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19.04.2011

09:42 Uhr

Autoindustrie

Die Deutschen sind nur noch Beifahrer

VonFrank Sieren

China ist der größte Markt für die deutschen Autobauer. Nie haben sie mehr verdient als heute im Reich der Mitte. Doch im Rausch der Gewinne blenden viele Manager die Risiken aus.

Der neue VW Beetle wurde pünktlich zur Shanghaier Automesse vorgestellt. Quelle: Reuters

Der neue VW Beetle wurde pünktlich zur Shanghaier Automesse vorgestellt.

Die Wachstumsmeldungen der deutschen Autoindustrie in China lesen sich wie einst die Berichte im DDR-Parteiorgan "Neues Deutschland". Planübererfüllung auf breiter Front. Mit einem Unterschied: Die Zahlen stimmen.

Für Volkswagen ist China längst der größte Einzelmarkt der Welt. Seit diesem Jahr ist er sogar größer als ganz Westeuropa zusammen. 548 000 Fahrzeuge haben die Wolfsburger allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres für den chinesischen Markt produziert, mehr als ein Viertel der Gesamtproduktion. Sechsmal so viele wie für die USA. 20-mal so viele wie für Indien. Und Chinas Vorsprung wächst.

Auch für BMW und Mercedes wird China in diesem Jahr noch der größte Markt werden. Damit wird das Jahr 2012 ein historischer Wendepunkt für die deutsche Autoindustrie. Und das ist erst der Anfang. Denn noch immer hat in China kaum jemand ein eigenes Auto. Gerade einmal 42 Autos fahren hier pro tausend Einwohner. In Europa sind es dagegen rund 500 und in den USA sogar 700.

Doch alles hat seinen Preis. Auch ein Boom. Fast niemand jedoch fragt derzeit auf der Automesse in Schanghai, welche Verbindlichkeiten und Risiken durch das einseitige Wachstum in China entstehen könnten.

Die Augen der in Deutschland ansässigen Topmanager leuchten stattdessen vor Freude angesichts der satten Boni. Doch die deutschen Manager vor Ort in China haben auch Sorgenfalten auf der Stirn: Sie managen ein Wachstumstempo, das bis vor kurzem noch unvorstellbar war. Sie müssen neue Fabriken aufbauen, Zehntausende neue Mitarbeiter einstellen und fast täglich neue Autohäuser eröffnen. Vor allem aber sind sie gezwungen, mit ihren chinesischen Partnern in den Gemeinschaftsunternehmen klarzukommen. Und die werden immer patziger.

Im vergangenen Jahrzehnt konnten die deutschen Manager es sich zuweilen noch leisten, mit der flachen Hand auf den Tisch zu hauen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Das ist nun nicht mehr ratsam. Denn die chinesischen Partner wissen genau, wie abhängig die Deutschen inzwischen vom chinesischen Markt sind. Wer glaubt, dass sie dies nicht für ihre Interessen nutzen, kennt China schlecht. Dass sie zuerst an sich denken, kann man ihnen kaum übel nehmen. Doch sie gehen dabei aufs Ganze.

Kommentare (2)

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p.b.

19.04.2011, 10:11 Uhr

Tja, was man für Geld nicht alles tut. Glauben die Konzerne etwas ensthaft, dass sich jeder Chinese ein Auto deutscher Marke leisten kann? Es erübrigt sich, diejenigen zu nennen, die das zu verantworten haben.
Wird Zeit, dass die Manager endlich die rosarote Brille abnehmen und sehen und vor allem begreifen, dass sie das, was ihnen in China aufgedrückt wurde, nie nie niemals in Europa oder sonstwo mit sich hätten machen lassen.
Jetzt stehen sie da wie die Kinder, denen man auf die Finger geklopft hat. Selber schuld ...

Account gelöscht!

20.04.2011, 20:22 Uhr

Langfristige strategische Planung kommt in vielen deutschen Betrieben viel zu kurz. Kurzfristige Planung und das Schielen auf die fetten Boni zum Jahresende sind heute oft die entscheidenden Faktoren. Gut fuer China, schlecht fuer D'schland. Es wird Zeit, chinesisch zu lernen und mit 1 Euro am Tag auszukommen.

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