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28.02.2016

08:19 Uhr

Autohandel

Online-Vermittler verschärfen Rabattschlacht

Vom Motor bis zum Sitzbezug – viele Kunden konfigurieren ihr Auto im Internet und kaufen es auch dort. Die Online-Konkurrenz erhöht den Druck auf Betreiber von Autohäusern. Vor allem Käufer dürften davon profitieren.

Dieser neue VW Tiguan wird in einem Autohaus mit großem Rabatt angeboten. dpa

Rabatt auf Neuwagen

Dieser neue VW Tiguan wird in einem Autohaus mit großem Rabatt angeboten.

BerlinMüssen Kunden im Autohaus bald für die Probefahrt bezahlen? „Das wäre eigentlich richtig“, meint Jürgen Karpinski. Der Autohändler aus Frankfurt am Main ist nach Berlin gekommen, um seinem Ärger Luft zu machen. Seinem Ärger über Kunden, die im Internet ihr Auto kaufen - aber vorher bei ihm Probe fahren. „Beratungsdiebstahl“ könne man das nennen.

„Eigentlich“ sollten Kunden dafür bezahlen, sagt Karpinski. „Ich glaube nicht, dass sich das durchsetzen lässt.“ Denn das Kfz-Gewerbe in Deutschland steht unter gewaltigem Druck. Die Welt der Autokäufer ändert sich gerade rasant.

Tipps für den Autokauf im Internet

Internethandel brummt

Immer mehr Autokäufer nutzen das Internet: Besonders wenn ein Gebrauchtwagen angeschafft werden soll, wird das Internet nicht selten direkt als Verkaufsplattform genutzt, sei es von privaten Anbietern oder professionellen Händlern. Die große Zahl angebotener Wagen und die Möglichkeit, sich Ausstattung und Modell des Gebrauchten zusammen zu stellen, sind Hauptvorzüge von Autobörsen wie mobile.de, autoscout24.de oder meinauto.de.

„Das Interesse von Käufern, sich im Internet über Autos zu informieren, nimmt Jahr für Jahr zu“, sagt Martin Endlein, Sprecher des Marktforschungsunternehmens Deutsche Automobil Treuhand (DAT). 1998 nutzten erst drei Prozent das Internet als Informationsquelle vor dem Autokauf, mittlerweile sind es fast 75 Prozent der Gebrauchtwagen- und 68 Prozent der Neuwagenkäufer.

International suchen, regional testen

Trotz der vielen Möglichkeiten sollten sich Internetkäufer nicht dazu verleiten lassen, die beim Gebrauchtwagenkauf üblichen Vorsichtsmaßnahmen über Bord zu werfen. „Man darf auf keinen Fall die Katze im Sack kaufen“, mahnt Jürgen Grieving, Sprecher des ADAC in München. Vor dem Vertragsabschluss sei es auch bei Internetkäufen unerlässlich, den Wagen in Augenschein zu nehmen und Probe zu fahren.
Damit das besser möglich ist, sollten die Angebote bei der Suche regional eingegrenzt werden. Die meisten Autobörsen bieten diese Möglichkeit an. Vor Ort sollten dann zunächst die Angebotsdaten des Autos auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

TÜV-Bericht und Dekra-Gutachten

Beim Kauf von online angebotenen Wagen sollten die gleichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden wie auf dem beim Offline-Gebrauchtwagenmarkt. So sollte der Käufer vor dem Kauf auf ein Expertengutachten von TÜV oder Dekra bestehen. Bei einem Verkäufer, der diesen Wunsch ablehnt, ist Vorsichtig geboten.

Hinweise auf den Zustand des Wunschobjekts gibt bereits die Zahl der Vorbesitzer an, wobei in der Regel Leasingrückläufer oder Jahreswagen nur einen Vorbesitzer aufweisen. Der Kilometerstand seit der letzten Inspektion kann Hinweise geben, ob am Tacho manipuliert worden ist. Und auch wenn kein Wartungs-Checkheft vorliegt, ist Vorsicht angebracht.

Scheckheft und Gewähr

Zu prüfen ist vor allem, ob das Fahrzeug unfallfrei ist und wie lückenlos das Scheckheft mit den Serviceeintragungen geführt wurde. Garantiezusagen gibt es nur von gewerblichen Händlern und nicht von Privatpersonen. Jeder gewerbliche Anbieter muss für alle Fahrzeuge eine einjährige Gewähr einräumen, zudem gilt bei einem Fernabsatz eine 14-tägige Widerrufsfrist.

Leasing-Rückläufer

Beim Gebrauchtwagenkauf können Privatkunden inzwischen direkt auf sogenannte Leasing-Rückläufer zurückgreifen. Waren diese Fahrzeuge nach dem Ablauf von Leasing-Verträgen - wenn überhaupt - lange Zeit nur über Kfz-Händler vor Ort zu haben, sind sie inzwischen auch über das Internet zu bekommen. Direkthändler preisen diese Autos als besonders gepflegte Fahrzeuge an - doch einen kleinen monetären Haken gibt es. Einen finanziellen Vorteil, den Leasing-Rückläufer bringen, bestätigt etwa der TÜV Süd.
Durchweg Schnäppchen sind diese Fahrzeuge aber nicht: Sie werden oft schon ein Jahr nach Erstzulassung mit bis zu 40 Prozent Preisnachlass gegenüber dem ehemaligen Neupreis angeboten, haben aber auf der anderen Seite eine vergleichsweise hohe Laufleistung - bis zu 30.000 Kilometer sind keine Seltenheit.

Viele Betrüger

Der Geschäftsführer des Bundesverbandes freier Kfz-Händler, Ansgar Klein, warnte im Nachrichtenmagazin „Focus“, etwa 20 Prozent der in den großen Online-Portalen angeboten Fahrzeuge seien von Betrügern eingestellt. Das Netz biete den Gaunern die Möglichkeit, zigtausende Interessenten im Schutz der Anonymität zu kontaktieren, sagte Klein. Nach einer Schätzung der Kriminalpolizei München verursachten Online-Betrüger binnen zwei Jahren einen Schaden in Höhe von 15 Millionen Euro.

Verkäufer aufgepasst

Auf der Seite www.sicherer-autokauf.de gibt es viele Tipps für Verkäufer. So ist etwa Vorsicht bei Bargeldtransfers aus dem Ausland geboten. Auch auf so genannte Vermittlungsgeschäfte gegen Gebühr sollten sich Händler nicht einlassen.

Sachmängelhaftung
Unseriöse Vertragszusätze
Betrüger erkennen
Listen für Check und Probefahrt
Gute Vergleichsmöglichkeiten

Die meisten Autohersteller bieten auf ihren Internetseiten neben Informationen über neue Modelle auch Suchmaschinen für Gebrauchte an. „Ein Auto ist ein erklärungsbedürftiges, emotionales Objekt“, sagt Christoph Hohmann von Renault Nissan in Brühl. Darum setze man bei Neuwagen ausschließlich auf den Vertrieb über Händler.
„Das Internet bietet gute Möglichkeiten, verschiedene Autos zu vergleichen“, meint Tim Bosenick, Geschäftsführer der Beratungsfirma Sirvaluse Consulting in Hamburg, die Autohersteller beim Gestalten ihrer Internetseiten unterstützt. Die Informationen der meisten Autobörsen sind seiner Meinung nach verlässlich: „Moderne Konfiguratoren beinhalten eine Baubarkeitsprüfung.“ Über Datenbanken der Autohersteller werde abgeglichen, ob die angebotenen Modelle mit den vom Hersteller gebauten Wagen übereinstimmen.

Rabatte als Vorteil

Die Autofahrer in Deutschland bemängelten der Capgemini-Studie zufolge vor allem, dass es beim Internet-Kauf keine Möglichkeiten für eine Testfahrt gebe und Produkt- und Preisinformationen oft unvollständig seien. Das überzeugendste Argument für einen Online-Kauf ist am ehesten noch der Preis: 46 Prozent der Befragten gaben erwartete Rabatte als wichtigsten Vorteil an.

28.600 Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für einen durchschnittlich Neuwagen aus – so viel wie nie und immerhin ein Fünftel mehr als noch vor zehn Jahren. Das Problem ist: Nur noch etwa jeder dritte Neuwagen geht an Privatkunden, wie der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ermittelt hat, dessen Präsident Karpinski ist.

Den Rest kaufen Großkunden, die für ihre Flotten kräftige Rabatte aushandeln. Oder es sind Händler- und Herstellerzulassungen, die kurze Zeit deutlich billiger als junge Gebrauchte wieder in den Handel kommen. Die Rendite vieler Autohäuser ist bescheiden, denn der deutsche Markt gilt seit Jahren als gesättigt.

7,3 Millionen Gebrauchte wurden 2015 verkauft – so viele wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Das ist der wichtigste Grund für das Umsatzwachstum auf rund 157 Milliarden Euro. Mit Neuwagen machen die Autohändler heute dagegen noch immer weniger Umsatz als zur Jahrtausendwende.

Und jetzt gibt es auch noch Menschen wie Alexander Bugge. Der Kaufmann vermittelt mit seinem Neuwagenportal meinauto.de Kunden an die Autohäuser – mit dem Versprechen, bundesweit große Rabatte für die Kunden herauszuholen. Bugge und andere Portale wie autohaus24.de und Carneeo drücken damit ebenso die Preise.

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