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06.10.2011

12:09 Uhr

Atomausstieg

Ein Geheimplan für die AKW-Betreiber

VonJürgen Flauger, Martin-W. Buchenau, Wolfgang Reuter

ExklusivEin streng vertrauliches Papier beschreibt ein Modell zur Finanzierung des Rückbaus deutscher Atomkraftwerke. Es sieht vor, das ein Teil der Kosten zunächst aus der Staatskasse überbrückt wird.

Proteste vor dem Atomkraftwerk in Grohnde im Frühjahr diesen Jahres. dpa

Proteste vor dem Atomkraftwerk in Grohnde im Frühjahr diesen Jahres.

Düsseldorf/StuttgartBis 2022 müssen alle deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden, hat der Bundestag beschlossen. Unklar aber ist, wo der Strom nach der Energiewende herkommen soll. Die Stadtwerke sind zu klein, um die notwendigen Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien zu stemmen. Und die großen Energieversorger erhalten praktisch kein Kapital mehr, seit der Atomausstieg beschlossen ist - weder von Aktionären noch von Banken oder Anleihegläubigern. Denn die enormen Risiken, die den Konzernen beim Rückbau der Kernkraftwerke entstehen, sind den Investoren zu hoch.

Ein möglicher Ausweg wird derzeit bei den Energieversorgern, aber auch in eingeweihten Kreisen in Berlin diskutiert. Der streng vertrauliche Plan, dessen Eckpunkte dem Handelsblatt bekannt sind, wurde von der Investmentbank Lazard erarbeitet. Er sieht eine Atomstiftung vor, die es den Versorgern ermöglichen soll, bis zu 50 Milliarden Euro in erneuerbare Energien zu investieren.

Nach dem Vorschlag könnten die Konzerne ihre Meiler in eine staatliche Stiftung einbringen. Die Risiken, die sie an die Stiftung abgeben, liegen bei etwa 28 Milliarden Euro. Im Gegenzug müssten sie ihre gesamten Atomstrom-Einnahmen aus den verbleibenden Meilern bis 2022 bei der Stiftung abliefern. Die Summe beläuft sich auf circa 15 Milliarden Euro.

Die Differenz von 13 Milliarden Euro gleicht der Staat aus - im Gegenzug erhält er Schuldscheine der ehemaligen Atomkonzerne. Die Unternehmen können diese Forderungen nur gegen Investitionen in erneuerbare Energien ablösen.

Wenn ein Konzern beispielsweise zwei Milliarden Euro in einen Offshore-Windpark investiert, der sich eigentlich nur bei Kosten von 1,8 Milliarden Euro wirtschaftlich betreiben ließe, könnte das Unternehmen die Differenz von 200 Millionen mit dem Schuldschein verrechnen. Diese Summe gibt der Staat in diesem Fall an Subventionen dazu, damit der Windpark gebaut wird.

Experten schätzen, dass so ein Anreiz entsteht, mindestens einen "hohen zweistelligen Milliardenbetrag" in erneuerbare Energien oder auch in die nötigen Stromtrassen zu investieren. "Grundsätzlich könnte das ein erfolgversprechender Weg sein, die Energiewende voranzubringen", sagte der Vorsitzende der Energiegewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, dem Handelsblatt..

Kommentare (14)

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Account gelöscht!

06.10.2011, 12:33 Uhr

Nun wird uns doch allen klar, warum die Atomkraft immer sooo billig war.
Keine Risikovorsorge für Unglücksfälle, keine Entsorgungskosten für die Brennstäbe, keine entsorgungskosten für die Meiler. All das trägt der Steuerzahler.

Die Konzerne sind - wie immer- nur für das Einstreichen der Gewinne zuständig!!

heinz

06.10.2011, 12:47 Uhr

Haben Sie den Artikel richtig gelesen?
Die Rückstellungen in den Bilanzen belaufen sich auf 30 Mrd. EUR!
Hauptsache mal gemeckert.

Guido

06.10.2011, 13:06 Uhr

Die Kraftwerksbetreiber haben jahrzehntelang Milliardenngewinne gemacht. Das nun der Bürger und Steuerzahler den bei dem Milliardengeschäft entstandenen Müll auf seine Kosten entsorgen soll, ist unglaublich.

Und nebenbei soll der Steuerzahler durch die Zahlung von 13 Milliarden an Subventionen noch dafür sorgen, dass das für ihn äußerst ungünstige Stromerzeugungsoligopol auch für die Zukunft zementiert wird. Unfassbar.

Das die Stadtwerke zu klein sind, um die notwendigen Investitionen für die Energiewende zu stemmen, ist einfach Unfug. Zum einen ist es ein Kennzeichen der neuen Stromerzeugungsoptionen, dass diese dezentral und in kleinerem Maßstab stattfinden. Mammutanlagen, die 1-3 Gigawatt Erzeugungskapazität an einem Ort konzentrieren und dafür gigantische Investitionen erfordern, wird es in Zukunft kaum noch geben. Die kleineren, verteilten neuen Anlagen, erfordern pro Anlage weniger Investitionen. Das könne größere Stadtwerke oder Kooperationen kleiner Stadtwerke durchaus leisten - wir haben weit über 200 in Deutschland.

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