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22.09.2015

03:10 Uhr

ARD-Sondersendung zum VW-Skandal

„Ziemlich verlogen und erschütternd“

VonMartin Dowideit

Der Volkswagen-Konzern gehört zu den größten Unternehmen Deutschlands – der Skandal um manipulierte Abgasmessungen in den USA schafft es ins ARD-Hauptprogramm. Denn „Made in Germany“ sei in Gefahr.

Der Volkswagen-Abgasskandal im ARD-Sendeverlauf: „Plusminus extra“-Moderatorin Pinar Atalay sieht „Made in Germany“ in Gefahr. Quelle: NDR

„Plusminus extra“-Moderatorin Pinar Atalay

Der Volkswagen-Abgasskandal im ARD-Sendeverlauf: „Plusminus extra“-Moderatorin Pinar Atalay sieht „Made in Germany“ in Gefahr. Quelle: NDR

DüsseldorfVor einem Brennpunkt um 20.15 Uhr scheute die ARD dann doch zurück – so etwas ist Flüchtlingskrisen, Erdbeben und Überschwemmungen vorbehalten. Doch den Abgasskandal bei Volkswagen gewichtete die Redaktion so bedeutend, dass am Montagabend ein „Plusminus extra“ in den ARD-Sendeablauf gehoben wurde. Das Format ist für die Wirtschaftssendung äußerst selten und sonst eigentlich höchstens mal an ARD-Themenabenden gesendet.

Doch „Made in Germany“ sei in Gefahr, so Moderatorin Pinar Atalay zum Auftakt der 15-minütigen, mit Fakten dicht gefüllten Sendung. Die Börse hatte in den Stunden zuvor ihr Urteil über die Wichtigkeit der Nachricht deutlich gefällt. Um 18,6 Prozent stürzte der Kurs der Volkswagen-Aktie. Zweifel an der Ingenieurskunst, wirtschaftliche Auswirkungen – das wühlt die Autonation auf, sowohl auf Seiten der Autofahrer als auch auf Seiten der Mitarbeiter der Autohersteller.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

„Da ist man schon enttäuscht“, sagt ein VW-Mitarbeiter den ARD-Reportern vor dem Werkstor am Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg. Schließlich handele es sich um einen Weltkonzern. Und auch Passanten in den USA kommen zu Wort („Ziemlich verlogen und erschütternd“) sowie Gäste auf der derzeit laufenden Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt („Das sehe ich als hoch peinlich an und einen Skandal“).

Das Vertrauen in „German Engineering“ leidet, seit die US-Umweltbehörde am Freitagabend vergangener Woche über Verstöße gegen Abgasvorschriften berichtete. Volkswagen-Fahrzeuge mit Diesel-Motor seien in den USA so manipuliert gewesen, dass sie Abgastests erkennen konnten und dann die Abgasmenge so reduzierten, dass sie den Test bestanden. In „freier Wildbahn“ verzichten die Motoren auf eine Drosselung, die den Ausstoß von Stickoxiden (NOx) mindern kann. Denn das ginge auf Kosten der Leistung.

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