Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.02.2017

13:13 Uhr

Audi-Prozess in Heilbronn

Showdown für Rupert Stadler

VonJan Keuchel

Der frühere Audi-Chefentwickler Ulrich Weiß hat vor Gericht seine schweren Anschuldigungen gegen Vorstandschef Rupert Stadler erneuert. Der Audi-Boss gerät im Dieselskandal in immer größere Erklärungsnot.

Nach Audi-Antrag

Gericht erklärt Dieselgate-Dokumente zur Geheimsache

Nach Audi-Antrag: Gericht erklärt Dieselgate-Dokumente zur Geheimsache

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

HeilbronnDiese Reise in die schwäbische Provinz hat sich gelohnt – für alle die Zuschauer und Journalisten, die sich am Dienstagmorgen vor dem Arbeitsgericht Heilbronn eingefunden haben. Erneut erhebt Ulrich Weiß, mittlerweile entlassener Motorenentwickler bei Audi, schwere Vorwürfe. Und zwar gegen seinen obersten Chef, Audi-Chef Rupert Stadler. Dieser wird immer mehr in die Affäre um die Abgasmanipulationen von hunderttausenden Dieselfahrzeugen von Audi, Porsche und VW hineingezogen.

Im Gerichtssaal geht es zwischen den Anwälten hin und her. Als Hans-Georg Kauffeld, der den früheren Entwickler vertritt, aus einer internen E-Mail von April 2012 eines Kollegen von Weiß zitieren will, versuchen die Audi-Anwälte vergeblich, die Öffentlichkeit auszuschließen. Dann zitiert Kauffeld: „Im A-PSK“ – gemeint ist der Audi-Produkt-Steuerungskreis – sei entschieden, dass die Dieselfahrzeuge „dreckig weiterlaufen sollen“. Der Arbeitskreis sei Stadler unterstellt gewesen, sagt er. Damit wäre die Chefetage schon vor Jahren im Bilde gewesen.

Rechtsanwalt Hans Georg Kauffeld (r) mit seinem Mandanten. dpa

Im Gerichtssaal

Rechtsanwalt Hans Georg Kauffeld (r) mit seinem Mandanten.

Stadler hatte bislang stets beteuert, erst Mitte November 2015 von der Softwaremanipulation zur Abschaltung der Abgasreinigung erfahren zu haben. Sowohl 3- als auch 2-Liter-Motoren des Volkswagen-Konzerns wurden mit derartigen Systemen ausgestattet.

Weiß und sein Anwalt schüren nun Zweifel an dieser Version. Weiß war seit März 2012 bei Audi, zwei Stufen unter dem Vorstand. Nach Bekanntwerden der Affäre wurde er Ende November beurlaubt. Als er in einem Verfahren auf einstweilige Wiederbeschäftigung vor dem Landesarbeitsgericht Stuttgart vor wenigen Tagen Stadler belastete, wurde er von Audi fristlos entlassen. Weiß hält auch diese Kündigung für unwirksam. „Die sollte nur dazu dienen, den Gerichtstermin heute zu verhindern“, sagt sein Verteidiger Kauffeld. Weiß fühlt sich als Bauernopfer, eigentlicher Verantwortlicher sei der Vorstand, namentlich Stadler.

Dieselgate

Für Rupert Stadler wird es heikel – Eine Notiz belastet den Audi-Chef

Dieselgate: Für Rupert Stadler wird es heikel – Eine Notiz belastet den Audi-Chef

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Audi hält die Kündigung von Weiß indes für gerechtfertigt. Ein Grund für den Schritt sei gewesen, dass dieser den Vorstand bis September 2015 nicht über Manipulationen informiert habe, von denen der Ingenieur demnach wusste. Zudem wirft Audi dem Mann vor, Daten vernichtet zu haben. Weiß wies die Vorwürfe zurück. Die zuständige Kammer vertagte die Verhandlung auf den 10. März.

Im September 2015 war in den USA bekanntgeworden, dass VW über Jahre ein Programm zur Manipulation von Dieselabgaswerten einsetzte. Neben der Kernmarke VW sind Modelle etwa der Töchter Audi, Seat und Skoda betroffen. „Dieselgate“ stürzte den Konzern in eine schwere Krise.

Stadler, seit 2007 Audi-Chef, ist im Zuge der Affäre zunehmend unter Druck geraten. Nach dem Beginn des Skandals hatte schließlich auch Audi zugeben müssen, dass in seinen großen Sechszylinder-Dieseln Abgassoftware eingesetzt wurde, die nicht US-Vorschriften entsprach.

Justizkrimi VW-Skandal

Darum geht es

Bald eineinhalb Jahre ist es her, dass VW unter massivem Druck aus den USA seine Abgas-Fälschungen eingestand. Immer noch wird an vielen Stellen ermittelt – in Amerika, wo ein Manager in Haft sitzt, in Braunschweig, wo die Staatsanwaltschaft 31 Verdächtige im Visier hat. Die bisherigen Erkenntnisse.

1. Die Rolle Winterkorns

Stand der Ermittlungen:
Dass es Unregelmäßigkeiten bei Abgaswerten von Dieselautos in den USA gab, wurde dem damaligen Volkswagen-Chef per Vorstandspost früh mitgeteilt. Am 23. Mai 2014 erhielt Winterkorn eine entsprechende Notiz zum späteren Skandal-Motor EA 189. Darin sei es jedoch nicht um mögliche Risiken oder die Ursache auffälliger Stickoxid(NOx)-Emissionen gegangen, betonte VW vor knapp einem Jahr.

Ein wichtiger Tag war der 27. Juli 2015. Mehrere Manager kamen zum sogenannten Schadenstisch in Wolfsburg zusammen, wo sie aktuelle Qualitätsprobleme besprachen. Mit dabei: Winterkorn. Der frühere Entwicklungsvorstand der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer, gab Auskunft zur Situation in den USA, wie das „statement of facts“ zum jüngsten Milliarden-Vergleich mit den US-Behörden zeigt. Neußer ist dort mit fünf weiteren Managern inzwischen wegen Betrugsverdachts angeklagt.

Offizielle VW-Darstellung: Erst am 3. September 2015 erreichte die Information über illegale Programme („defeat devices“) die Ebene des Konzernvorstands. Auch im Fakten-„Statement“ tauche kein ehemaliges oder aktives Vorstandsmitglied auf. Zum Rücktritt am 23. September 2015 sagte Winterkorn, er sei sich „keines Fehlverhaltens bewusst“.

Was noch unklar ist:
Wurde der Vermerk vom Mai 2014 genau gelesen? „Ob und inwieweit Herr Winterkorn von dieser Notiz damals Kenntnis genommen hat, ist nicht dokumentiert“, erklärte VW. Der Blick richtet sich so vor allem auf das Treffen Ende Juli 2015. Laut „Bild am Sonntag“ wog die Runde das Für und Wider eines Einräumens der Manipulationen ab. Der Konzernchef soll sich nur an eine kurze Erörterung erinnern, ein Insider habe aber gesagt: „Wir haben darüber gesprochen, dass etwas Illegales in unsere Autos installiert wurde.“

Damit stellen sich einige grundlegende Fragen. Wie detailliert waren die Kenntnisse zum „defeat device“ im Sommer 2015? War dieses Wissen nur passiv, oder mündete es in ein aktives Vertuschen? War man nur über auffällige NOx-Werte im Bilde - oder über ein illegales Handeln auf dem wichtigen US-Markt? Noch gibt es keine Beweise. VW betont: „Weder der konkrete Inhalt dieser informellen Besprechung noch die konkreten Zeitpunkte, zu denen die betreffenden Vorstandsmitglieder teilnahmen, lassen sich im Detail rekonstruieren.“ Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft geht dem Verdacht der Marktmanipulation nach.

2. VW-Markenchef Diess und weitere Manager

Stand der Ermittlungen:
Hier kommen noch andere Größen aus der VW-Welt ins Spiel. Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe und zahlreiche Ermittler des LKA Niedersachsen prüfen, ob die Wolfsburger Führung die Finanzwelt zu spät über die finanziellen Folgen des Skandals informierte. Nicht nur Winterkorn, auch der Mitte 2015 frischgebackene VW-Kernmarken-Chef Herbert Diess sowie der einstige Finanzchef und heutige Oberaufseher Hans Dieter Pötsch sind Gegenstand der Ermittlungen. Hinzu kommen 21 Beschuldigte wegen Verdachts auf Betrug, sechs wegen Steuerdelikten bei unregelmäßigen CO2-Werten und einer wegen Datenvernichtung.

Was noch unklar ist:
Ob die Vorwürfe stimmen. Ziehe kann den Ermittlungsergebnissen nicht vorgreifen, rechnet aber mit ersten Resultaten in diesem Jahr. Dabei könnten auch Informationen aus den US-Verfahren eine Rolle spielen, wenngleich die sechs dort angeklagten Personen nicht alle identisch mit denen im deutschen Verfahren sind. Man „partizipiere im Rahmen der Rechtshilfe an unseren wechselseitigen Erkenntnissen“.

3. Die Betrugs-Software

Stand der Ermittlungen:
Der Ursprung des Skandals lässt sich laut VW auf eine Gruppe von Ingenieuren aus dem mittleren bis oberen Management eingrenzen. Das legt auch die Anklage gegen die sechs Männer in den USA nahe, von denen einer in Haft sitzt. Das US-Justizministerium spricht von „Verschwörern“. Diese hätten 2006 die Entwicklung eines neuen, regelkonformen „clean diesel“ gestartet. Der entscheidende Moment: „Als die Verschwörer begriffen, dass sie keinen Dieselmotor entwickeln konnten, der sowohl strengere NOx-Standards erfüllen als auch genügend Kundennachfrage haben würde, beschlossen sie, eine Software-Funktion zu nutzen, um die US-Emissionstests auszutricksen.“

Was noch unklar ist:
Andere VW-Ingenieure hätten bald Zweifel an dem Vorgehen angemeldet, so das Justizministerium. Doch Mitglieder der Sechsergruppe hätten es weiter abgesegnet und verheimlicht: „Die Verschwörer logen die (Umweltbehörde) EPA in der Frage der Existenz der Software an.“ Im Frühjahr 2013 habe Neußer dann ein Zusatzmodul genehmigt, das den Lenkradwinkel - und so die Testläufe mit stärkerer Abgasreinigung - besser erkannte. Das Ministerium ergänzt seine Sicht aber mit der Unschuldsvermutung - bis zum Nachweis des Gegenteils.

4. Die VW-Strategie

Stand der Ermittlungen:
Schon im Frühjahr 2014 nannte der Forscherverbund ICCT verdächtige VW-Werte in den USA. Auf Fachebene soll dies sofort registriert worden sein. Im April 2014 mailte der Festgenommene laut Anklage einem Kollegen: „Zuerst sollte entschieden werden, ob wir ehrlich sind. Wenn wir nicht ehrlich sind, bleibt alles, wie es ist.“ Das FBI fand heraus: „Anstatt die Wahrheit zu sagen, verfolgten VW-Mitarbeiter die Strategie, so wenig wie möglich aufzudecken.“

Was noch unklar ist:
Unklar ist, was nach dem „Schadenstisch“ - also dem Treffen in Wolfsburg - genau passierte. Etliche Kommunikations- und Entscheidungswege werden weiter untersucht. Der in den USA Inhaftierte entwarf laut Anklage am 17. August 2015 einen Plan, was man Kaliforniens Umweltbehörde Carb sagen könne. Ein anderer Manager habe seine Beteiligung abgelehnt, um nicht lügen zu müssen - er soll später ein Kronzeuge geworden sein.

Audi erwägt mittlerweile wegen der Vorwürfe gegen Stadler eine Strafanzeige gegen Unbekannt. Wie das Handelsblatt erfuhr, prüft das Unternehmen außerdem Schadensersatzansprüche. Es gehe um den „Verrat von Betriebsgeheimnissen“ und um „falsche Verdächtigungen“, sagte ein Audi-Sprecher. Zudem seien „unterschiedliche Versionen“ interner Dokumente im Umlauf. Einen direkten Zusammenhang mit den Aussagen von Weiß will das Unternehmen aber nicht ziehen.

Als das Handelsblatt Stadler vor wenigen Tagen explizit fragte, ob er schon seit 2012 darüber im Bilde war, schwieg er. Aus dem Unternehmen hieß es lediglich: „Die Kanzlei Jones Day hat sich in umfassenden Interviews und Untersuchungen mit diesem Thema beschäftigt. Aus Sicht unseres Unternehmens sind sämtliche offenen Fragen ausgeräumt.“

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Gerd St

21.02.2017, 16:40 Uhr

Man darf nun live miterleben, wie sich klassisch das Verhalten von Laborratten auf den menschen übertragen lässt.
Kaum in die Enge getrieben, wird ängstlich abgewartet was passiert. Wir es dann enger, geht man zum Angriff über und beißt und kratzt.
Die Verantwortlichen glauben immer noch, dass man ihnen ihre Lügen abnimmt und merken nicht, dass jedem mittlerweile klar ist, das dass gesamte VW Management in die Affäre verstrickt ist.
Der Anstand gebietet es, dass Manager, die jahrelang hohe und höchste Bezüge erhalten haben, zu ihren Fehlern stehen und die Konsequenzen ziehen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×