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17.12.2015

15:40 Uhr

Bayer-Verhütungsmittel

Streit um „Yasminelle“ geht ins neue Jahr

Wie gefährlich ist die millionenfach eingenommene Anti-Baby-Pille „Yasminelle“? Vor Gericht geht eine Frau gegen den Pharmariesen Bayer vor. Es steht Aussage gegen Aussage. Die Justiz steht vor vielen Fragen.

Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer zeigt eine Packung der Anti-Baby-Pille „Yasminelle“. Sie will nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von dem Pharmaunternehmen Bayer. dpa

Gerichtsprozess um Anti-Baby-Pille

Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer zeigt eine Packung der Anti-Baby-Pille „Yasminelle“. Sie will nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von dem Pharmaunternehmen Bayer.

Waldshut-TiengenIm Prozess um eine mögliche Gesundheitsgefahr durch die Anti-Baby-Pille „Yasminelle“ ist der Versuch einer Einigung zwischen Klägerin und Hersteller gescheitert. Nach knapp fünf Stunden Verhandlung vertagte das Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen den Prozess am Donnerstag auf das nächste Jahr. Man betrete mit dem Verfahren Neuland, sagte der Vorsitzende Richter Johannes Daun. Eine außergerichtliche Einigung sei nicht möglich gewesen, betonte er. Beide Seiten beharrten auf ihren Positionen. Weitere Prozesstermine stehen noch nicht fest.

Verhandelt wird zivilrechtlich die Klage der 31-jährigen Felicitas Rohrer gegen den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer mit Sitz in Leverkusen. Dieser vertreibt die Pille. Rohrer will erreichen, dass das Verhütungsmittel vom Markt genommen wird, weil sie es für gefährlich hält.

Streit um Anti-Baby-Pille

Um was geht es in dem Prozess?

Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer aus Willstätt in Baden-Württemberg will nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von Bayer. Sie macht die Pille mit ihrem Wirkstoff Drospirenon für gesundheitliche Probleme verantwortlich. So erhöhe sie das Risiko von Thrombose (Blutgerinnsel).

Wie ist die Frau betroffen?

Nach der Einnahme der Pille hat sie im Juni 2009 nach eigenen Angaben durch Thrombose eine lebensbedrohliche Lungenembolie erlitten und sei daran fast gestorben. Nur durch eine Notoperation sei sie gerettet worden. Seither kämpft sie gegen Bayer und die unter Verdacht der Gesundheitsgefährdung stehende Pille.

Aus welchem Grund?

Bis heute leide sie unter gesundheitlichen Folgeschäden. Die Pille, sagt Rohrer, habe ihr Leben zerstört. Sie ist demnach körperlich dauerhaft eingeschränkt und kann keine Kinder bekommen.

Was möchte sie erreichen?

Sie will, dass Bayer die umstrittene Pille vom Markt nimmt. Der Konzern, so ihre Begründung, mache nicht auf die gefährlichen Nebenwirkungen aufmerksam und gefährde damit Menschenleben. Mit der Pille mache Bayer international ein Milliardengeschäft.

Was sagt Bayer dazu?

Der Pharmakonzern hält die Ansprüche nach Angaben eines Sprechers für unbegründet und setzt sich gegen die Klage zur Wehr. Durch wissenschaftliche Daten sei bestätigt, dass von der Anti-Baby-Pille und dem Wirkstoff bei korrekter Einnahme und ordnungsgemäßer, ärztlicher Verschreibung keine Gefahr ausgehe.

Ist die Klägerin ein Einzelfall?

Es haben sich weltweit Frauen zu Wort gemeldet, die das Verhütungspräparat eingenommen haben und gesundheitliche Probleme darauf zurückführen. Der Anwalt der Klägerin in Waldshut-Tiengen, Martin Jensch, vertritt nach eigenen Angaben weitere Frauen mit dieser Problematik. Einige von ihnen haben Klage eingereicht oder wollen dies tun.

Gab es bereits juristische Auseinandersetzungen?

In der Schweiz kam es 2009 zu einem spektakulären Fall. Wenige Wochen, nachdem eine damals 16-Jährige mit der Einnahme der von Bayer stammenden Anti-Baby-Pille „Yaz“ begonnen hatte, erlitt sie eine Lungenembolie und ist seither schwerbehindert. „Yaz“ hat ähnliche Wirkstoffe wie „Yasminelle“. Die Familie der Betroffenen klagte auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Doch das Schweizer Bundesgericht wies diese Forderungen im Januar 2015 zurück. Andere Schweizer Gerichte der Vorinstanz hatten mit gleichem Ergebnis geurteilt.

Was sagen die deutschen Behörden?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hat im März 2014 verkündet, dass von einigen Anti-Baby-Pillen ein erhöhtes Thrombose-Risiko ausgehe und die Hersteller darauf aufmerksam machen müssten. Vor allem der Wirkstoff Drospirenon sei für das Risiko verantwortlich. Dies trifft nicht nur Bayer, sondern auch andere Hersteller. Gleichzeitig ordnete es neue Studien an. Vom Markt genommen werden müssen Pillen nach Einschätzung des Bundesinstitutes deshalb nicht.

Gibt es weitere Erkenntnisse?

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Anfang Dezember 2015 veröffentlichten „Pillenreport“ darauf hingewiesen, dass Präparate der so genannten dritten und vierten Generation, also vergleichsweise neue Arzneimittel, häufig ein wesentlich größeres Thrombose-Risiko haben als Pillen der zweiten Generation. Dennoch werden die riskanteren Pillen häufiger verschrieben. Die Kasse rät, Pillen der früheren Generationen zu verwenden. Diese schützen genauso gut vor ungewollter Schwangerschaft, haben laut TK aber ein geringeres Thrombose-Risiko.

Was raten Experten?

Frauen, die mit Anti-Baby-Pille verhüten wollen, sollten das Gespräch mit dem Arzt suchen und diesen gezielt nach möglichen Risiken fragen. Zudem die Packungsbeilage lesen. Raucher, Übergewichtige sowie Frauen, die eine eigene oder familiäre Vorbelastung mit Thrombose haben, sollten den Arzt, der ihnen die Pile verschreibt, auf jeden Fall darauf hinweisen, rät die Bundesärztekammer. Im Zweifel verschreibe der Mediziner dann ein anderes, sichereres Präparat.
Quelle: dpa

Notwendig sei das Hinzuziehen von mindestens zwei Sachverständigen, sagte der Richter. Diese sollen im nächsten Jahr benannt werden. Nach Angaben des Gerichts handelt es sich um die erste Klage in diesem Fall in Deutschland. Die Frau hat demnach im Juni 2011 Klage eingereicht, seither läuft das Verfahren. Am Donnerstag kamen die Kontrahenten zur ersten mündlichen Verhandlung zusammen und trafen damit erstmals direkt aufeinander. Bislang hatten sie sich schriftlich ausgetauscht.

Nach dem Willen der Klägerin soll Bayer umfassend Auskunft über „Yasminelle“ geben. Sie macht die Pille mit dem Wirkstoff Drospirenon für gesundheitliche Probleme verantwortlich. So habe das Mittel ein mindestens doppelt so hohes Thrombose-Risiko wie andere Präparate. Nach der Einnahme der Pille habe sie im Juni 2009 eine beidseitige Lungenembolie erlitten und sei daran fast gestorben. Sie fordert mindestens 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld.

Der Pharmakonzern halte die Klage für unbegründet, sagte der Rechtsanwalt des Unternehmens, Henning Moelle, am Rande des Prozesses. Ein Sprecher des Konzerns sagte: Durch wissenschaftliche Daten sei bestätigt, dass von der Anti-Baby-Pille und dem Wirkstoff bei korrekter Einnahme keine Gefahr ausgehe. Die Pillen der Produktgruppe werden nach Darstellung von Bayer täglich millionenfach eingenommen in mehr als 100 Ländern. Bereits in drei Prozessen in Deutschland, in denen es um den umstrittenen Wirkstoff gegangen sei, habe Bayer gesiegt, betonte das Unternehmen.

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Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hatte im März 2014 verkündet, dass von einigen Anti-Baby-Pillen ein erhöhtes Thrombose-Risiko ausgehe und die Hersteller darauf aufmerksam machen müssten. Vor allem der Wirkstoff Drospirenon sei für das Risiko verantwortlich. Das trifft nicht nur Bayer, sondern auch andere Hersteller. Gleichzeitig ordnete es neue Studien an. Vom Markt genommen werden müssen Pillen nach Einschätzung des Bundesinstitutes deshalb nicht.

In den USA hatten mehrere tausend Frauen gegen Bayer geklagt. Bis Anfang dieses Jahres schloss der Konzern den Angaben zufolge rund 9000 Vergleiche von insgesamt 1,9 Milliarden US-Dollar ab, ohne jedoch eine juristisch wirksame Verantwortung anzuerkennen.

Von

dpa

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