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25.02.2013

12:54 Uhr

Arzneientwicklung

Mercks Hoffnungsträger fällt durch

Das Krebspräparat „Cilengitide“ war der große Hoffnungsträger von Merck. Doch das Medikament wirkt nicht wie erhofft, wie eine Studie zeigt. Es ist nicht der erste Rückschlag für den Konzern innerhalb weniger Monate.

Ein Mitarbeiter der Merck-Gruppe: Probleme mit den Pillen. dapd

Ein Mitarbeiter der Merck-Gruppe: Probleme mit den Pillen.

Die Rückschlagserie in der Medikamentenentwicklung reißt für den Darmstädter Pharmakonzern Merck nicht ab: Ein neues Krebspräparat wirkt nicht wie erhofft. Das Medikament Cilengitide gegen Hirntumore habe in einer klinischen Studie das vorrangige Ziel verfehlt, teilte Merck am Montag mit. Der Wirkstoff habe in dem Test das Überleben der Patienten nicht signifikant verlängert.

An der Studie der Phase III nahmen mehr als 500 Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom teil. Jedes neue Medikament muss vor einer Zulassung erst drei Phasen der klinischen Erprobung bestehen. Das Glioblastom gilt als sehr aggressiv und schwer zu behandeln. In Deutschland erkranken nach Angaben der Deutschen Hirntumorhilfe jährlich rund 8.000 Menschen daran.

Nach mehreren Studienflops war Cilengitide für den Konzern einer der wenigen größeren Hoffnungsträger in der Medikamentenforschung. Die Merck-Aktie büßte an der Börse zeitweise mehr als zwei Prozent an Wert ein. Damit hielten sich die Kursverluste allerdings noch in Grenzen. Analysten hatten das Medikamentenprojekt mit Cilengitide immer schon als sehr riskant eingestuft.

Die Ergebnisse der Studie (Centric) seien enttäuschend, sagte Annalisa Jenkins, die in der Pharmasparte Merck Serono für die weltweite Medikamentenentwicklung verantwortlich ist. Merck werde nun in den kommenden Monaten die Daten auswerten und angemessen veröffentlichen. An dem Test nahmen Patienten teil, deren Tumor einem bestimmten Genprofil entsprach. Sie erhielten entweder Cilengitide zusätzlich zu einer Radiochemotherapie oder nur die Radiochemotherapie. Neben der Centric-Studie untersucht Merck das Mittel aktuell noch in zwei Phase-II-Studien. Einer der Tests prüft die Wirkung der Arznei bei Hirntumor-Patienten, die das spezielle Genprofil aus der Centric-Studie nicht besitzen. Dessen Daten will sich Merck nun im Lichte der Ergebnisse genau anschauen. Die zweite Studie untersucht die Wirksamkeit von Cilengitide als Medikament gegen Lungenkrebs.

Pharmabranche an der Patentklippe

Wichtige Patente laufen aus

Die Pharmabranche steht vor schwierigen Zeiten: Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Accenture werden bis zum Jahr 2015 rund 50 Blockbuster ihren Patentschutz verlieren – das sind Arzneien, die für mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr sorgen. Die Originalprodukte verlieren nach Patentablauf in der Regel massiv Marktanteile an die deutlich preisgünstigeren Nachahmer-Produkte der Generikahersteller.

Cholesterinsenker und Blutverdünner

Betroffen sind die Medikamente etlicher Pharmakonzerne. Etwa der Cholesterinsenker Lipitor, mit dem Pfizer einst mehr als 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr machte. Oder der Blutverdünner Plavix, der Sanofi und Bristol-Myers Squibb 2011 mehr als neun Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Auch das Asthma-Mittel Singulair von Merck verliert seinen Schutz.

Generikahersteller profitieren

Von Ablauf der Patente profitieren die Hersteller von Generika: Sie dürfen die Arzneien kopieren und zu günstigen Preisen verkaufen. Das dämpft die Kosten – auch die Patienten profitieren davon.

Probleme mit dem Nachschub

Der Pharma-Industrie fällt es immer schwere, neue Blockbuster-Medikamente zu entwickeln. Das hat mit den strikteren Zulassungsbedingungen und den schärferen Kontrollen der Behörden zu tun. Ein Beispiel: Der deutsche Hersteller Merck stoppte das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, weil es in mehreren Ländern keine Zulassung bekam.

Auch Krebsimpfstoff „Stimuvax“ schaffte Ziele nicht

Erst im Dezember hatte Merck einen schweren Rückschlag erlitten, als der Wirkstoff L-BLP25 – auch als „Stimuvax“ bekannt – in einer Lungenkrebsstudie durchfiel. Analysten hatten Stimuvax bis zu einer Milliarde Euro Umsatz im Jahr zugetraut. Die Substanz sollte den Konzern in der Forschung deutlich voranbringen. Größter Flop für den Konzern war im Jahr 2011 die Multiple-Sklerose-Tablette Cladribin, die bei den Zulassungsbehörden in den USA und Europa durchfiel.

Angesichts der Fehlschläge und eines dünnen Medikamentennachschubs hatte Merck-Chef Karl-Ludwig Kley ein massives Umbauprogramm auf den Weg gebracht. Unter anderem will Kley damit die Pharmaforschung wieder schlagkräftiger machen. Parallel dazu forciert Merck Kooperationen mit kleineren Biotechfirmen, um sich auf diesem Weg neue hoffnungsvolle Wirkstoffe zu sichern. Viel Zeit bleibt dem Konzern nicht. Denn ab 2015 könnte den drei umsatzstärksten Medikamenten Konkurrenz durch Generika drohen. Erst im Januar hatte Pharmachef Stefan Oschmann gesagt, dass Merck alle zwei Jahre ein neues Medikament oder eine neue Indikation brauche.

Von

rtr

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