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29.10.2014

14:00 Uhr

Autobranche baut um

Zulieferer geraten in die Klemme

VonLukas Bay

Die deutschen Zulieferer gehören zu den wichtigsten Arbeitgebern des Landes. Doch sie geraten immer stärker unter Druck. Eine Studie zeigt nun, dass viele mittelständische Unternehmen sich radikal verändern müssen.

Große Zulieferer wie TRW können die Internationalisierung leichter stemmen. dpa

Große Zulieferer wie TRW können die Internationalisierung leichter stemmen.

DüsseldorfDas Rückgrat der deutschen Autoindustrie schwächelt: Während die Autohersteller ihre Verlusten auf dem stagnierenden europäischen Markt oft durch internationale Erfolge kompensieren können, fehlt vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Strategie, um langfristig zu überleben. Zu diesem Ergebnis kommt ein zweijährigen Forschungsprojekts des Center of Automotive Management (CAM) der FHDW Bergisch Gladbach. Durch zahlreiche Tiefeninterviews und schriftlichen Befragungen mit Geschäftsführern von 129 deutschen Zulieferbetrieben ergründen die Forscher die Lage der Branche - und zeichnen ein düsteres Zukunftsszenario.

„Wird nicht massiv gegengesteuert sind mittelfristig bis zu 150.000 Arbeitsplätze in Deutschland bedroht“, heißt es in der Studie. In einer Branche, die deutschlandweit noch 850.000 Menschen beschäftigt, würde damit jeder sechste Arbeitsplatz verloren gehen. Die Zulieferer stecken in der Klemme: Ihr Geschäft auf dem stagnierenden Heimatmarkt wird wohl auch künftig nicht mehr wachsen - und bei der Innovation, Internationalisierung und den Kosten können sie nicht mit den großen Zulieferern mithalten.

Zudem werden die Produktionsbedingungen in Deutschland zunehmend als schlecht empfunden. 91 Prozent sehen einen Wettbewerbsnachteil, weil sie in Deutschland produzieren. Neben den Energiekosten sind für 76 Prozent auch die Lohnkosten eine Belastung. Eine Zukunft in Deutschland sieht ein überwiegender Anteil der Befragten nur noch für die Forschung und Entwicklung, sowie für Marketing und Vertrieb. Doch produziert wird künftig häufiger im Ausland.

Die weltweit größten Automobilzulieferer

Platz 10

Faurecia - 18,03 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Das Schicksal des Autozulieferers ist eng verbunden mit PSA Peugeot/Citroën. Derzeit stagnieren die Geschäfte. Zum Portfolio gehören Sitze und Emissionskontrollsysteme.

Platz 9

Aisin Seiki - 18,92 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Die Japaner gehören zur Toyota-Gruppe und produzieren etliche Komponenten für die Autoindustrie, darunter Getriebe und Navigationssysteme.

Platz 8

Michelin - 20,25 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Der französische Reifenriese musste zuletzt erneut Rückschläge beim Absatz hinnehmen. Neben Reifen stellt das Unternehmen aus Clermont-Ferrand auch Navigationssysteme her.

Platz 7

Johnson Controls - 20,93 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Die US-Amerikaner aus Milwaukee konzentrieren sich die Zulieferung von Sitzen, Türen und Instrumenten. Damit legte der Umsatz zuletzt leicht zu.

Platz 6

Hyundai Mobis - 23,25 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Die Koreaner sind Teil des riesigen koreanischen Hyundai-Imperiums und zählen zu den wichtigsten Zulieferern für die Autobauer Hyundai und Kia. Gebaut werden Sicherheitssysteme, Airbus, Lampen und Antriebsstränge.

Platz 5

Bridgestone / Firestone - 24,62 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

In der Gummiverarbeitung sind die Japaner sogar weltweit führend. In Frankreich, Italien, Polen und Spanien betreiben sie eigene Werke.

Platz 4

Magna - 24,95 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Unter der Führung der schillernden Österreichers Frank Stronach wuchs der Konzern - und kann nahezu alle Bauteile selbst Produzieren. Fahrgastzellen, Sitze, Antrieb und Elektronik gehören zum Portfolio des Unternehmens.

Platz 3

Denso - 27,79 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Die Japaner verloren zuletzt wieder Marktanteile. Kunden sind insbesondere die großen japanischen Autobauer. Das Unternehmen baut unter anderem Klimaanlage, Antriebsstränge und Elektronik.

Platz 2

Robert Bosch - 30,7 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Der zweitgrößte Autozulieferer der Welt ist in Stuttgart daheim. Neben Benzin- und Dieselsystemen baut Bosch auch Multimedia-Systeme, Bremsen, Elektronik und Batterien für etliche große Autohersteller .

Platz 1

Continental - 33,32 Milliarden Euro Umsatz mit Autoteilen

Aus Hannover in die Welt: Neben den bekannten Reifen liefert Conti auch Sicherheits- und Telematiksysteme, Steuerinstrument und die Elektronik für Antriebsstränge. Im Vergleich zum Vorjahr legte der Umsatz damit leicht zu.

„Aufgrund des stagnierenden europäischen Automobilmarktes und der zunehmend globalisierten Produktionsstrukturen der Hersteller wird daher ein Auslandsengagement für die mittelständischen Automobilzulieferer immer wichtiger“, so Studienleiter Stefan Bratzel. Für ihre internationalen Werke wünschen sich die großen Hersteller wie VW, BMW und Daimler, dass auch ihre Zulieferer eine nahe Produktion einrichten. Wer sich darauf nicht einlässt, droht den Auftrag zu verlieren. Vielen Kleinen fehlt allerdings die Voraussetzung, um sich zu internationalisieren - 65 Prozent scheuen den Gang ins Ausland wegen hoher Marktrisiken.

Darum sind bei den kleinen und mittelständischen Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern heute gerade einmal 34 Prozent im Ausland aktiv. Bei den Zulieferern mit 500 bis 1000 Mitarbeitern liegt diese Quote bei 75 Prozent. Die kleinen Hersteller müssen für die Internationalisierung auch personell an den Rand der Leistungsfähigkeit gehen: besonders qualifizierte Führungskräfte werden beim Aufbau der internationalen Standorte gebraucht, doch fehlen dann für Zukunftsprojekte in der Heimat.

Dabei fällt die Suche nach Spitzenkräften heute schon schwer: 73 Prozent aller befragten Mittelständler geben an, dass sie in Deutschland Schwierigkeiten bei der Personalsuche haben, international sind es nur 48 Prozent.
Auch die technologische Entwicklung kommt den kleinen Herstellern nicht entgegen. Gleichteilestrategien, die Hersteller wie Volkswagen derzeit verfolgen, sind insbesondere für kleinere Zulieferer ein Problem. Denn dahinter steckt die Überlegung der Hersteller, mit größeren Aufträgen auch die Stückkosten zu senken. Eine Rechnung, die bei den Kleinen nicht aufgeht. Nicht umsonst geben 59 Prozent der Zulieferer an, dass ihre Kunden vor allem auf den Preis achten. Deutlich geringer ist der Druck bei Unternehmen, die selbst in die Entwicklung eingebunden werden oder eine spezielle Technologie verfügen. Doch im Volumensegment wird die Luft eng.

Und das hat nach Ansicht der Forscher massive Folgen: Sie sehen bei 40 Prozent aller kleinen und mittelständischen Automobilzulieferer einen erhebliche Nachholbedarf. Sie seien nicht ausreichend international aufgestellt, seien nicht in die Entwicklung ihrer Kunden eingebaut und zu abhängig von der Automobilindustrie. Sofern in den nächsten Jahren nicht massiv gegengesteuert wird, seien mittelfristig über 1.200 kleine und mittelständische Automobilzulieferer strukturell bedroht.

Kommentare (12)

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Herr Marc Ho

29.10.2014, 14:41 Uhr

"Neben den Energiekosten sind für 76 Prozent auch die Lohnkosten eine Belastung."
Wie immer die gleiche Leier. Wenn die Firmen z.B. Leiharbeiter (sind auch Zulieferer, in diesem Fall Zulieferer von Arbeitskraft) mit lächerlich wenigen 2000 brutto/Monat bezahlen und Energie oft von EEG-Umlage befreit und nebenbei bemerkt billig wie schon lange nicht mehr ist (siehe Erdölpreise, Strompreisbörse), ist das natürlich eine Belastung. Wenn der Standort Deutschland wirklich so schlecht und ein Wettbewerbsnachteil ist, steht es jeder Firma frei, in ein anderes Land umzuziehen - zahlreiche Mitteltändler haben es versucht und bitter bereut. Insofern ist die Studie nur mit Nachdruck zu unterschreiben: Chefs sollten kreativ neue Märkte und Ideen erschließen, denn zu Tode gespart (an Gehältern und Energie) ist auch gestorben.

Herr Oliver Klima

29.10.2014, 15:38 Uhr

Das sind starke Worte Herr Ho. Dem Kostendruck sind bereits seit 10 Jahren sehr viele Mittelständler zum Opfer gefallen.

Es ist vollkommen richtig in dem Artikel ausgeführt, dass man ohne die kritische Masse die Produktion nicht ins Ausland verlagern kann.

Ich finde es immer ein bisschen unfair, wenn man 2000 € Monatsgehalt in Deutschland deshalb als wenig betrachtet, weil andere hierzulande mehr verdienen. Die Automotivebranche muss sich aber dem Wettbewerb und der Lohn- und Sozialabgabenstruktur aus Nah- und Fernost stellen. 2000 € sind sehr viel Geld, wenn der Asiate bereits mit einem Bruchteil zufrieden ist.

So gesehen ist der Asiate sehr teuer für uns alle und nicht der Facharbeiter oder Leiharbeiter hierzulande. Wir alle stehen seit Jahren im Wettbewerb der Sozialsysteme und in einem Preiskampf, den andere im Ergebnis Deflation nennen.

Reiben Sie bitte nicht deutsche Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegeneinander auf, denn wir sitzen mit diesem Problem alle im gleichen Boot.

Schauen Sie bitte nach Frankreich. Dieses Land ist nur die Generalprobe. Und den Politikern in Frankreich wird nichts anderes übrig bleiben als die Sozialsysteme abzubauen. Uns wird es wahrscheinlich nicht anders gehen. Nur sind wir noch nicht dran. Aber nach der Agenda 2010 ist vor der Agenda 2020.

Herr Josef Schmidt

29.10.2014, 15:52 Uhr

Der Asiate zahlt keine Steuern und Abgaben und auch nicht die hohen Lebenshaltungskosten in D wie Miete usw.

Wenn das Management meint dass es geht dann können sie mit gutem Beispiel voran gehen und sich selbst auch die dortigen Gehälter leisten.

Warum muss auch ein Vorstand hier das 400fache von einem deutschen Arbeiter verdienen wenn es auch nur um das 400fache eines asiatischen Arbeiter verdienen kann.

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