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08.09.2012

08:50 Uhr

Ausverkauf

Biotech-Boom geht an Deutschland vorbei

VonSiegfried Hofmann

Das Rheumamittel Humira von BASF war ein großer Erfolg. Doch dann machten der Konzern den Fehler und verkaufte das Patent - das große Geld dafür streichen nun andere ein. Mit diesem Problem kämpfen viele deutsche Firmen.

Drei Fahnen, die das BASF-Logo zeigen, wehen vor dem Werk in Schwarzheide im Wind. dapd

Drei Fahnen, die das BASF-Logo zeigen, wehen vor dem Werk in Schwarzheide im Wind.

FrankfurtDer Erfolg ist ebenso unerwartet wie spektakulär. Das Rheumamittel Humira hat nach Berechnungen des Handelsblatts den Cholesterinsenker Lipitor als weltweit umsatzstärkstes Medikament abgelöst. Der Verkauf des Pharmazeutikums brachte allein im zweiten Quartal 2012 Erlöse von 2,4 Milliarden Dollar ein.

Im Gesamtjahr wird Humira an die Umsatzschwelle von zehn Milliarden Dollar herankommen und einen Gewinn von drei Milliarden Dollar einspielen. Die Erfolgsgeschichte des gentechnisch hergestellten Antirheumatikums hätte eine deutsche Erfolgsgeschichte sein können.

Sie ist es aber nicht. Denn bereits im Dezember 2000 hat der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF seine gesamte Pharmasparte inklusive des Patents für den Humira-Wirkstoff D2E7 für 6,9 Milliarden Dollar an den US-Konzern Abbott Laboratories verkauft. Verglichen mit den heutigen Umsätzen, war dieser Preis nur ein Taschengeld und der Verkauf der Pharmasparte wohl einer der größten strategischen Fehlentscheidungen in der BASF-Geschichte. BASF ist kein Einzelfall.

Der Ausverkauf deutscher Biotechunternehmen hält ungebrochen an. Im Januar 2012 übernahm der US-Konzern Amgen die Münchener Firma Micromet. Fünf Monate später kaufte Johnson & Johnson die deutsche Biotechfirma Corimmun. Bereits vor Jahren hatte die Schweizer Roche-Gruppe den deutschen Pharmahersteller Boehringer Mannheim erworben.

Deutschland verkauft Zukunftschancen. "Die deutsche Pharmaindustrie war traditionell stark chemiedominiert und hat daher nicht gesehen, welche Möglichkeiten in der Biotechforschung steckten", sagt Siegfried Bialojan von der Unternehmensberatung Ernst & Young.

Hinzu kommt: In der deutschen Bevölkerung trifft die Gentechnik nicht nur bei Nahrungsmitteln, sondern auch in der Medizin traditionell auf starke Vorbehalte. So musste etwa der Hoechst-Konzern fast zehn Jahre lang gegen den Widerstand von Politik und Bürgern um die Genehmigung einer gentechnischen Insulinanlage kämpfen - und fiel damit im internationalen Diabetesgeschäft hoffnungslos zurück. Heute ist das Unternehmen nur noch Teil des französischen Sanofi-Konzerns.

Die Konsequenz: Deutsche Biotechnologieunternehmen erzielen heute nur noch einen Umsatz von 1,1 Milliarden Dollar. Die US-Konkurrenten hingegen setzen 58,8 Milliarden Dollar um und dominieren den Weltmarkt. Von den zehn umsatzstärksten Medikamenten der Welt stammen sechs aus gentechnischer Forschung. Und jedes zweite der Top-Ten-Arzneien kommt aus den USA.

Kommentare (12)

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hillens

08.09.2012, 09:19 Uhr

Danke für den Artikel,
leider wiederholt sich das von Achim Moeller und mir aufgeführte Beispiel auch heute immer wieder. Wirklich gute Forschungskonzepte werden nicht gründlich geprüft und von Entscheidungsträgern verstanden. Externen Beratern mit sehr gutem Namen und vermeintlicher Expertise wird mehr geglaubt als den Forschern im eigenen Unternehmen. Die Darstellung und Kommentierung von Ergebnissen ist heute noch immer wichtiger als die Ergebnisse selbst. In diesem Sinne werden weiterhin ungeheuer gute Forschungskonzepte und damit Innovationen nicht realisiert. Umgekehrt gelingt es durchschnittlichen Forschern mit mäßigen oder sogar falschen Konzepten aber exzellenten Präsentationsfähigkeiten die Entwicklungspipeline der Unternehmen mit nicht sehr sinnvollen Projekten zu verstopfen.
Hier liegt ein großer Erfolgsfaktor für wirklich innovative Unternehmen.

Heinz Hillen (Beteiligter)

nazgul

08.09.2012, 10:29 Uhr

WAs war BASF früher---I.G.FARBEN?!

Account gelöscht!

08.09.2012, 11:21 Uhr

Deutschland ist einfach zu einheitlich, antriebslos (mutlos) und stumpf, gesehen auf die gesamte Gesellschaft. Es beginnt ganz oben bei den Medien und endet bei Horst Dieter in der Kneipe!!

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