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02.05.2013

20:08 Uhr

Autolobbyist Wissmann

„Da staut sich ein Nachholbedarf an Neuwagen auf“

ExklusivDie deutschen Autobauer setzen auf die Globalisierung. Jobs im Ausland sicherten Stellen im Inland, sagt Cheflobbyist Matthias Wissmann. Auch wenn die Probleme in Europa bleiben – Wissmann hofft auf den Nachholbedarf.

Matthias Wissmann: „Eine erste Erholung sehe ich frühestens 2014“. Dominik Butzmann für Handelsblatt

Matthias Wissmann: „Eine erste Erholung sehe ich frühestens 2014“.

BerlinDie starke globale Aufstellung der deutschen Autobauer sichert Beschäftigung in Deutschland. „Drei neue Jobs im Ausland schaffen oder sichern einen Arbeitsplatz im Inland“, sagte Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), in einem Interview mit dem Handelsblatt.

Die Autoindustrie wird immer internationaler. Die Pkw-Auslandsproduktion der deutschen Hersteller hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Der Prozess der Globalisierung ist aber noch nicht am Ende. Das gilt besonders für China. „Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Derzeit kommen 37 Autos auf 1000 Chinesen – in Westeuropa oder Deutschland sind es rund 500 Pkw je 1000 Einwohner. Der Pkw-Weltmarkt wird bis zum Jahr 2020 von derzeit 70 Millionen auf über 90 Millionen Einheiten steigen. Ein erheblicher Anteil davon wird aus China kommen. Deshalb investieren unsere Hersteller und Zulieferer weiter stark in diesem Land“, sagte Wissmann.

Wissmann zum CO2-Grenzwert

Folgen des Vorschlags der EU-Kommission

Die EU-Kommission will den Grenzwert für den CO2-Ausstoß von Neuwagen bis 2020 um 35 Gramm auf 95 Gramm pro Kilometer senken. Welche Folgen hat das für die deutsche Autoindustrie?

Dieser vorgeschlagene Grenzwert ist der weltweit strengste. 95g/km CO2 entsprechen einem Spritverbrauch von nicht einmal 4 Litern. Für die bereits geltende CO2-Regulierung muss die europäische Automobilindustrie bis zum Jahr 2015 im Schnitt 30 Gramm CO2 in zehn Jahren einsparen. Das 95-Gramm-Ziel erfordert nun eine noch größere Reduzierung in kürzerer Zeit, nämlich 35 Gramm von 2015 bis 2020. Die niedrig hängenden Früchte sind gepflückt, jeder, der etwas davon versteht, weiß, jetzt nähern wir uns physikalischen Grenzen. Damit wird jedes eingesparte Gramm teurer. Um dieses Ziel zu erreichen, reicht die Optimierung klassischer Antriebe allein nicht aus. So gut wie alle Hersteller müssen den Antriebsstrang ihrer Fahrzeuge teilweise oder vollständig elektrifizieren, durch reine Elektroautos, Plug-in-Hybride oder E-Fahrzeuge mit Reichweitenverlängerer.

Forderungen an die EU

Was fordern Sie also?

Deswegen sollte die Regulierung wirksame Impulse für die Entwicklung alternative Antriebskonzepte setzen, zum Beispiel mit einer Mehrfachanrechnung von besonders sparsamen Modellen auf den Flottendurchschnitt, wie es sie in anderen Ländern gibt. In China etwa zählen besonders effiziente Autos fünffach, in den USA doppelt. Ein solch innovationsfreundlichen Kurs sollte auch Europa einschlagen.

Grenzwert bereits 2025?

Was halten Sie davon, bereits einen Grenzwert für 2025 festzulegen – immerhin hätten die Hersteller dann Planungssicherheit?

Bereits heute am grünen Tisch einen Zielkorridor für das Jahr 2025 festzulegen, wie es aus dem Europäischen Parlament vorgeschlagen wird, wäre ein verhängnisvoller industriepolitischer Fehler. Physikalische und technische Grenzen kann man nicht mit politischen „Vorurteilen“ sprengen. Wer auch in Zukunft eine leistungsfähige Autoindustrie mit starken Premiumprodukten will, darf sie nicht kaputt regulieren.

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In Europa wird der Automarkt absehbar weiter schwierig bleiben. „Eine erste Erholung sehe ich frühestens 2014. Und vielleicht brauchen Länder wie Spanien, Italien oder Frankreich länger, um wieder Fuß zu fassen“, so Wissmann. „Aber mittelfristig bin ich durchaus zuversichtlich: Da staut sich ein erheblicher Nachholbedarf an Neuwagen auf.“

Der Cheflobbyist der deutschen Autoindustrie macht außerdem eine Tendenz zum Protektionismus aus. „Die EU-Kommission hat allein seit 2008 weltweit rund 400 protektionistische Vorstöße gezählt. Die Automobilindustrie ist dabei überproportional betroffen. Immer noch versuchen etliche Länder, ihren eigenen Markt abzuschotten oder in den Handel einzugreifen. Sie unterschätzen dabei, dass sie sich langfristig damit selbst schaden.“

Aus Sicht des VDA-Präsidenten wird der Wettbewerb weiter zunehmen. „Wir müssen also weiter an uns arbeiten, statt die Rahmenbedingungen zurückzudrehen. Wir müssen den Industriestandort Deutschland wetterfest machen“, forderte Wissmann. Dies wolle aber im politischen Berlin nicht jeder hören.

Kommentare (14)

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Der_Uniansolvent

02.05.2013, 20:33 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

touspourun

02.05.2013, 20:39 Uhr

Da ist der Wunsch Vater des Gedanknes Herr Wissmann.
Es geht abwärts und zwar steil seit drei Jahren in Europa. Ich bin kein Wahrsager aber eins weiss ich : besser wird es nicht!

Scheuklappenlenker

02.05.2013, 20:40 Uhr

„Da staut sich ein Nachholbedarf an Neuwagen auf“

Er darf weiter hoffen - aber wohl vergebens! Es gab noch niemals so viele verunsicherte Leute über 50 wie heute! Leute über 50 sind vor allem die Neuwagenkäufer... glaube nicht, dass da noch ein Stau aufgearbeitet werden wird, solange das "Geldproblem" weiter so dilettantisch von der Politik gemanaged wird. Da müssten schon die Preise nassiv purzeln.

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