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22.10.2015

09:00 Uhr

Auftakt im Porsche-Prozess

Zwei junge Staatsanwälte gegen Wendelin Wiedeking

VonMartin-W. Buchenau

Seit 9 Uhr läuft der Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wiedeking und seinen Finanzvorstand. Es geht um die Übernahmeschlacht um VW, Anleger fühlen sich betrogen. „Ich bin unschuldig“, sagt Wiedeking – die Ausgangslage.

Porsche-Prozess beginnt

Hat Wiedekind die Anleger in die irre geführt?

Porsche-Prozess beginnt: Hat Wiedekind die Anleger in die irre geführt?

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Der Fall:
Es ist eine der spannendsten Wirtschaftsgeschichten in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren. Der vergleichsweise kleine Sportwagenbauer Porsche mit sechs Milliarden Euro Umsatz, der den Familien Piëch und Porsche gehört, versucht ab September 2005 Europas größten Autobauer Volkswagen mit damals 95 Milliarden Euro Umsatz schrittweise komplett zu übernehmen.

Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wagt zusammen mit seinem Finanzchef Holger Härter das Hasardeur-Stück mit Optionsgeschäften, die aber nur aufgehen, wenn der Kurs der VW-Aktie steigt. Mit Ausbruch der Finanzkrise fällt im Herbst 2008 aber auch der Kurs der Papiere. Bis zur Ad-hoc-Mitteilung am 26. Oktober 2008 dementiert Porsche die Absicht, die Beteiligung auf über 75 Prozent zu erhöhen. Danach explodiert der VW-Kurs auf zeitweise mehr als 1000 Euro, weil kaum noch Volkswagen-Aktien auf dem Markt sind. Hedgefonds, die auf fallende Kurse gesetzt haben, verlieren Milliarden.

Das ist Wendelin Wiedeking

Vor Gericht

Anstatt am Steuer eines Sportwagens muss Manager Wendelin Wiedeking in den kommenden Monaten zumindest zeitweise auf der Anklagebank Platz nehmen. Für den einstigen Porsche-Chef ist das ein lästiges Kapitel, das er schnell wieder schließen will. Wer ist der Mann, der einst Deutschlands bestbezahlter Manager war?

Quelle: dpa

Porsches Lichtgestalt

Wendelin Wiedeking war in der Autobranche lange Zeit eine Art Lichtgestalt: Irgendwie war er stets auf der Überholspur. Als der Maschinenbauer 1992 an die Spitze des Sportwagenbauers Porsche berufen wurde, liefen die Geschäfte mau. Der gebürtige Westfale schaffte es, Überkapazitäten in der Produktion sowie im Personalbereich am Stammsitz Stuttgart-Zuffenhausen abzubauen und Porsche zum profitabelsten Autobauer der Welt zu machen.

Alphatier und Lebemann

Der heute 63-Jährige wurde der bestverdienende angestellte Manager Deutschlands. Medienberichten zufolge soll das machtbewusste «Alphatier» im Geschäftsjahr 2007/08 sage und schreibe 100,6 Millionen Euro für seine Tätigkeit beim PS-starken Unternehmen eingestrichen haben. 2009 musste Wiedeking nach der verlorenen Übernahmeschlacht mit VW seinen Chefsessel räumen. Er trat stets selbstbewusst auf, im edlen Zwirn und mit dicken Zigarren genoss er seinen Erfolg.

Unternehmer mit vielen Steckenpferden

Eine Rückkehr in die Chefetage eines großen Konzerns hat Wiedeking nach seinem Porsche-Abgang ausgeschlossen - er will sein eigenes Ding machen als Unternehmer. Sein Vermögen hat Wiedeking auch in zahlreiche Firmen investiert, etwa in die Italo-Restaurantkette Tialini. Auch Internet-Reiseportale und einen Schuh-Hersteller nennt er sein Eigen. Im Privaten setzt er auf Konstanz: Seine Frau und er sind seit Schulzeiten ein Paar, die beiden haben zwei Kinder.

Aber auch bei Porsche geht das Geld aus. Nur mit Mühe bekommt Finanzchef Härter einen Kredit von 10 Milliarden Euro. Um die Übernahme durchzuziehen, hätte er aber mehr als 17 Milliarden gebraucht. Am 6. Mai 2009 muss Porsche die Komplettübernahme aufgeben. VW dreht den Spieß um und übernimmt das Sportwagengeschäft von Porsche.

Unter dem Strich können sich die Familien Porsche und Piëch dennoch als Sieger der Übernahmeschlacht fühlen: Über die von ihnen kontrollierte Porsche Holding SE halten sie bis heute 52,2 Prozent der VW-Stimmrechte.

Die institutionellen Anleger fühlen sich vom damaligen Porsche-Management hinters Licht geführt. In Schadenersatzklagen über insgesamt 5,5 Milliarden Euro versuchen die Anleger seit Jahren ihr Geld von der Porsche Holding zurückzubekommen. Bislang hat Porsche aber alle Prozesse gewonnen. Die Anleger hoffen jetzt auf den am Donnerstag beginnenden Strafprozess gegen Wiedeking und Härter vor dem Landgericht Stuttgart.

Der Vorwurf:
Im Kern geht es darum, ob der damalige Porschechef Wendelin Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter während des Übernahmekampfes um Volkswagen die Anleger und damit den Markt getäuscht haben. Der Vorwurf lautet auf „informationsgestützter Marktmanipulation“. Der Vorstand soll in fünf Pressemitteilungen im Verlauf des Jahres 2008 die Absicht, 75 Prozent von VW übernehmen zu wollen, verschleiert haben.

Tatsächlich seien im Hintergrund aber längst entsprechende Vorbereitungen getroffen worden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Komplettübernahme von VW schon viel früher festgestanden habe und spricht von einer „verdeckten Beschlusslage“. Erst in Mitteilung vom 26. Oktober 2008 legte der Sportwagenbauer seine Absicht offen, im Jahr 2009 auf 75 Prozent aufzustocken und damit den Weg frei für einen Beherrschungsvertrag zu machen.

Das Unternehmen gab damals bekannt 42,6 Prozent der VW-Stammaktien sowie Baroptionen auf weitere 31,5 Prozent des Stammkapitals zu halten. Allerdings sollen dabei die Risiken der Optionsgeschäfte verschwiegen worden sein, so ein weiterer Vorwurf.

Ursprünglich hatte das Landgericht die Anklage nicht zur Hauptverhandlung zugelassen. Die damalige Begründung: Eine sogenannte „verdeckte“ Beschlusslage könne voraussichtlich mit den vorhandenen Beweismitteln nicht für eine Verurteilung ausreichend nachgewiesen werden. Das Oberlandesgericht hatte diese Entscheidung nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft aber kassiert und hält eine verdeckte Beschlusslage also durchaus für möglich. Klärung soll deshalb die Verhandlung bringen. Es sind bis Januar 2016 17 Verhandlungstage angesetzt.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

22.10.2015, 08:30 Uhr

Glück auf, Dr. Wiedeking. Vor Gericht und auf hoher See, ist man in Gottes Hand. Eigentlich muss man(n) da seinem Glück ein bissl nachhelfen. Irgendwie hat doch jeder seinen Preis in der Marktwirtschaft.

Herr Hans Kurt von Wilmowsky

22.10.2015, 08:42 Uhr

Ein schwieriges Thema! Selbst der gewiefte Handelsblatt-Redakteur verwechselt Porsche- ud VW-Aktien.

Herr Reinhold Hirschmüller

22.10.2015, 10:05 Uhr

Im HANDELSBLATT zu lesen, dass das Gericht die "Klage" der Staatsanwaltschaft "abgewiesen" habe, verursacht Kopfschmerzen.
Zunächst reicht die Staatsanwaltschaft keine Klage ein, die abgewiesen werden könnte.
Folglich weist das Landgericht auch keine Klage der Staatsanwaltschaft ab.

Die von der Staatsanwaltschaft erhobene "Anklage" hat das Landgericht in diesem Fall nicht zur Hauptverhandlung "zugelassen" und "das Hauptverfahren nicht eröffnet".

Dass das Landgericht die Sache trotz ursprünglich abgelehnter Zulassung der Anklage verhandelt, entspricht deutschem Strafprozessrecht..

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