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12.06.2018

18:41 Uhr

Autobranche

Massenrückruf bei Daimler bringt den Diesel weiter in Verruf

VonDaniel Delhaes, Markus Fasse, Dietmar Neuerer

Der Massenrückruf von modernen Euro-6-Dieseln wird nicht nur für Daimler zum Problem. Die gesamte Technologie steht infrage.

Daimler-Dieselskandal

Rückruf angeordnet – Daimler soll 238.000 Fahrzeuge zurücknehmen

Daimler-Dieselskandal: Rückruf angeordnet – Daimler soll 238.000 Fahrzeuge zurücknehmen

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Berlin, MünchenEinen Tag nach dem amtlichen Rückruf von 774.000 Autos hüllt sich Daimler in Schweigen. Beim öffentlichen Showdown zwischen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Vorstandschef Dieter Zetsche wurde aus Sicht des Autokonzerns schon zu viel Porzellan zerschlagen.

Die Investoren zeigten sich am Dienstag zwar erleichtert. Sie hoffen, dass der Streit mit dem Ministerium um illegale Abschalteinrichtungen bei der Abgasnachbehandlung vorerst beendet ist. „Dieser Rückruf lässt sich mit einem Softwareupdate bewerkstelligen“, sagte Arndt Ellinghorst vom Branchenanalysehaus ICI Evercore. „Wir gehen davon aus, dass die Kosten unter 100 Millionen Euro liegen werden.“ Tatsächlich legte die Daimler-Aktie um 1,25 Prozent zu.

Der Flurschaden aber ist enorm. Längst geht es nicht nur um Dieselautos mit der Abgasnorm Euro 5. Die Mercedes-Modelle vom Typ GLC und C-Klasse verfügen mit dem OM 626 über Vierzylinder-Dieselmotoren, die der jüngsten Abgasstufe Euro 6 genügen sollten. Damit steht die gesamte Technologie infrage. „Das schadet allen Herstellern“, klagte ein ranghoher Automanager.

Kommentar: Die Autoindustrie trägt nicht die Alleinschuld am Dieselskandal

Kommentar

Die Autoindustrie trägt nicht die Alleinschuld am Dieselskandal

Daimler-Chef Dieter Zetsche bekommt im Dieselskandal die öffentliche Empörung ab. Doch die Verantwortung verteilt sich auf viele Schultern.

Euro-6-Fahrzeuge stehen seit Kurzem im Fokus des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). 2016 hatte das Amt sie erstmals im Rahmen der Untersuchungskommission beim Verkehrsminister überprüft. Schon damals gab es Zweifel. Audi, Mercedes, Opel, Porsche und Volkswagen erklärten sich aber zum „freiwilligen Rückruf“ bereit und führten für 630.000 Fahrzeuge eine „Serviceaktion“ durch. Im Abschlussbericht der Kommission hieß es zu den kritischen Modellen: Wenn der Hersteller wirksame Maßnahmen ergreift, „würden Zweifel an der Zulässigkeit der Abschalteinrichtung nicht mehr bestehen“.

Doch das KBA scheint nicht überzeugt. Seit Ende 2017 verordnet das Amt Rückrufe zu Euro-6-Fahrzeugen und nicht wie bei Volkswagen 2015 Euro-5-Diesel. Zunächst wurden beim VW Touareg „zwei unzulässige Abschalteinrichtungen nachgewiesen“, wie das KBA erklärte. Betroffen waren 57.600 Fahrzeuge. Im Januar folgte der Rückruf von 127.000 Audi aus acht Modellreihen. Seit März muss BMW insgesamt 11.700 Fahrzeuge in die Werkstatt holen.

Autobauern drohen Geldstrafen

Im Mai bekam Porsche Post vom KBA zu 63.000 Fahrzeugen und zu guter Letzt Daimler. Die Hersteller haben nach Freigabe der Updates 18 Monate Zeit, alle betroffenen Fahrzeuge umzurüsten. Ansonsten drohen Geldstrafen von bis zu 5000 Euro je Auto.

Beim ersten Dieselgipfel im Sommer 2017 hatten sich die Hersteller noch bereit erklärt, insgesamt 5,3 Millionen Fahrzeuge freiwillig mit einer neuen Software für die Abgasreinigungssteuerung zu versehen, damit die Autos nicht regelmäßig während der Fahrt die Reinigung abschalten. So sollten Fahrverbote in Städten verhindert werden.

Rückruf bei Daimler

Der Bescheid

Das Kraftfahrtbundesamt ruft europaweit 774.000 Autos der Marke Mercedes zurück. Grund sind nicht genehmigte Abschaltfunktionen in der Abgasreinigung. Betroffen sind die C-Klasse und der Geländewagen GLC.

Die Folgen

Der Rückruf betrifft Euro-6-Fahrzeuge, die bislang als sauber galten. Bislang galt: Je mehr relativ neue Euro-6-Fahrzeuge auf die Straße kommen, desto geringer ist das Risiko von Fahrverboten.

Doch die Umrüstungen kommen nicht voran. Obendrein sind inzwischen in Hamburg zwei Straßenzüge gesperrt, weitere Fahrverbote stehen etwa in Aachen und Stuttgart bevor.

„Es ist ungeheuerlich, dass die Automobilbosse immer noch glauben, mit Manipulationen an der Abgasreinigung durchzukommen“, sagte der SPD-Fraktionsvize Sören Bartol dem Handelsblatt. Sie hätten nicht verstanden, „dass sie damit das Vertrauen der Verbraucher immer weiter zerstören“. Bartol forderte Minister Scheuer auf, „genauso kraftvoll für die technische Nachrüstung von Euro-5- und Euro-6-Dieselfahrzeugen auf Kosten der Industrie“ zu kämpfen, um Fahrverbote zu verhindern.

Der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, forderte die betroffenen Hersteller auf, „jetzt endlich eigenständig ihre Verantwortung wahrzunehmen und die Hardwarenachrüstung einzuleiten“. Die Politik müsse ein Gesamtkonzept zur Lösung der Dieselkrise vorlegen. „Der Flickenteppich aus Einzelfalllösungen löst die Luftreinhalteprobleme nicht.“

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Kommentare (1)

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Herr Christian Jäger

13.06.2018, 10:30 Uhr

Wenn die Abschalteinrichtung in den Mercedes Dieseln tatsächlich erst nach 30 Minuten wirkt, verbessert das die Luft in den Problembereichen tatsächlich enorm. Selbst wenn jemand mehr als 30 Minuten zur Arbeit pendelt, wird er diese Zeit nicht in den hochbelasteten Innenstädten im Auto verbringen. Geofencing für die Abgasreinigung wäre allerdings effektiver, nur technisch eben auch deutlich aufwändiger und teurer. So hält jeder Pendler zumindest die Luft rund um seinen Arbeitsplatz und seinen Wohnort rein.

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