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12.10.2011

10:34 Uhr

Areva-Chef Oursel

„Der deutsche Weg ist ambitioniert“

VonJürgen Flauger, Martin Murphy

ExklusivDer Chef des weltgrößten Reaktorbauers Areva erläutert im Gespräch, warum die Energiewende auch Chancen bietet - und der Rückbau von Reaktoren ein lukratives Geschäft werden könnte.

Areva-Chef Luc Oursel. Reuters

Areva-Chef Luc Oursel.

Handelsblatt: Herr Oursel, Deutschland hat nach Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Da kann der Chef des weltgrößten Herstellers von Kernkraftwerken doch nur mit dem Kopf schütteln, oder?

Luc Oursel: Natürlich respektiere ich diese Entscheidung. Jedoch war ich überrascht, wie emotional und schnell die Deutschen reagiert haben. Jedes Land muss das selber wissen. So wie ich das sehe, steht Deutschland in dieser Frage aber alleine und isoliert da.

Handelsblatt: Aber in Europa haben sich doch beispielsweise auch die Schweiz und Italien gegen die Kernkraft ausgesprochen.

Oursel: Das sind zwei ganz andere Fälle als Deutschland. Italien betreibt derzeit keine Kernkraftwerke und hat sich jetzt entschieden, dass das so bleiben soll. Und die Schweiz will zwar keine neuen Reaktoren bauen, wird die bestehenden Anlagen aber weiter betreiben. Andere Länder wie Großbritannien, Niederlande, Finnland, Polen, Tschechien oder Schweden halten auch nach Fukushima an ihren Plänen fest, sich stärker in der Atomkraft zu engagieren.

Handelsblatt: Sie meinen also, dass sich die Aufregung nach dem Reaktorunglück gelegt hat?

Oursel: Wenn ich mich in der Welt umschaue, haben fast alle Länder, die Kernkraftwerke betreiben, sich zu der Technik bekannt. Und die meisten Länder, die Kernkraftwerke bauen wollen, haben ihre Pläne bekräftigt. Aus den USA haben wir beispielsweise erst vor kurzem den Auftrag für die Fertigstellung eines Reaktors erhalten. Mir ist weltweit kein einziges Bauprojekt bekannt, das gestoppt wurde.

Handelsblatt: Aber selbst Areva hat nach Fukushima Aufträge verloren.

Oursel: Es ist richtig, dass wir nach dem Unglück Stornierungen in einem Volumen von 200 Millionen Euro bekommen haben. Dabei ging es aber nicht um Neubau-Projekte, sondern beispielsweise um Brennelemente, die in Japan und in Deutschland nicht mehr benötigt werden. Und verglichen mit unserem Auftragsbestand von 43 Milliarden Euro fallen die Stornierungen kaum ins Gewicht.

Handelsblatt: Die größte Atomkatastrophe seit Tschernobyl hat die Renaissance der Atomkraft also nicht gestoppt?

Oursel: Nein. Der Prozess wird sich nur etwas verzögern. Wir rechnen immer noch damit, dass bis zum Jahr 2030 die Summe der installierten Kernkraftwerksleistung von derzeit 380 auf 580 Gigawatt steigen wird, das käme etwa 130 großen 1 500-Megawatt-Reaktoren gleich. Vor zwei Jahren hatten wir noch mit etwas mehr, nämlich 650 Gigawatt, gerechnet.

Handelsblatt: Was spricht für die Kernenergie?

Oursel: An den fundamentalen Fakten hat sich auch nach Fukushima nichts geändert. Die Weltbevölkerung wächst und damit der Energiebedarf. Die Verbraucher wollen vor allem günstige Preise – und die bietet die Atomkraft. Und mit Blick auf den Klimaschutz brauchen wir beides, erneuerbare Energien und Kernenergie.

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