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16.05.2013

08:25 Uhr

Arzneimittelskandal

Hunderte Tote und ein unwirscher Pharmachef

Der Prozess zum Arzneimittelskandal in Frankreich wird fortgesetzt: Bis zu 2000 Menschen starben an den Folgen des Diabetes-Medikaments Mediator. Nun muss sich Konzernchef Servier wegen schweren Betrugs verantworten.

Mehr als 30 Jahre lang wurde das vom Pharma-Konzern Servier hergestellte Medikament Mediator in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zwischen 500 und 2000 Menschen starben nach Schätzungen daran. dpa

Mehr als 30 Jahre lang wurde das vom Pharma-Konzern Servier hergestellte Medikament Mediator in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zwischen 500 und 2000 Menschen starben nach Schätzungen daran.

ParisEs ist einer der größten Arzneimittelskandale in der Geschichte Frankreichs: Bis zu 2000 Menschen starben an den Folgen des Diabetes-Medikaments Mediator, das als Mittel zum Abnehmen weit verbreitet war. Auf den Tag genau ein Jahr nach der Unterbrechung des ersten Strafprozesses dazu wird am Dienstag in Nanterre bei Paris das Verfahren gegen den Chef von Frankreichs zweitgrößtem Pharmakonzern Servier, Jacques Servier, fortgesetzt. Mehr als 600 Nebenkläger hoffen auf eine Verurteilung der Schlüsselfigur des Skandals, in dem auch die Behörden nicht gut aussehen.

Mehr als 30 Jahre lang wurde das von Servier hergestellte Medikament Mediator in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zunächst zur Senkung der Blutfettwerte und dann gegen Übergewicht bei Diabetes-Patienten gedacht, nutzten bald auch Nicht-Diabetiker das Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex zum Abnehmen.

Insgesamt sollen fünf Millionen Menschen das Mittel eingenommen haben, das zu einer Verdickung der Herzklappen führen kann. Laut Schätzungen starben zwischen 500 und 2000 Menschen an den Folgen der Medikamenten-Einnahme, tausende weitere mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

In dem Strafprozess in Nanterre müssen sich Konzern-Chef Servier und vier frühere Führungskräfte des Pharmariesen wegen schweren Betrugs verantworten. Sie sollen die gefährlichen Nebenwirkungen des Medikaments gekannt und verheimlicht haben. Der inzwischen 91-jährige Servier sorgte erst vor wenigen Tagen für Empörung: Als ihn ein Kamerateam des Senders BFMTV in der Nähe seines Hauses auf der Straße überraschte und auf den Prozess ansprach, antwortete er unwirsch: "Uns ist der Prozess schnurzegal."

Der Pharmakonzern beeilte sich zu versichern, die Äußerungen spiegelten "selbstverständlich weder die Haltung der Unternehmensgruppe Servier noch die persönlichen Gefühle von Herrn Servier wider". Der 91-Jährige habe beim plötzlichen Erscheinen des Kamerateams "Angst" gehabt und entschuldige sich.

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