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02.02.2017

18:30 Uhr

Autozulieferer

Der Machtkampf um Grammer wird immer ruppiger

Der Kampf um die Macht beim Autozulieferer Grammer gewinnt an Schärfe. Die Beschäftigten reagieren mit Angst und Wut. Doch auch den großen Autobauern bereitet das Vorgehen des Hastor-Clans Sorgen.

Der Zulieferer baut mit 12.000 Mitarbeitern Armaturenbretter und Sitze für Autos, Lastwagen, Traktoren, Busse und Züge. dpa

Produktion bei Grammer

Der Zulieferer baut mit 12.000 Mitarbeitern Armaturenbretter und Sitze für Autos, Lastwagen, Traktoren, Busse und Züge.

MünchenDer Autozulieferer Prevent wirbt in einem Unternehmensprofil mit dem Satz: „Der Mut, neue Wege zu gehen, hat uns schon immer begleitet.“ Den VW-Konzern hat das Vorgehen von Prevent schon Millionen gekostet, zudem hat Europas größter Autobauer Konsequenzen beim Einkauf angekündigt. Der Plan der Prevent-Eigentümer, die Macht beim großen bayerischen Zulieferer Grammer übernehmen zu wollen, versetzt Autokonzerne und IG Metall in Aufruhr.

„Das ist eine ganz kritische Situation. Alle Automobilhersteller beobachten das mit großer Sorge“, sagt Stefan Bratzel vom Autoinstitut CAM in Bergisch Gladbach. „Alle schauen genau, ob ein Investor wie Prevent sich weitere wichtige Zulieferer einverleibt und so sein Druck- und Blockadepotenzial erheblich erhöht.“ Aus der Autoindustrie heißt es: „Wir stehen Gewehr bei Fuß.“ Risikomanager und inzwischen auch Task forces kümmern sich darum, dass die Produktion nicht still steht und notfalls Alternativen gefunden werden.

Das Hastor-Firmenimperium

Von Jugoslawien nach Wolfsburg

Prevent hat seine Wurzeln 1952 in einer Sattlerei in Sloveni Grad im ehemaligen Jugoslawien, wie die Unternehmensberatung Oaklins mitteilte. 1976 wurde VW dort Kunde für Sitzbezüge. 1992 zog Prevent nach Wolfsburg um. Inzwischen gehören etwa drei Dutzend Firmen mit annähernd 12.000 Mitarbeitern rund um den Globus zum Firmengeflecht des Ingenieurs Nijaz Hastor und seiner Söhne Kenan und Damir.

Car Trim und ES Automobilguss

Oaklins war bei der Übernahme der beiden sächsischen Autozulieferer Car Trim und ES Automobilguss im Jahr 2015 beteiligt. Die Unternehmen bauen in Deutschland, Tschechien und Bosnien Getriebeteile, Sitze und Innenausstattung für VW, Audi, Porsche und andere Hersteller. 2016 machten die Unternehmen mit einer spektakulären Auseinandersetzung mit Volkswagen Schlagzeilen.

Keiper, TWB, Grammer

Ebenfalls 2015 kaufte Prevent auch das Südamerika-Geschäft des Sitzherstellers Keiper. Zu Prevent gehört auch das TWB Presswerk in Hagen mit etwa 500 Stellen. Der bayerische Autozulieferer Grammer, bei dem die Familie jetzt mit 20 Prozent größter Aktionär ist und die Kontrolle übernehmen will, wäre mit 12.000 Mitarbeitern und rund 1,6 Milliarden Euro Umsatz der weitaus dickste Brocken im Firmengeflecht.

Wössner, Gepade, Alno

Den Möbellieferanten Wössner in Sulz am Neckar kaufte Prevent 2016 – inzwischen wurde die Produktion nach Bosnien verlagert. Der westfälische Möbelhersteller Gepade hatte kurz nach der Übernahme durch Prevent Insolvenz angemeldet. Inzwischen ist Prevent auch größter Aktionär beim kriselnden schwäbischen Küchenhersteller Alno.

Unsichtbarer Investor

Öffentlich tritt Hastor selten auf. Selbst die Hastor-Stiftung für Nachwuchstalente in Sarajevo zeigt den Stifter nicht.

Quelle: dpa

Ein Stillstand der Bänder sei eine Katastrophe, sagt Bratzel – genau das war VW im August 2016 widerfahren: Im Streit um Geld für ein abgeblasenes Projekt hatten zwei Prevent-Töchter keine Getriebeteile und Sitzbezüge mehr an Volkswagen geliefert. In Wolfsburg konnte der Golf, in Emden der Passat nicht mehr gebaut werden, 28.000 Mitarbeiter mussten pausieren. Der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) sprach von „Erpressung“.

Bratzel sagt: „So was hat's in der Autoindustrie noch nicht gegeben, dass ein Zulieferer die Produktion in Geiselhaft nimmt, um seine Forderung durchzudrücken.“ Der Ausfall habe VW viele Millionen gekostet und dem Ruf der deutschen Autoindustrie geschadet.

Grammer baut mit 12.000 Mitarbeitern Armaturenbretter und Sitze für Autos, Lastwagen, Traktoren, Busse und Züge. Die größten Auto-Kunden: Der Volkswagen-Konzern, BMW und Daimler. Mit Daimler streitet sich Prevent wegen gekündigter Aufträge derzeit in Stuttgart vor Gericht.

Hinter Prevent stehen Nijaz Hastor und seine Söhne Kenan und Damir. Die bosnische Unternehmerfamilie hält bereits mehr als 20 Prozent an Grammer und fordert jetzt, fünf der sechs Aufsichtsräte auf Aktionärsseite durch ihre eigenen Vertrauensleute zu ersetzen und Unternehmenschef Hartmut Müller abzulösen. Grund: Die Führung habe nicht genug auf die Gewinne geachtet.

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