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16.10.2011

09:49 Uhr

Auf zu neuen Ufern

Pharmakonzerne müssen sich umorientieren

VonMaike Telgheder

Den Pharmariesen bleibt kaum eine andere Wahl: Alle müssen sie sich mehr oder weniger stark in Fernost einbringen. Ob sie so allerdings die Verluste durch die auslaufenden Patente ausgleichen können, steht in Frage.

Passantin vor dem Fenster einer chinesischen Apotheke in Hongkong. ap

Passantin vor dem Fenster einer chinesischen Apotheke in Hongkong.

FrankfurtWeg von den weißen Pillen und weg von den westlichen Märkten: So brachte Glaxo-SmithKline-Chef Andrew Witty nach seinem Amtsantritt 2008 die neue Strategie des britischen Pharmakonzerns auf den Punkt. Das eine bedeutet eine Hinwendung zu Segmenten, in denen billige Nachahmerprodukte nicht so einfach angreifen können. Das andere heißt, in Ländern zu investieren, die weitaus größere Wachstumsraten als die entwickelten Märkte in den USA und Europa versprechen.

Aktuelle Prognosen zum Weltpharmamarkt zeigen, dass der Glaxo-Chef richtig lag: Allein die vier BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China werden nach Einschätzung des Marktforschungsinstituts IMS Health im Jahr 2015 ein Fünftel des weltweiten Pharmamarkts bestreiten. Die fünf größten EU-Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien werden dann lediglich auf 13 Prozent Weltmarktanteil kommen.

Insbesondere in China ist die Entwicklung mit einem jährlichen Wachstum von mehr als 20 Prozent so dynamisch, dass IMS Health gerade dabei ist, seine Prognosen nach oben zu korrigieren.

Die Vorwürfe gegen die Pharmafirmen

Die Kritik im Einzelnen

Vollborn und Georgescu belegen ihre Kritik an den Pharmakonzernen und der Politik ausführlich. Die wesentlichsten Punkte werden im Folgenden kurz angedeutet.

Entscheidungsfindung

Wann forsche ich an einem Impfstoff – und wann nicht? Diese Entscheidung würden „ausschließlich nach dem Marktpotenzial der Therapeutika in spe“ gefällt, so die Autoren. Besonders die Entwicklung von Medizin gegen Viren ist beliebt, denn ihre Ausbreitung und damit auch das Marktpotenzial etwa eines Impfstoffes lässt sich inzwischen recht genau bestimmen.

Ökonomisierte Forschung

Einer der wesentlichsten Gründe für diese oft unmoralische Entscheidungsfindung sei die ökonomisierte Forschung. Die sei vielmehr auf die späteren Präsentationen der Produkte vor all den Vertretern der Gesundheitspolitik ausgelegt als auf die Bedürfnisse der von Viren betroffenen Menschen überall in der Welt.

Konzerne gewinnen, Unis verlieren

Eine weitere Frage ist, wer die Zuschüsse des Bundes für die Forschung bekommt. Hier kritisieren die Autoren, dass für die Konzerne deutlich zu viel und für die Forschung an Universitäten deutlich zu wenig ausgegeben wird. Sie belegen dies an zahlreichen Beispielen glaubwürdig.

So teuer wie sie wollen

Nun könnte der Steuerzahler ja annehmen, dass die Konzerne bei der Festsetzung des Preises gewisse Bedingungen zu berücksichtigen haben, wenn sie bei der Forschung nach dem jeweiligen Medikament vom Bund erheblich unterstützt wurden. Doch dem ist nicht so. Die Konzerne können „so teuer verkaufen, wie sie wollen“.

Menschenleben auf dem Gewissen

Die Konzerne würden zudem ihre Geschäfte dadurch sichern, dass sie auch in Dritte-Welt-Staaten Generika verbieten lassen. Sie schützen ihre Patente also auch unter der Bedingung, dass den Armen billigere, für sie bezahlbarere, Medikamente nicht zur Verfügung stehen.

Geheimverträge

Einer der wichtigsten Kritikpunkte der Autoren sind die Geheimverträge zwischen Deutschland (und Österreich) und den Impfstoffherstellern. Deren Inhalte würden der Bevölkerung bewusst vorenthalten.

Wettbewerbsverzerrung

In diesen Geheimverträgen seien vor allem Absatzmengen geregelt und Konkurrenten präventiv vom Markt gedrängt. Das verzerrt den Wettbewerb und sorgt so dafür, dass der Preis der Medikamente steigt.

Deutsche Unternehmen verlieren

Die Autoren sehen durch die Bevorzugung der großen Pharmakonzerne, die ja weitgehend ihren Sitz im Ausland haben, erhebliche Nachteile für die deutsche Forschung. Durchbrüche wie es sie vor Jahrzehnten immer wieder gab „gehören der Vergangenheit an“.

Entwicklungsländer unterstützen

Die Autoren würden sich wünschen, dass Großkonzerne zumindest in der Dritten Welt auf Patentrechte verzichten sollen, um den Menschen den Zugang zu kostengünstigen Medikamenten zu erleichtern.

Zu wenig Aidsforschung

Die Konzerne investierten viel zu wenig in die Aidsforschung – trotz der dramatisch hohen Opferzahlen, kritisieren die Autoren. Der Grund: Sie ist offenbar nicht lukrativ genug. Die Autoren fürchten sogar, dass sich die Pharmaindustrie „eines Tages komplett aus der Aidsforschung zurückzieht“.

„Impfpanik“

Die Konzerne machten die Menschen – direkt oder indirekt – auch in westlichen Staaten krank. Denn sie brächten Ärzte, Politiker und Medien dazu, den Menschen einzubläuen, sich übermäßig häufig impfen zu lassen. Das gelte vor allem für Kinder – es handle sich um eine regelrechte „Impfpanik“.

WHO verspielt Vertrauen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird von den Autoren mit Kritik übersät. Vor allem im Zuge der EHEC-Eindämmung sei sie deutlich zu langsam vorgegangen. Zudem habe sie mit ihren fragwürdigen Entscheidungen während der Schweinegrippe-Zeit reichlich Glaubwürdigkeit verspielt.

Schweinegrippe-Impfung macht krank

Auf die Versorgung der Menschen im Kampf gegen die Schweinegrippe haben es die Autoren besonders abgesehen. „Wer sich im Alter zwischen vier und 19 Jahren hatte impfen lassen, war ein neunmal höheres Risiko eingegangen, an Narkolepsie zu erkranken, als ungeimpfte Kinder in der Altersgruppe.“

Impfstoff nicht genug getestet

Es war ein Coup sondergleichen: Pandemrix und Tamiflu hießen die Impfstoffe, die uns vor der Schweinegrippe schützen sollten. Am Ende blieben Millionen Dosen ungenutzt liegen. Der Steuerzahler musste sie dennoch teuer bezahlen. Es gab „keine klinischen Studien nach den üblichen Standards“ über ihre Wirkung. „Es war eine quasi legalisierte Trail-and-Error-Impfpolitik“.

Wer haftet?

Nun schaffen es die Konzerne, solche Medikamente in den Markt zu drücken und verdienen prächtig an ihren halbfertigen Produkten. Und wer haftet, wenn sich Nebenwirkungen einstellen oder sonstige langfristigen Folgen? Der Bund. „Jene, die Milliarden mit dem Verkauf von unzureichend getesteten Impfstoffen verdienen, dürfen aufatmen.

Wo das Geld dann fehlt

Bekanntlich kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden und auch die größten Pharmakonzern haben begrenzte Forschungskapazitäten. Und je mehr sie der Impfpanik Vorschub leisten und lukrative, aber nur bedingt „wichtige“ Impfstoffe herstellen, umso mehr fehlt es dann an Hilfe für die Bekämpfung von wirklich gefährlichen Erregern wie dem Dengue-Fieber.

Interessenskonflikte

Zudem berichten die Autoren von Entscheidungsträgern in Gremien der Gesundheitsorganisationen, die eindeutig Interessenskonflikten unterliegen. Sie entscheiden (mit) über die Vergabe von Geldern an Konzerne, mit denen sie in einer Nebentätigkeit zu tun haben.

Medienvertreter unter Druck setzen

Die Autoren berichten von mehreren Fällen, bei denen Journalisten von den Konzernen massiv unter Druck gesetzt wurde. Wer zu tief grabe, dem werde mit Klage gedroht.

Schutzlose Soldaten

Ein konkretes Beispiel für das Nichthandeln der Konzern sei die Krim-Kongo-Seuche: „Für die in Afghanistan stationierten Truppen wirkt sich das Desinteresse der großen Pharmaunternehmen an Krim-Kongo direkt aus. Weil Vakzine fehlen, sind die Soldaten dem Erreger schutzlos ausgeliefert.“

„Die Gesundheitsversorgung in den ländlichen Regionen kommt in China viel schneller voran als bisher angenommen“, sagt Graham Lewis, Leiter des Bereichs Globale Pharmastrategie bei IMS Health, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir gehen jetzt davon aus, dass China schon im Jahr 2015 der zweitgrößte Pharmamarkt hinter den USA sein wird – mit einem Marktanteil von mehr als zwölf Prozent und knapp 130 Milliarden Dollar Umsatz.“

China, aktuell der drittgrößte Pharmamarkt, würde damit an Japan vorbeiziehen. Deutschland wird den Prognosen zufolge seinen Platz als viertgrößter Pharmamarkt der Welt mit etwa 40 Milliarden Dollar Umsatz behalten.

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