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18.01.2007

16:23 Uhr

Aufsichtsrat in der Zwickmühle

Cromme hadert mit seinen eigenen Regeln

VonD. Fockenbrock

Bei der Thyssen-Krupp Hauptversammlung könnte der Urheber der Corporate Governance, Gerhard Cromme, zu deren Sargnagel werden. Egal, auf wessen Seite Cromme morgen steht – es ist stets die falsche Seite.

DÜSSELDORF. Gerhard Cromme kann es niemandem Recht machen – weder in seiner Eigenschaft als einer der meistbeschäftigten Aufsichtsräte in Deutschland, noch als Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission. Besonders pikant ist seine Rolle als Chefkontrolleur für Thyssen-Krupp. Denn bei der Stimmrechtsabsicherung für die Krupp-Stiftung kämpft er gleich an zwei Fronten.Mit seinem Image als die Instanz für gute Unternehmensführung in Deutschland und mit seiner Rolle als Vollstrecker des Großaktionärs von Thyssen-Krupp.

„Bei einer Satzungsänderung würde Gerhard Cromme, der Vater der deutschen Corporate Governance, in Deutschland in die Rolle des Pastors bei ihrer Beerdigung schlüpfen“, sagt Hans-Martin Buhlmann, Vorsitzender der Vereinigung Institutioneller Privatanleger. Auch die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gibt sich kritisch: „Es ist nicht erfreulich, dass Gerhard Cromme als Galionsfigur des Corporate Governance hier auf der falschen Seite steht.“ Da hätte er anders agieren müssen, sagt sein Sprecher.

Cromme hat aber auch Verteidiger. Wirtschaftsprofessor René Theisen sieht den Fall Thyssen-Krupp entspannt: „Gesetz schlägt Kodex. Gerhard Cromme hat sich nichts vorzuwerfen“. Das Problem sei eher das Gesetz. Theisen hält es für dringend erforderlich, vom Minderheitenschutz im Aktienrecht auf ein Mehrheitsrecht umzusteigen.

Cromme hadert nicht das erste Mal mit seinen eigenen Grundsätzen und denen des Governance-Kodexes. Hält sich der Ex-Stahlmanager an sein Motto, dass die nach ihm benannte Cromme-Kommission zwar eine „ständige Regierungskommission“ sei, deshalb aber nicht „ständig etwas ändern“ müsse, steckt er heftige Kritik der Reformer ein. Sie werfen ihm Reformunwillen vor.

Schießt Cromme mit seinem Expertengremium aber einmal schnell wie im vergangenen Sommer, als unerwartet Empfehlungen zur Unabhängigkeit der Aufsichtsräte ausgesprochen wurden, hagelt es Kritik aus der anderen Ecke. „Keine wissenschaftliche Absicherung“, „mangelhafte Transparenz der Kommissionsarbeit“ tönte es aus dem Gremium.

Zu dem Zeitpunkt musste sich Cromme bereits mit dem Vorwurf auseinander setzen, ausgerechnet der Vorsitzende dieser angesehenen Kommission toleriere das muntere Treiben des VW-Chefaufsehers Ferdinand Piëch, das so gar nicht den Regeln einer guten Unternehmenskontrolle entspreche. Lange habe Cromme gezögert, sagen seine Kritiker heute, doch am Ende zog er die Notbremse: Cromme stieg aus dem VW-Aufsichtsrat aus.

Im Fall Siemens teilen sich wieder die Ansichten, ob Crommes Ruf Schaden genommen hat. „Es ist nicht Aufgabe eines Aufsichtsrates, Skandale zu ermitteln“, verteidigt die DSW seine Rolle im Schmiergeldskandal. Wirtschaftsprofessor René Theisen aus München dagegen meint: „Cromme ist mit seinen eigenen Maßstäben an Grenzen gestoßen. Bei Siemens wird die Situation mit Sicherheit noch ungemütlich, weil zunehmend klar wird, dass man solche Posten nicht im Nebenjob manchen kann.“ Cromme ist Mitglied des Siemens-Aufsichtsrates und zugleich Vorsitzender des Prüfungsausschusses. Dieses Gremium kontrolliert die ordnungsgemäße Bilanzierung.

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