäftigten des inzwischen voll konsolidierten Lkw-Herstellers MAN nicht eingerechnet.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Job-Wunder

26.03.2012, 11:00 Uhr

Verstehe ich diesen Artikel richtig, dass es sich um
Vollarbeitsstellen handelt, keine Zeitarbeitsstellen,
keine befristeten Arbeitsstellen, keine Mindestlohnjobs?

Vielleicht kann Herr Sommer mal seinen euphorischen Beitrag
mal ein bisschen präzisieren.

Voltaire

26.03.2012, 11:23 Uhr

Nachdem wir derzeitig eine jährlich konsolidierte Wachstumsrate größer 10 Prozent haben, also eine verdeckte um ca. 7 Prozentpunkte über der offiziell vom statistischen Bundesamt getürkten veröffentlichten Zahl, herrscht ein extremer Nachfragebedarf sowohl an Fach- als auch Hilfskräften.

Aufgrund der Vollbeschäftigung werden ausländische Fachkräfte mit Berufsausbildung aktuell mit mind. 70k Jahresgehalt und Akademiker mit Studienabschluss größer 120k Jahresgehalt zzgl. einer einmaligen Integrationsprämie von 40k angeheuert.

Darüber hinaus haben sich die Unternehmen entschlossen, die Lohn- und Gehaltszahlungen für ihre Arbeiter und Angestellten zum 01.04.2012 je nach Branche zwischen 25 bis 35 Prozent rückwirkend zum 01. Januar 2012 anzuheben.

Weiterhin erstatten die Unternehmen auf Antrag ihren MitarbeiterInnen die Kita-Kosten für deren Kinder sowie Kosten für Freizeitaktivitäten und Teilnahme an Glücksspielen mit bis zu 3000 EUR pro Jahr.

Ehemalige Angestellte werden angeschrieben, ihren "wohlverdienten Ruhestand" zu unterbrechen. Für eine befristete Anstellung wäre man bereit, das letzte Monatsgehalt zzgl. einem Sonderzuschlag von 30 Prozent und einer einmaligen Anti-Abwrackpräme in Höhe von 2500 EUR zu bezahlen.

Account gelöscht!

26.03.2012, 11:51 Uhr

Immerhin hebt Herr Sommer besonders hervor, dass "bei Siemens eine Betriebsvereinbarung 2600 Zeitarbeitern zu einem unbefristeten Arbeitsverhältnis verhalf."
Ansonsten bleibt er diesbezüglich doch eher unbestimmt und daher gehe auch ich davon aus, dass es sich vorwiegend um Minijobs und Zeitarbeit handelt. Womöglich sind im Krisenverlauf unbefristete Arbeitsverhältnisse abgebaut worden, um jetzt in der Boomzeit in befristete und/oder prekäre umgewandelt zu werden. Und dies wird uns jetzt als Jobwunder verkauft.
Wenn man bedenkt, dass das wirtschaftspolitische Augenmerk der vergangenen Jahrzehnte v.a. darauf lag, eben diese Exportmonster zu fördern (Euroeinführung, Absenkung der Lohnstückkosten u.v.m.), die mit ihren Dumpingpreisen ganz Europa aus dem Gleichgewicht brachten und noch immer bringen, dann wirkt diese aus dem Zusammenhang gerissene und fadenscheinige Lobhudelei des Herrn Sommer tatsächlich sehr befremdlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×