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13.01.2009

10:50 Uhr

Automesse

Detroit: Tanz der Totengräber

VonRüdiger Scheidges

Eine Stadt, die nur noch im Museum eine Zukunft hat: Wie Detroit und die „Großen Drei“ GM, Chrysler und Ford auf der US-Automesse mit einem grünen Tanz dem Totengräber von der Schippe springen wollen.

So soll sie aussiehen, die Zukunft von GM, wenn man Bob Lutz glauben darf (Foto: AP) Quelle: ap

So soll sie aussiehen, die Zukunft von GM, wenn man Bob Lutz glauben darf (Foto: AP)

DETROIT. Die Natur ist an diesem eiskalten Januarsonntag mehr als gnädig gestimmt. Rechtzeitig zum großen Trara wirft sie ihr feinstes Kleid flatternd über die verwitterte, zerfurchte Stadt. Ein dichtes Schneekleid erspart den Besuchern die Sicht auf Detroit, die "Motor City". Die 916000 Detroiter zeigen sich erbaut über die festliche Gunst. Für viele ist ihre Stadt nur noch aufgehübscht, also verklärt, zu ertragen. Wenn überhaupt.

Hinter dem fast undurchlässigen weißen Schnee-Tschador, durch dessen Schlitz allein die General-Motors-Türme wie aufgemotzte Weihnachtsbäume strahlen, steckt eine deprimierende städtische Ödnis. Allen reißt sie tiefe Wunden in die Seele.

Auch Tom. Deshalb freut er sich über die wie Balsam wirkende Sichtblende. "Welch ein Glück. Detroit sieht so wie poliert aus!" Tom Pfeiffer, Mitte 40, kurvt Tag für Tag bis Mitternacht mit seinem schweren Ford durch seine von Fabrikruinen und Brachen verschandelte Stadt. Auf seinem "Crown Victoria", den der Autogigant seit 1982 baut und der bei Auffahrunfällen lange Jahre verlässlich zum Feuerball wurde, klebt sein ganzer Stolz: "Detroit Police".

In zweiter Generation ist Tom Pfeiffer "Cop". Er versucht mit aller Macht, Detroit von der besten Seite zu präsentieren. "Wie überall geht es immer hoch und runter", sagt er und steuert seinen 5,48 Meter langen Wagen durch eine Art städtisches Katastrophengebiet, in dem sich eingestürzte oder zugenagelte Holzbuden mit steinernen Fabrikruinen abwechseln. Officer Tom verschweigt, dass es in Detroit seit einiger Zeit, definitiv seit November, am Detroit River nur in eine Richtung geht: steil nach unten. "Aber ohne die Autobauer wären wir weniger als nichts", sagt er, der mit seiner Familie längst in einen Vorort geflüchtet ist.

Tom bleibt seiner Stadt, die in der Kriminalitätsrangliste des FBI mehrfach auf Platz eins landete, vielleicht gerade deshalb treu. Sogar jetzt, wo doch erst vergangene Woche wieder ein junger, frisch verheirateter Kollege kaltblütig erschossen wurde. Von einem 16-jährigen Burschen, der mit seinem Schuss aus nächster Nähe nur verhindern wollte, dass seine Mutter mitkriegte, dass er ohne Führerschein erwischt wurde.

"Das ist Detroit", sagt Tom. "Aber so ist das Leben."

So klingt der Detroit-"Spirit", den sie hier alle haben. Dieser Geist verwechselt gerne den Tod mit dem Leben.

Willkommen in Detroit! Der berühmten Stadt mit der größten Automesse der Welt! Denn, so titelt "The Detroit News" eindringlich auf Seite 1: "It's Showtime". Und tatsächlich findet sich, alle Jahre wieder im Januar mit seinen Eiswinden, die ganze Autowelt wieder hier zwischen Eriesee und Lake St. Clair ein, wenngleich eher murrend. Diesmal noch mehr als sonst. Denn wie wenig echte "Showtime" geboten wird, ballert die Konkurrenz von der "Detroit Free Press" ihren Lesern ins Bewusstsein: "Weitere Autofilialen werden geschlossen!" Das Ende naht, für viele zumindest.

Zwei Schlagzeilen, ein Drama. Die Stadt, aus der heraus die "Big Three" der US-Automobilindustrie - Ford, General Motors und Chrysler - fast ein Jahrhundert lang nicht nur das Land mit Mercurys, Impalas, Lincolns, Cadillacs, Chevys und Continentals überschwemmt und die ganze Zivilisation der Mobilität geprägt haben, wartet auf den finalen Kolbenfresser. Denn sie sind ineinander geschoben, Stadt und Autobauer. Unverrückbar, unrettbar.

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