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04.07.2017

16:06 Uhr

Automobilbranche

Mit Software den Diesel retten

VonStefan Menzel

Wegen des schleppenden Diesel-Absatzes werden die Sorgen bei den deutschen Autoherstellern immer größer. Sie wollen Millionen Autos mit einer Software nachrüsten – und so drohende Fahrverbote in Städten verhindern.

Die Diesel-Hersteller sind für hohe Feinstaub-Werte verantwortlich – trotzdem fordern sie ein Entgegenkommen von der Politik. dpa

Feinstaub-Alarm in Stuttgart

Die Diesel-Hersteller sind für hohe Feinstaub-Werte verantwortlich – trotzdem fordern sie ein Entgegenkommen von der Politik.

BerlinDie deutschen Automobilhersteller machen einen neuen Vorschlag zur Umrüstung von älteren Diesel-Fahrzeugen. Bei etwa drei Millionen Autos der Abgasnorm Euro 5 soll es sogenannte „Software Updates“ geben, mit denen die Stickoxid-Emissionen um durchschnittlich 25 Prozent gesenkt werden sollen. Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilhersteller (VDA), sagte am Dienstag in Berlin: „Wir müssen Fahrverbote verhindern. Bei einer Verständigung zwischen Politik und Industrie ist das auch möglich“.

Der VDA will seinen Lösungsvorschlag Anfang August beim ersten Treffen des neuen „Nationalen Forums Diesel“ präsentieren. In diesem Forum diskutieren Politik und Automobilhersteller über die Zukunft des Diesel-Motors. Der oberste Interessenverband von Volkswagen, Daimler, BMW & Co. hofft darauf, dass der Umrüstungsplan schon bei diesem Treffen von der Politik abgesegnet wird. Vorbild ist die Rückrufaktion von 2,6 Millionen Fahrzeugen aus dem VW-Konzern, bei denen nach dem Bekanntwerden des Dieselskandals vor knapp zwei Jahren ebenfalls eine neue Software für die Motorsteuerung aufgespielt worden war.

Diesel-Fahrverbote

Wer sagt, die Luft ist zu dick?

In der Europäischen Union gelten seit 2010 für Feinstaub und Schadstoffe wie Stickstoffdioxid (No2) Grenzwerte zur Luftreinhaltung. Wegen hoher Luftverschmutzung kommt es laut EU-Kommission in Europa jährlich zu 400.000 vorzeitigen Todesfällen, wegen Stickoxiden seien 2003 rund 70.000 Menschen gestorben. In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien wird das Limit von 40 Mikrogramm je Kubikmeter wiederholt überschritten. Deshalb droht die EU-Kommission den Ländern mit Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat auf Basis dieser Vorschriften gegen die Luftreinhaltepläne von 16 Städten vor Verwaltungsgerichten geklagt.

Wo ist die Luft zu dick?

Die EU-Kommission listete 28 Gebiete mit Grenzwertüberschreitungen auf. Darunter sind die Ballungsräume Berlin, München, Stuttgart und Hamburg. Auch in Köln, Düsseldorf und fast allen größeren Städten in Nordrhein-Westfalen besteht das Problem. Das Umweltbundesamt hat im vergangenen Jahr in fast 50 Städten zu hohe Belastungen gemessen, häufig nur an einzelnen Plätzen und Straßen. Stuttgart ist mit seiner Kessellage besonders betroffen und plant ab 2018 Fahrverbote an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung auf bestimmten Straßen. Für Lieferverkehr, Taxis oder Handwerker soll es Ausnahmen geben.

Warum sind Diesel-Autos im Visier?

Nach Angaben der EU entfallen auf den Straßenverkehr 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Dieselautos aus. Laut Umweltbundesamt sind Diesel-Pkw in Deutschland für 13 Prozent der Emissionen verantwortlich. Betroffen von Fahrverboten wären nach den Plänen in Stuttgart und München alle Dieselfahrzeuge ab Euro-5 abwärts. Das wären vier von fünf Diesel-Pkw.

Aber auch bei den neuesten Pkw mit Euro-6-Standard ergaben Messungen des Umweltbundesamtes im Realbetrieb viel zu hohe Ausstöße von Stickoxid. Die Autoindustrie hält dagegen, das werde mit den nun auf den Markt kommenden Dieselmotoren gelöst. Ab 2019 dürfen die Selbstzünder auf der Straße den vorgeschriebenen Grenzwert nur noch um das Doppelte übertreffen, zwei Jahre später um das Anderthalbfache. Der Spielraum wird eingeräumt, weil wegen Beladung, Tempo oder Steigungen eine konstante Einhaltung der Laborwerte technisch nicht möglich ist. Bis die neue Diesel-Flotte aber die Luft spürbar verbessert, dauert es nach Schätzungen des Umweltbundesamt bis etwa 2025.

Wie wären Fahrverbote zu vermeiden?

Die Städte betrachten ein Fahrverbot als größten Hebel neben vielen anderen Maßnahmen der Verkehrssteuerung oder Anreizen für Bürger, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Baden-Württemberg verhandelt deshalb mit der Autoindustrie über eine Nachrüstung von Euro-5-Motoren, die rund 40 Prozent der Diesel-Fahrzeuge ausmachen. Sollte der Stickoxid-Ausstoß dadurch genauso viel wie durch Fahrverbote sinken, könnte auf die drastische Maßnahme verzichtet werden. Doch es ist unklar, wie hoch die Kosten sind und wer sie übernimmt - die Autohersteller oder auch die Verbraucher oder der Staat? Ob Dieselfahrverbote rechtlich zulässig sind, muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erst entscheiden. Einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Was macht die Bundesregierung?

Die Länder dringen auf eine bundesweite Klärung. In der Diskussion war die Blaue Plakette, mit der Städte allen Diesel-Autos beispielsweise unterhalb der Euro-6-Norm die Einfahrt verbieten könnten. Doch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die die Plakette selbst vorgeschlagen hatte, ist davon inzwischen abgerückt, da auch die Euro-6-Fahrzeuge zuviel ausstießen. Sie setzt auf Nachrüstungen durch die Industrie. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist gegen Fahrverbote, sieht die Verantwortung aber bei Städten und Ländern. Er argumentiert, wenn Busse, Taxen und Behördenfahrzeuge elektrisch oder mit alternativen Antrieben ausgerüstet würden, könne das Problem für Privatfahrer entschärft werden.

Quelle: Reuters

„Das Diesel-Thema macht uns Sorgen“, begründete VDA-Präsident Wissmann den neuen Vorstoß der deutschen Automobilhersteller. Die anhaltende Diskussion über mögliche Fahrverbote habe zu einer nachhaltigen Verunsicherung auf Seiten der Autofahrer geführt. Viele Kunden würden sich heute die Frage stellen, ob ihr Diesel-Modell in einigen Jahren überhaupt noch als Gebrauchtwagen verkäuflich sei. Aktuell liege der Diesel-Anteil bei den Pkw-Neuzulassungen bei gut 41 Prozent, vor zwölf Monaten seien es noch etwa 46 Prozent gewesen.

Der VDA und seine Mitgliedsunternehmen setzen darauf, dass ihr Vorschlag die Diskussion über Fahrverbote nach kurzer Zeit beenden wird und dass das Vertrauen in diese Antriebsart zurückkehrt. „Schon das Treffen des Nationalen Forums Diesel am 2. August soll Klarheit bringen. Wir haben überhaupt kein Interesse an einem weiteren Verschiebebahnhof“, betonte der VDA-Präsident.

Über wichtige Details des Umrüstungsplans herrscht allerdings noch Unklarheit. Nach den Worten Wissmanns haben die Autohersteller zwar zugesichert, dass sie die Entwicklungskosten für neue Software-Programme übernehmen wollten. Offen ist allerdings derzeit, wer die Werkstatten-Kosten trägt. Der VDA wollte keine Angaben zu den entstehenden Kosten machen. Aus Branchenkreisen verlautete dazu, dass bei jedem Diesel-Modell Ausgaben von etwa 200 Euro anfallen könnten.

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Die vage Ankündigung der Autohersteller zur Nachrüstung älterer Dieselfahrzeuge mit Euro 5 reicht den Städten nicht: Die Kommunen misstrauen den Diesel-Softwareupdates. In den Metropolen drohen weiter Fahrverbote.

In Deutschland sind etwa 15 Millionen Diesel-Pkw für den Straßenverkehr zugelassen. Der neue Umrüstplan des VDA bezieht sich ausdrücklich auf die Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5, von denen es rund sechs Millionen gibt und die seit etwa sieben Jahren auf den Straßen fahren. Nur bei drei Millionen dieser Fahrzeuge sei eine Umrüstung tatsächlich möglich. Ältere Abgasnormen hat der VDA ausdrücklich nicht mit in seinen Lösungsvorschlag aufgenommen. Die neuesten Euro-6-Fahrzeuge erfüllen aus Sicht des Herstellerverbandes die gängigen Abgasnormen.

Die deutschen Automobilhersteller wollen unter keinen Umständen auf ihre Diesel-Modelle verzichten. Der Grund sind die vergleichsweise günstigen Abgaswerte beim Treibhaus-Gas Kohlendioxid. Moderne Diesel stoßen etwa 15 Prozent weniger Kohlendioxid aus als gängige Benzin-Motoren. Neue und schärfere Abgasgrenzen in der EU werden die Autohersteller nur mit dem Diesel erreichen können, da neue Elektroautos nicht mehr rechtzeitig auf den Markt kommen werden.

Kommentare (4)

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Frau Me Law

04.07.2017, 13:47 Uhr

Bei dem Thema kommt bei mir die blanke Wut hoch. Zig Untersuchungen, auch vom Umweltbundesamt, haben ergeben, dass kaum ein Diesel-PKW (sei es Euro4, 5 oder 6) auch nur in der Größenordnung seines Normgrenzwerts liegt. Da sind Euro6-Fahrzeuge, die so weiter verkauft werden dürfen, obwohl sie selbst den Grenzwert für Euro3 deutlich übersteigen. Zu diesem Sachverhalt gibt es keinen Mucks aus Politik und Industrie. Das wird einfach so hingenommen. Schlimmer noch, dieselben Grenzwerte sollen nur entscheiden, ob ein Fahrzeug in die Stadt darf oder nicht.

Rainer von Horn

04.07.2017, 14:02 Uhr

@ Frau Me Law04.07.2017, 13:47 Uhr

Beim Stickoxid würden grössere Harnstofftanks und kürzere Nachfüllintervalle helfen. Beim Feinstaub bewegen wir uns in eine fragliche Richtung. Die kleineren Partikel der Fahrzeuge mit Russpartikelfilter sind giftiger, als die der alten Dieselfahrzeuge ohne....

Steigen wir auf Benziner um, sind die CO2-Ziele obsolet. Bleibt nur das Fahrrad und das pedelec.

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-7792-2008-02-12.html

Frau Edelgard Kah

04.07.2017, 17:13 Uhr

Eine neue Software für Diesel? Vielleicht kann man damit erreichen, dass die Politik für ein oder zwei Jahre auf Fahrverbote verzichtet. Aber eine solche Notlösung kann den Diesel nicht dauerhaft retten.

Die Hersteller müssen sich endlich fragen, was die Kunden wirklich wollen. Sie sollten sich darüber klar werden, dass die Kunden in erster Linie nicht irgendeinen Firlefanz, sondern die Einhaltung der gesetzlichen Abgasvorschriften verlangen. Ultimativ verlangen. Und zwar nicht auf dem Prüfstand, sondern im Fahrbetrieb. Wer diese Kundenwünsche nicht ernst nimmt, sollte seine Bude dicht. "Schummelei bis zum Ende aller Tage?", nicht mit mir.

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