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02.01.2009

08:24 Uhr

Atompolitik

Kernkraft, ja bitte

VonJürgen Flauger

Dem Energieriesen RWE ist die Angelegenheit sehr viel Geld wert. Sieben Monate lang – von Ende Februar bis mindestens Mitte September – will der Energiekonzern im kommenden Jahr Block A des Kernkraftwerks Biblis vom Netz nehmen. RWE will den Reaktor in die nächste Legislaturperiode retten – und hofft auf einen Schwenk in der Atompolitik.

Der Essener Energiekonzern RWE will das alte Atomkraftwerk Biblis in die neue Legislaturperiode retten. Foto: ap Quelle: ap

Der Essener Energiekonzern RWE will das alte Atomkraftwerk Biblis in die neue Legislaturperiode retten. Foto: ap

DÜSSELDORF. Offiziell ist der Grund eine routinemäßige Revision. Die Dauer und der Zeitpunkt legen aber einen ganz anderen Schluss nahe: Der Energiekonzern will schlichtweg Zeit gewinnen, um den Reaktor sicher in die nächste Legislaturperiode zu retten – im Hintergrund machen die Manager des Konzerns daraus überhaupt keinen Hehl. Dabei kostet jeder Monat Stillstand rund 50 Millionen Euro.

RWE hofft bei der Bundestagswahl Ende September auf einen Wechsel zu einer schwarz-gelben Regierung, die den 2000 von der damaligen rot-grünen Regierung durchgesetzten Beschluss zum Atomausstieg wieder kippt. Biblis A wäre schließlich einer der nächsten Reaktoren, die vom Netz müssten. Er hat die Strommengen, die er laut Vereinbarung noch produzieren darf, schon fast „aufgebraucht“. Dasselbe gilt für den Block Neckarwestheim 1 der Energie Baden-Württemberg (EnBW). Auch die EnBW versucht, den Termin mit einer aufwendigen Revision zu strecken.

Die bevorstehende Bundestagswahl ist für die deutsche Energiebranche von richtungsweisender Bedeutung: Je nachdem, ob es für eine Mehrheit von Union und FDP reicht, ob die SPD, die Grünen oder gar die Linkspartei an die Macht kommen, erhält die Atomenergie eine neue Chance, wird die Kohleverstromung geächtet oder wird die Förderung der erneuerbaren Energien vorangetrieben.

Der Termin ist umso bedeutender, als die Branche in einer entscheidenden Phase ist und endlich Planungssicherheit für milliardenschwere Investitionen benötigt. Im nächsten Jahrzehnt muss die deutsche Stromerzeugung grundlegend erneuert werden. Dutzende von Kohlekraftwerken sollen abgeschaltet werden, weil sie zu alt sind und wegen der neuen europaweiten Klimaschutzauflagen nicht mehr rentabel arbeiten. Und nach jetzigem Stand müssten bis 2021 eben auch noch alle verbliebenen 17 Kernkraftwerke vom Netz.

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schätzt, dass rund ein Viertel der 140 000 Megawatt an Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland bis zum Jahr 2020 ersetzt werden müssen. Dabei soll die Produktion umwelt- und klimafreundlich erneuert werden. Künftig wird Strom verstärkt aus erneuerbaren Quellen und mit deutlich weniger Treibhausgas CO2 hergestellt.

Die nötigen Investitionen müssen dabei zügig angeschoben werden. Planung, Genehmigung und Bau von Kraftwerken dauern schließlich Jahre. Die Versorger wiederum fordern verlässliche Rahmenbedingungen, weil sie Milliarden für Anlagen ausgeben sollen, die sie viele Jahrzehnte betreiben. Das Programm ist so anspruchsvoll, dass viele Experten wie die Deutsche Energieagentur (Dena) schon vor einer „Stromlücke“ warnen, einem ernsten Engpass in der Stromerzeugung. Bereits 2012 könne Deutschland den eigenen Bedarf nicht mehr decken, prognostizierte Eon-Chef Wulf Bernotat jüngst.

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