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29.03.2017

17:31 Uhr

Audi und der Dieselskandal

Aufsichtsrat hält an Rupert Stadler fest

VonStefan Menzel

Nach der Audi-Mutter spricht auch der Autobauer selbst in Form des Aufsichtsrats das Vertrauen für Chef Stadler aus. Das bedeutet allerdings nicht viel. Schadenersatzansprüche bleiben weiter auf dem Prüfstand.

Der Audi-Chef erfährt Vertrauen aus den eigenen Reihen. Reuters, Sascha Rheker

Rupert Stadler

Der Audi-Chef erfährt Vertrauen aus den eigenen Reihen.

DüsseldorfAuch der Aufsichtsrat von Audi hat Vorstandschef Rupert Stadler das Vertrauen ausgesprochen. Wie die Volkswagen-Tochter am Mittwoch mitteilte, hat sich das oberste Kontrollgremium für die Entlastung aller amtierenden Audi-Vorstände – und damit auch von Stadler – durch die Hauptversammlung ausgesprochen. Der Aufsichtsrat des VW-Konzern hatte am Vortag ebenfalls die Entlastung des Audi-Vorstandschefs empfohlen. Bei Audi hatte der Dieselskandal seinen Ausgang genommen.

Mitte März hatte eine Razzia der Staatsanwaltschaft München II in der Audi-Zentrale in Ingolstadt für Aufsehen gesorgt – just zu dem Zeitpunkt, als Stadler auf der Bilanzpressekonferenz die Zahlen für 2016 präsentieren wollte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt. Noch ist also bei Audi offen, ob die Strafbehörden wie bei Volkswagen gegen einzelne Mitarbeiter des Unternehmens vorgehen werden. Stadler, Audi-Chef seit 2007, hat immer wieder betont, dass er von den betrügerischen Manipulationen an den Dieselfahrzeugen nichts gewusst habe.

Wie es in der Mitteilung von Audi weiter hieß, spreche der Aufsichtsrat sein Vertrauen in den amtierenden Vorstand aus, Audi „weiter erfolgreich zu entwickeln“. Mit der vorgeschlagenen Entlastung durch die Hauptversammlung gehe kein Verzicht auf mögliche Schadensersatzansprüche gegen einzelne Vorstandsmitglieder einher. Der Aufsichtsrat prüfe seit Bekanntwerden der Dieselaffäre, ob Schadensersatzansprüche gegen einzelne Vorstandsmitglieder geltend gemacht werden müssten. Diese Prüfung dauere nach wie vor an. Wie schon der Aufsichtsrat auf Konzernebene begründeten auch die Audi-Kontrolleure ihr Entlastungs-Votum für die Vorstände mit einer „umfassenden rechtlichen Prüfung der Anwaltssozietät Gleiss Lutz“. Persönliche Verfehlungen einzelner Vorstandsmitglieder hat der Audi-Aufsichtsrat demnach nicht festgestellt.

VW-Dieselskandal: Entlastung für alle

VW-Dieselskandal

Entlastung für alle

Der Volkswagen-Aufsichtsrat sieht bei allen Vorstandsmitgliedern keine Verwicklung in den Dieselskandal. Deshalb soll das Topmanagement auf der Hauptversammlung im Mai durchgängig entlastet werden.

Rupert Stadler war schon seit längerem intern zur Last gelegt worden, dass er bei der Aufklärung der Abgasmanipulationen keine glückliche Figur abgegeben habe. Der 54-Jährige hatte deshalb schon mehrfach mit Gegenwind zu kämpfen. Zuletzt waren in einem Rechtsstreit neue Vorwürfe gegen ihn laut geworden. Vor dem Amtsgericht Heilbronn läuft der Prozess eines ehemaligen Audi-Entwicklungsingenieurs, der gegen seine Entlassung im Zusammenhang mit dem Dieselskandal klagt und Stadler beschuldigt.

Für ein inzwischen ausgeschiedenes Audi-Vorstandsmitglied hat es allerdings nicht zur Entlastung gereicht. Die Entscheidung über den früheren Entwicklungsvorstand Stefan Knirsch hat das Audi-Kontrollgremium zunächst einmal vertagt. Knirsch war im Herbst vergangenen Jahres vorzeitig bei Audi ausgeschieden – wegen einer möglichen Verwicklung in den Dieselskandal. Die Aufsichtsräte von Audi begründeten die Vertagung mit „noch laufenden Untersuchungen“.

Audi ist wie Volkswagen unmittelbar am Abgasskandal beteiligt. Weil die Ingolstädter Konzerntochter rund 80.000 manipulierte Dieselfahrzeuge in den USA verkauft hatte, drohen Audi dort Straf- und Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe. Im Mai fällt vor einem US-Gericht die endgültige Entscheidung, welchen Schadensersatz Audi in den USA leisten muss.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Ungeachtet der hohen Belastungen durch die Dieselaffäre verlangt der Audi-Betriebsrat neue Investitionszusagen für das Hauptwerk in Ingolstadt. Dort müsse künftig auch ein ausschließlich mit einem Elektroantrieb ausgestattetes Fahrzeug von den Bändern laufen. „Unser Stammwerk muss weiter fit für die Zukunft gemacht werden“, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Max Wäcker am Mittwoch auf einer Betriebsversammlung in Ingolstadt. Bislang werden dort außer den Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor nur Hybrid-Modelle gefertigt. Das erste eigene Elektromodell will Audi in seiner Fabrik in Brüssel produzieren.

Audi-Personalvorstand Thomas Sigi versicherte, das Unternehmen investiere konsequent in die Elektrifizierung. „Bis 2020 bringen wir drei rein elektrische Modelle.“ Sigi betonte, dass die Mitarbeiter beim Umbau des Unternehmens in Richtung Digitalisierung und Elektroantrieb alle erdenkliche Unterstützung erhielten.

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