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04.12.2015

15:08 Uhr

Audi-Entwickler verlässt VW-Konzern

„Hackis“ Abgang

VonMarkus Fasse

Ulrich Hackenberg, Entwicklungschef von Audi, muss den Konzern verlassen. Der ehemalige Vertraute von Firmenpatriarch Martin Winterkorn soll in die Abgasaffäre verwickelt sein. Wie der VW-Konzern mit dieser Zäsur umgeht.

Ulrich Hackenberg, Entwicklungschef bei Audi, wurde erst suspendiert, dann gekündigt. dpa

Audi

Ulrich Hackenberg, Entwicklungschef bei Audi, wurde erst suspendiert, dann gekündigt.

MünchenAuf die Rennstrecke in Ascari dürfen nur Auserwählte. Hier oben in der spanischen Hochebene finden keine schnöden Autorennen statt, hier testet man unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ulrich Hackenberg kennt hier jede Kurve. Ohne eine Miene zu verziehen prügelt er in der kalten spanischen Wintersonne den neuen Audi R8 durch den Parcour. „Noch eine Runde?“ fragt der Audi-Entwicklungschef seinen Beifahrer. Wer mag da schon nein sagen, wenn Deutschlands mächtigster Autoentwickler noch einmal Gas geben möchte.

Autorennen, das ist Ulrich Hackenbergs Welt. Ein halbes Jahr später ist für den Audi-Entwicklungschef zumindest dienstlich damit offiziell Schluss. Am Donnerstagabend verabschiedete der Audi-Aufsichtsrat den 65-Jährigen, der aber schon seit Ende September beurlaubt ist. Die Aufsichtsräte lasten Hackenberg ebenso wie dem VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer die Verantwortung für den Abgasskandal an, der den VW-Konzern seit Monaten in Atem hält. Ob Hackenberg von den Manipulationen gewusst hat, ist bis heute nicht geklärt.

Die Geheimtricks bei Abgastests

Der Vorwurf

Dieser Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Volkswagen soll auch bei aktuellen Motoren in den USA illegale Software einsetzen. Der Konzern halte Angaben zu den Programmen gezielt zurück, sagen die US-Abgaswächter. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft dem VW-Konzern vor, auch bei Sechszylinder-Dieselmotoren mit 3,0 Litern Hubraum eine verbotene Software einzusetzen. Sollte der neue Vorwurf zutreffen, würde das den Abgas-Skandal zuspitzen. Denn dann käme die Abgas-Affäre in der Gegenwart bei aktuellen Motoren an. Auch die VW-Renditeperle Porsche geriete in den Strudel. Doch VW dementiert. Die Fragen und Antworten:

Wer ist die EPA und was macht sie?

Autobauer müssen bei der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) ihre Modelle testen lassen, um eine Genehmigung für den Verkauf zu erhalten. Die EPA hatte den Skandal um millionenfach manipulierte Diesel aus dem VW-Konzern losgetreten, als sie im September auf eine versteckte Software beim Vierzylinder-Motor EA 189 hinwies. Das Programm erkennt, dass die Autos für Abgastests auf dem Prüfstand sind und aktiviert einen Sparmodus, bei dem weitaus weniger Stickoxid ausgestoßen wird. Für das Gas gelten in den USA besonders strikte Grenzwerte. Volkswagen räumte die Vorwürfe ein.

Welche Dimension hat der jüngste Vorwurf?

Anfangs hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2,0 Liter Hubraum im Visier und es ging um die Modelljahre 2009 bis 2015. Inzwischen wirft die US-Behörde dem Autobauer auch vor, bei Sechszylinder-Dieseln mit 3,0 Liter Hubraum zu tricksen – und es geht auch um das aktuellste Modelljahr, also um frisch gebaute Wagen.

Welche Modelle sind unter der EPA-Lupe?

Die Geländelimousinen VW-Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, Audi A8 und dessen Langversion. Rund 10 000 Wagen sind seit dem Modelljahr 2014 laut EPA verkauft worden, hinzu komme eine „unklare Zahl“ aktueller Modelle.

Was hält die EPA bisher in der Hand?

Die Behörde hat laut eigenen Angaben am 25. September – also eine Woche nach dem ersten Vorwurf gegen VW – alle Autobauer informiert, dass sie flächendeckend nach ähnlichen verbotenen Softwareprogrammen suche. Die EPA schreibt dazu: „Diese Tests haben erhebliche Bedenken ausgelöst über das Vorhandensein illegaler Abschalteinrichtungen in zusätzlichen Fahrzeugen von VW-Pkw, Audi und Porsche. (...) Es handelt sich um ein sehr ernsthaftes Thema für das Gesundheitswesen.“

Was sagt der VW-Konzern zu dem Vorwurf?

Der Autobauer teilte noch am Montagabend mit, dass nichts Illegales in den Fahrzeugen stecke: „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Volkswagen werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles aufzuklären.

Was ist der Kern des Problems, bei dem Aussage gegen Aussage steht?

Es geht um das komplexe Management für Motor, Getriebe und Abgase. Dabei greifen Softwarelösungen andauernd ein, nicht nur bei VW. Ein Motor muss etwa wissen, in welcher Höhe er unterwegs ist, weil das die Sauerstoffsättigung ändert. Für bestimmte Auslastungsbereiche führt die Steuerung auch Abgase zurück und verbrennt sie erneut.

Warum das geschieht?

Zum Beispiel wegen des Temperaturmanagements oder um gezielt Stickoxide zu reduzieren – ist hoch kompliziert und für Laien nicht zu beurteilen. Die Wolfsburger jedenfalls betonen in Reaktion auf den EPA-Vorwurf, es sei nichts geschehen, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Bei dem kleineren Dieselmotor mit 2,0 Liter Hubraum räumte VW die Vorwürfe dagegen ein und gab zu, ein „defeat device“ zu nutzen, als ein Instrument für eine gezielte Veränderungen in der Testsituation. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) spricht dabei von einer „unzulässigen Abschalteinrichtung“.

Wie belegt die EPA, dass es sich um ein „defeat device“ handelt?

Die Behörde sagt, sie habe ihre Testmethoden daraufhin verfeinert, mögliche „defeat devices“ aufzuspüren. Und sie wirft VW vor, die verbotene Software ganz gezielt so ausgelegt zu haben, dass sie die Testprozedur in den USA erkennt und dann eingreift. Und die EPA behauptet, VW habe an der fraglichen Stelle Transparenz vermieden und Informationen zurückgehalten: „Die Software in diesen Fahrzeugen beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW fasst im Konjunktiv zusammen, dass „eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu dem konkreten Vorwurf der angeblich vorenthaltenen Informationen sagt VW bisher nichts.

Hackenberg gilt neben dem ebenfalls gestürzten Martin Winterkorn als der technische Kopf im Volkswagen-Konzern. Gemeinsam mit „Wiko“ entwarf „Hacki“ in den 80er- und 90er-Jahren die Audi-Modellpalette vom A3 über den A8 bis zum Audi TT – Autos, die Audi in die erste Liga der Branche führten.

Hackenberg, das Kind des Ruhrgebiets, und der Schwabe Winterkorn verstanden sich bei den wichtigsten Dingen Fußball und Auto blind. Auch wenn Hacki-Schalke Fan ist, und Winterkorn als Aufsichtsrat des FC Bayern in München saß. Für das Produkt zählte nur kompromisslose Qualität, für die Untergebenen strenger Gehorsam.

Beides mündete in Hackenbergs großer Mission: der Einführung der Baukastenlogik. Über den gesamten VW-Konzern mit seinen 12 Marken und 100 Fabriken sollten nur noch zwei große Arten von Autokonstruktionen erlaubt sein – der modulare Längs- und der modulare Querbaukasten. Wie im Lego-Spielkastensystem werden alle Teile für diese Verwendungen genormt und sollten Volkswagen und seinen Töchtern viel Flexibilität bei geringen Kosten sichern. Technische Sonderwege einzelner Marken sind damit ausgeschlossen.

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