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29.09.2016

08:48 Uhr

Autosalon in Paris

Volkswagen startet in ein neues Zeitalter

VonStefan Menzel

Neue Töne von Volkswagen auf dem Pariser Autosalon: Mitten im Dieselskandal ruft Konzernchef Matthias Müller den großen Wachwechsel aus. Batterieantrieb und Mobilitätsangebote sollen den Konzern neu ausrichten.

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen: „Wichtig ist mir, dass wir jetzt die Zukunft von Volkswagen gestalten.“ dpa

VW Konzernabend

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen: „Wichtig ist mir, dass wir jetzt die Zukunft von Volkswagen gestalten.“

ParisDas Gebäude ist ziemlich imposant und passt im Moment eigentlich gar nicht zu Volkswagen. Der Bau erinnert an ein gewaltiges Schiff. Es sieht so aus, als habe US-Architekt Frank Gehry extra Segel setzen lassen. Die Fondation Louis Vuitton im Herzen von Paris ist als Kunstmuseum die Heimat von Andy Warhol und Gerhard Richter. Keine zwei Jahre gibt es dieses Museum, gegründet von Bernard Arnault, dem Haupteigentümer des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH.

Doch am Vorabend des Pariser Automobilsalons hat hier der Volkswagen-Konzern das Sagen. Gleich am Eingang stehen der erste Porsche 911 und der erste Audi Quattro. Damit auch wirklich jeder Besucher versteht: An diesem Abend geht es in der Fondation Louis Vuitton weniger um Kunst, sondern vielmehr um Autos.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Die „Volkswagen Group Media Night“ steht auf dem Programm. Zum Auftakt des Autosalons präsentieren sich alle Marken aus dem Konzern mit ihren neuesten Modellen, die von Donnerstag an auch auf dem Messegelände am südlichen Stadtrand von Paris zu sehen sein werden.

Solche Vorabendpräsentationen sind gängige Praxis bei den meisten Herstellern und auf den meisten großen Automessen, und damit natürlich auch in Paris. Doch ziemlich genau ein Jahr nach dem Bekanntwerden des Dieselskandals ist es eine ganz besondere Nacht für den Volkswagen-Konzern.

Das Gebäude der Fondation Louis Vuitton ist zwar wirklich imposant und spricht wahrlich nicht von einer neuen Bescheidenheit. Doch im Inneren des Gebäudes unterscheidet sich dieser Volkswagen-Marken-Abend deutlich von seinen Vorgängern wie vor einem Jahr auf der IAA in Frankfurt oder eben vor zwei Jahren in Paris.

Im Verlauf des Abends ist trotzdem etwas von einer neuen Bescheidenheit bei Volkswagen zu spüren. Es muss nicht immer das Teuerste und das Beste sein wie früher bei VW. Die Dieselaffäre hat dafür gesorgt, dass der Konzern viel stärker auf sein Geld achten muss. Deshalb geht es auch auf dem Markenabend etwas bescheidener zu. Die Zahl der Gäste ist deutlich kleiner geworden, statt 1000 sind nur noch etwa 500 gekommen. Die neuen Modelle fahren nicht mehr vor, sie sind stattdessen im Hintergrund geparkt.

Teure Rockbands, die sich Volkswagen früher ebenfalls leistete, sind auf diesem Markenabend auch nicht mehr zu hören und zu sehen. Auf den Messeauftritt in Paris will Volkswagen allerdings nicht verzichten, trotz aller Belastungen aus der Dieselaffäre. So mancher Konkurrent sieht das anders: Volvo und Ford sind in Paris nicht mehr vertreten.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

29.09.2016, 09:18 Uhr

Mit dieser Neuausrichtung von VW beschließt der Konzernchef Matthias Müller den Untergang des VW Konzern und macht damit den Konkurrenten aus den USA wie Ford oder GM den Weg frei um weiter Marktanteile bei den Verbrennungsmotoren zu generieren. VW steht für Diesel Innovation und hat damit ein Alleinstellungsmerkmal in der Autobranche. Auch andere Deutsche Automarken können auf ihren Dieselmotor stolz sein. Wenn jedoch diese Konzerne jetzt ihre Diesel Innovation = Wettbewerbsvorteil wegschmeißen, nur weil es eine Grün-Sozialistische Politik in Deutschland so will dann wird dies den Untergang für die Deutsche Automobilindustrie bedeuten. VW geht hier voran in dem sie dem Diesel verteufeln und die marktfunfähige E-Mobiliät dafür ins Boot (Titanic) holen.

Herr Peter Delli

29.09.2016, 09:32 Uhr

http://www.handelsblatt.com/politik/international/ab-2030-gruene-wollen-keine-benzin-und-dieselautos-mehr-zulassen/14617660.html

Unglaublich !

Herr Holger Narrog

29.09.2016, 10:24 Uhr

Die Automobilbranche ist Deutschlands Schlüsselbranche und Träger des Wohlstands im Lande. Eine Neupositionierung in Hinsicht auf Elektroautos birgt ein extremes Risiko als Asien einen mittlerweile kaum aufholbaren Vorsprung in Sachen Elektronik hat.

Das die Zeit sich ändert ist sicherlich erfreulich und gibt der Menschheit Chancen zur Verbesserung. Dass man beisielsweise den Dieselmotor und im Schlepptau auch den Benzinmotor mutwillig mit der Ökogarotte, sprich nicht realistisch erfüllbaren Abgasvorschriften, erdrosselt ist eine bewusste Zerstörung der Lebensgrundlagen.

Es ist bereits schwierig die Emissionen eines Grosskraftwerks dass wenige langsam ändernde Betriebszustände kennt entsprechend der Vorschriften zu reduzieren. Ein Automotor ändert seinen Betriebszustand in Sekundenschnelle. So haben die EU Behörden kaum erfüllbare Abgaswerte erfunden und die Autoindustrie hat so getan als ob sie diese erfüllen kann.

Dieselautos sind heutzutage nicht mehr unkaputtbar. Es sind sehr komplexe Sensibelchen geworden. Das eigene Auto hat eine Abgasrückführung die beispielsweise beim Kaltstart, oder > 120 Km/h durch ein Ventil verschlossen wird, einen Kapalysator und einen Partikelfilter. Dies ist komplex und führt je nach Fahrweise zur Verrussung und massiven Schäden am Auto (Partikelfilter, Turbolader....).

Besser wäre es sinnvolle und erfüllbare Grenzwerte für Autos mit Verbrennungsmotor zu erlassen. Wenn das Elektroauto in einem solchen fairen Wettbewerb einen Vorsprung gewinnt dann ist dessen Zeit gekommen.

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