Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.09.2012

15:13 Uhr

BAE/EADS-Fusion

Politik torpediert die Luftfahrt-Fusion

VonMarkus Fasse, Klaus Stratmann, Daniel Delhaes

Die geplante Fusion zwischen EADS und BAE sorgt bei der Bundesregierung für Skepsis. Besonders Staatssekretär Hintze stellt sich gegen den Deal und legt sich dabei mit seinem Chef Rösler an. Ein Machtkampf droht.

EADS will mit BAE Systems fusionieren. Die Parlamentarier in Berlin sehen die Zusammenlegung aber kritisch. dpa

EADS will mit BAE Systems fusionieren. Die Parlamentarier in Berlin sehen die Zusammenlegung aber kritisch.

München, BerlinTom Enders war gestern persönlich vom Firmensitz in Toulouse nach Berlin geeilt, um die Bedenken von Parlamentariern und Bundesregierung gegen die geplante Großfusion von EADS und BAE Systems auszuräumen. Eineinhalb Stunden nahm sich der Chef des deutsch-französisch dominierten Luftfahrt- und Rüstungskonzerns Zeit für die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses. Die Bedenken aber blieben.

Der Deutsche hatte die Politiker beschworen, nicht die „einmalige Chance“ zu vergeben, einen Weltmarktführer zu schaffen. Zugleich beklagte er sich darüber, dass aus der Bundesregierung zumeist negative Äußerungen kämen. Enders forderte Berlin auf, endlich Klarheit zu schaffen.

Tatsächlich sind die Zweifel der Bundesregierung in den vergangenen Tagen gewachsen. Sie beklagt nicht nur die unzureichenden Standort- und Arbeitsplatzgarantien von EADS. Berlin befürchtet auch, dass die vom Konzern angebotenen „goldenen Aktien“ keinen hinreichenden Ersatz für die derzeit noch mögliche politische Kontrolle des sensiblen Rüstungsgeschäfts des Konzerns seien. Selbst die „wirtschaftliche Sinnhaftigkeit“ des Projekts wird inzwischen angezweifelt.

Der auffälligste Gegner einer Fusion ist Peter Hintze, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt: „Die Haltung der Bundesregierung zur Frage der Fusion ist noch völlig offen“, sagte er gestern. Das dürfte, zumindest aus Hintzes Sicht, nicht die ganze Wahrheit sein. Wie kein anderer Politiker hat er die geplante Fusion zuletzt torpediert. Der parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium habe versucht, sie „gegen den Deal in Stellung zu bringen“, berichteten Bundestagsabgeordnete dem Handelsblatt.

Was EADS und BAE alles herstellen

EADS - Airbus

Der weltgrößte Hersteller von Passagierflugzeugen bietet eine breite Palette an: vom 100 Sitze zählenden A318 bis hin zum Superjumbo A380, in dem 500 Menschen Platz finden. Insgesamt gibt es 14 Modelle. Mehr als 6000 Airbus-Flugzeuge sind weltweit unterwegs. Airbus stellt aber auch Militärflugzeuge her, darunter den Transporter A400M. Airbus kam 2011 auf einen Umsatz von 33,1 Milliarden Euro, davon 2,5 Milliarden Euro aus dem Rüstungsgeschäft.

Astrium

Dahinter verbirgt sich das europäische Raumfahrtgeschäft von EADS. Hergestellt werden beispielsweise Satellitensysteme. Bekanntestes Produkt sind die Ariane-Raketen, mit denen Satelliten ins Weltall transportiert werden. Astrium kam 2011 auf einen Umsatz von fünf Milliarden Euro.

Cassidian

Diese Sparte produziert beispielsweise Drohnen. Über Cassidian ist EADS auch am Eurofighter-Konsortium beteiligt und Anteilseigner beim Raketensystemanbieter MBDA. Dieser Geschäftsbereich machte 2011 rund 5,8 Milliarden Euro Umsatz.

Eurocopter

Der Hersteller von Zivil- und Militärhubschraubern kommt auf einen weltweiten Marktanteil von rund 30 Prozent. Zu den bekanntesten Produkten gehören der militärisch genutzt Tiger und der zivile EC225 Super Puma. Diese Sparte erlöste 2011 rund 5,4 Milliarden Euro.

BAE - Electronic Systems

Dieser Unternehmensteil ist auf Elektronik zur Flug- und Motorsteuerung spezialisiert, stellt aber auch Kriegsgeräte und Nachtsichtsysteme her. Er kam 2011 auf einen Umsatz von 5,4 Milliarden Pfund.

Cyber and Intelligence

Ein Teil dieses Geschäftsbereiches von BAE ist in den USA angesiedelt. Geliefert werden beispielsweise Nachrichten und Informationen in Echtzeit an Regierungen und Truppen. Auch Sicherheits-Soft- und Hardware bietet das Unternehmen an. Der Umsatz betrug 2011 etwa 1,4 Milliarden Pfund.

U.S. Platforms & Services

Kriegsgeräte, aber auch Schiffsreparaturen werden unter diesem Namen angeboten. Aktiv ist diese BAE-Sparte in den USA, Großbritannien, Schweden und Südafrika. Einnahmen 2011: 5,3 Milliarden Pfund.

International Platforms & Services

Diese Sparte ist in Saudi-Arabien, Indien, Australien und dem Oman vertreten. Sie hält auch einen Anteil von 35 Prozent am Raketen-Hersteller MDBA.

Schon zu Wochenbeginn wurde ein internes Papier des Wirtschaftsministeriums bekannt, das den Zusammenschluss in ein schlechtes Licht rückte. Maßgeblichen Einfluss auf das Papier übte Hintze aus.

Sein Vorgesetzter, Wirtschaftsminister Philipp Rösler, sei darüber so verärgert, dass er statt Hintze seinen Vertrauten, Staatssekretär Stefan Kapferer, mit der Koordinierung der Verhandlungen betraut habe, heißt es im Ministerium. Das Problem ist damit aber nicht ausgeräumt. Denn Hintze genießt wie kaum ein anderer CDU-Politiker das Vertrauen der Kanzlerin. Er ist ein Anhänger klassischer Industriepolitik, immer die nationalen Interessen im Blick. Wichtig für Enders dagegen ist die betriebswirtschaftliche Logik der Fusion. Nicht zuletzt deshalb will er den Einfluss der Politik auf EADS verringern.

Die Positionen von Bundesregierung und Enders scheinen unvereinbar.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

beobachter

28.09.2012, 09:33 Uhr

wenn man der betreibswirtschaftlichen logik folgt, dürfte es zu einem abbau von arbeitsplätzen in deutschland kommen, da auch der beschaffungsetat der bundeswehr sinken wird und zudem wohl produkte zu beschaffen sind, die nicht unbedingt von der eads angeboten werden (robotersysteme, u-boote, landsysteme) und dementsprechend entwickelt werden müssen. auf der anderen seite wird bei krisen in dem unternehmen wahrscheinlich dennoch nach staatshilfe gefragt werden. ich vermisse bei der eads ein angebot an robotersystemen etc. zwei eher schwache unternehmen machen vor dem hintergrund sich wandelnder beschaffungsschwerpunkte noch kein starkes unternehmen. die bundesregierung sollte statt dessen den rüstungswirtschaftlichen mittelstand fördern (diehl, rheinmetall, thyssen marine systems) und innovationen befördern statt sich mit der festlegung auf großprodukte, deren fertigung eher an manufakturproduktion erinnert, den haushalt für jahre zu binden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×