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18.05.2012

09:12 Uhr

Astra-Verlagerung

IG Metall wirft Opel „nackte Erpressung“ vor

Trotz der Produktionsverlagerung des Astras ins Ausland hält die IG Metall die deutschen Opel-Werke für nicht gefährdet. Doch die Arbeitnehmer sind sauer, die Gewerkschaft wirft der Opel-Führung Wortbruch vor.

Trotz der Astra-Verlagerung ins Ausland hält die IG Metall die deutschen Werke nicht für gefährdet. Reuters

Trotz der Astra-Verlagerung ins Ausland hält die IG Metall die deutschen Werke nicht für gefährdet.

Mainz/BerlinDie IG Metall wirft Opel bei der Entscheidung zur Verlagerung der Produktion des wichtigen Modells Astra von Rüsselsheim nach Polen und Großbritannien Wortbruch vor. Die Gewerkschaft will den Kahlschlag des Autobauers nicht widerstandslos hinnehmen. Der Frankfurter IG-Metall-Bezirksleiter Armin Schild, sagte am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“, die Arbeitnehmervertretung habe in der großen Krise Verträge mit dem Unternehmen geschlossen, die sicherstellten sollten, „dass solche Entscheidungen nicht an uns vorbei getroffen werden können“.

„Deshalb sind wir verwundert“, erklärte Schild. Die Menschen an den deutschen Standorten seien „stinksauer“. Dennoch sieht Schild, der auch im Opel-Aufsichtsrat sitzt, keines der vier deutschen Opel-Werke, auch das in Bochum nicht, momentan von der Schließung bedroht. Die IG Metall sei davon überzeugt, dass jeder Opel-Standort in Deutschland gehalten werden kann.

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.

Opel und GM

Im ersten Quartal 2011 verzeichnete GM mit dem Europageschäft um Opel und die kleinere britische Schwester Vauxhall operativ rote Zahlen von 390 Millionen Dollar (263 Mio. Euro). Im gesamten vergangenen Jahr war es ein Verlust von 1,76 Milliarden Dollar.

2012

Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von mehreren hundert Millionen Euro. Das Europageschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.

Mai 2012

Am 17. Mai gibt Opel bekannt, dass das Stammwerk Rüsselsheim die Produktion des mit Abstand wichtigsten Modells Astra verliert. Das Fahrzeug soll von 2015 an nur noch im britischen Ellesmere Port und in Gliwice (Polen) gebaut werden. Rüsselsheim als modernstes Werk von Opel/Vauxhall in Europa soll aber auch künftig voll ausgelastet werden. Wie, das soll in Gesprächen zwischen Management und Betriebsrat geklärt werden.

Schild warnte, es wäre „betriebswirtschaftlicher Wahnsinn“, das Bochumer Werk zur Disposition zu stellen. Für die IG Metall sei es „unakzeptabel“, das solche öffentliche Gedankenspiele vom Unternehmen zugelassen werden. Das Opel-Stammwerk Rüsselsheim sei sicher das modernste und flexibelste Werk des Traditionsunternehmens in Europa und verfügte daher wohl über die höchste Bestandsgarantie in Deutschland, sagte Schild.

Zur Frage, ob die vier deutschen Standort - neben Rüsselsheim und Bochum, Eisenach und Kaiserslautern - gehalten werden können, sagte er: „Davon bin ich ganz fest überzeugt. Ich glaube, dass wir uns um die Zukunft der vier deutschen Standort keine Sorgen machen müssen“. Die aktuellen Probleme der Unternehmens seien Image- und Marketing-Probleme. Opel müsse von der US-Konzernmutter General Motors zudem Zugang zu den großen Wachstumsmärkten in der Welt erhalten, wie etwa China.

„Klar ist, das sage ich für die ganze IG Metall: die IG Metall wird nicht die Hand reichen für ein Gegeneinander der Standort.“ Weiter sagte Schild: „Keiner wird zulasten des anderen ausgelastet“. Was im britischen Werk Ellesmere Port geschehen sei, mit Lohnverzicht die Verlagerung von Astra-Produktionsteilen dorthin zu erreichen, sei „nackte Erpressung“ gewesen. Dieser Fall zeige, dass Opel und GM versuchten, Belegschaften gegeneinander auszuspielen.

Opel und GM hatten am Donnerstag entschieden, den Astra aus Kostengründen ab 2015 nicht mehr in Rüsselsheim sondern im britischen Ellesmere Port und im polnischen Gleiwitz zu bauen. Schild erneuerte die Forderung, dass Opel-Fahrzeuge nicht auf die europäischen Märkte begrenzt bleiben sollten. „Opel wird nicht da verkauft, wo andere Automobilhersteller gerade sich 'ne goldene Nase verdienen, sondern auf den schwierigen europäischen Märkten.“ Verluste müssten dann von der Mutter General Motors auch finanziert werden.

Opel baut Astra nicht mehr in Deutschland

Video: Opel baut Astra nicht mehr in Deutschland

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