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07.01.2011

19:00 Uhr

Atomkonzerne

Zu Hause geächtet, international begehrt

VonJürgen Flauger, Martin Murphy

Kerntechnik "made in Germany" ist weltweit gefragt. Großkonzerne wie Siemens und Hunderte Mittelständler profitieren vom globalen Boom der Atomenergie. Die neueste Studie von Arthur D. Little sagt: Bis 2030 werden 2,2 Billionen Euro investiert.

Referenzkraftwerk Biblis: Neue Kernkraftwerke wären in Deutschland undenkbar. DAPD

Referenzkraftwerk Biblis: Neue Kernkraftwerke wären in Deutschland undenkbar.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Es ist die wohl umstrittenste Baustelle Europas: Auf der idyllisch anmutenden Halbinsel Olkiluoto im Westen Finnlands baut der finnische Versorger TVO einen Druckwasserreaktor, den Kritiker als technisches Monstrum bezeichnen. Es ist das erste Kernkraftwerk in Westeuropa, das seit der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 gebaut wird. 2013 soll der Reaktor ans Netz gehen.

In Deutschland wäre ein solches Projekt trotz der verlängerten Laufzeiten für Atommeiler undenkbar. "Kein Mensch redet von Neubau in Deutschland", sagt selbst RWE-Chef Jürgen Großmann. Am finnischen, milliardenteuren Meiler aber verdienen deutsche Unternehmen kräftig mit. Mehr als 1 600 Firmen arbeiten an dem Meiler - jede zweite davon ist eine deutsche.

Der Druckwasserreaktor ist für Atomkraftgegner auch wegen der Kostenexplosion von 3,2 Milliarden auf mehr als fünf Milliarden Euro eine Zumutung. Für die Atomindustrie hingegen läutet das Kraftwerk die "Renaissance" der heiklen Technik ein.

Tatsächlich ist das Potenzial im weltweiten Markt für Kernkraftwerke gewaltig: 170 Projekte mit 560 Reaktoren sind derzeit geplant oder schon im Bau. Allein deutsche Unternehmen könnten sich bis zum Jahr 2030 Aufträge im Wert von 42 Milliarden Euro sichern. Das hat die Unternehmensberatung Arthur D. Little (ADL) in einer Studie errechnet, die dem Handelsblatt vorliegt. "Wir haben bewusst einen konservativen Ansatz gewählt", sagt Michael Kruse, einer der Autoren der Studie. Insgesamt taxieren die ADL-Berater die Investitionen, die bis 2030 für neue Kernkraftwerke ausgegeben werden, auf 2,2 Billionen Euro.

Im finnischen Olkiluoto haben sich deutsche Firmen bereits ein Auftragsvolumen von etwa einer Milliarde Euro gesichert. Mit dabei sind Konzerne von Weltgeltung wie Siemens und in der Öffentlichkeit praktisch unbekannte Firmen wie der Krefelder Mittelständler Siempelkamp. Dabei kommt fast kein Atomreaktor ohne die Sicherheitssysteme der Krefelder aus.

Fast unbemerkt exportieren viele deutsche Unternehmen ihr Know-how und wollen vom weltweiten Boom der Kernenergie profitieren. Thyssen-Krupp liefert Rohrleitungen, MTU Friedrichshafen Aggregate, Balcke Dürr und Gea bauen Kühltürme. Hunderte kleine Mittelständler verdienen an Montagearbeiten, Zutrittkontrollen oder Schließanlagen.

Wie viel die Unternehmen mit diesen Engagements verdienen, darüber schweigen fast alle. In den Bilanzen weisen sie das Nukleargeschäft nicht gesondert aus. Denn sie wissen: Im Ausland sind sie willkommen, in Deutschland werden sie dafür geächtet.

Kommentare (42)

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tomtomtoy

07.01.2011, 20:31 Uhr

Solar ist das Aushängeschild, das Etikett ,das was man sehen will.
Geschäfte werden mit der Nukleartechnik gemacht .
Der Wirtschaftsstandort Deutschland kann nicht vom verkauf einiger uneffektiver Solar und Windkraftanlagen erhalten werden , dazu braucht es schon etwas mehr.
Wir wären narren ,würden wir uns dieses Geschäft von Russland,Frankreich,oder der USA abnehmen lassen .
Arbeit schändet nicht ! Auch die Arbeit mit Nuklearanlagen ist eine Ehrenwerte Arbeit . Und im sinne der Arbeitsplätze in Deutschland sollten wir diese Arbeitsplätze Steuerpolitisch fördern .

Thomas Melber, Stuttgart

07.01.2011, 22:50 Uhr

KKW? 'brauchen wir nicht, in Deutschland kommt der Strom aus der Steckdose.

Das Problem: ingenieurnachwuchs im bereich Kerntechnik gibt es kaum noch (berufschancen? - so wie im bergwesen), das Know how ist quasi perdu.

Übrigens, die Solaranlagen kommen billiger aus China, und indien hat schon in deutsche Windenergieanlagenbauer investiert.

qaisa

08.01.2011, 01:24 Uhr

Der ingenieursnachwuchs wird zwar auch in 30 Jahren in der Atomwirtschaft noch beschäftigung finden, doch wer dann nicht nur einlagern und abreißen möchte wählt heute schon einen anderen Weg.

Herr Melber, es ist richtig, ca. 50% der in D installierten PV Module werden in China gefertigt, das macht die Technik aber nicht sclechter. Uran wird im Niger, Kasachstan und Kanada abgebaut und die Sonne scheint für lau!

Herr tomtomboy, wenn sie meinen die Geschäfte werden nur in der Atombranche getätigt, sind sie nicht gut informiert. 2009 wurden mit den erneuerbaren Energie 6,75 Mrd. € kommunal umgesetzt (Quelle: bEE). Das haben die Atomkonsorten selbst mit Merkels Gnaden nicht annähernd geschafft.

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