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30.01.2008

18:06 Uhr

Berichte der Energiekonzerne

Stromnetze immer häufiger an Belastungsgrenze

VonKlaus Stratmann

ExklusivDie Stromkonzerne kommen mit dem dringend erforderlichen Ausbau der Übertragungsnetze kaum nach. In ihren Berichten zum Netzausbau, die dem Handelsblatt in Auszügen vorliegen, warnen die Energiekonzerne deutlich vor Engpässen. Die Unternehmen müssen die Berichte der Bundesnetzagentur am Freitag vorlegen.

Strommasten in Niederbayern: Die Energieversorger klagen über Probleme beim Netzausbau. Foto: dpa dpa

Strommasten in Niederbayern: Die Energieversorger klagen über Probleme beim Netzausbau. Foto: dpa

BERLIN. In den vergangenen beiden Jahren hat sich die Zahl der dokumentierten kritischen Situationen bereits spürbar gehäuft. Der Kern des Problems liegt im Wandel der Erzeugungsstruktur: Früher wurde der Strom im Wesentlichen dort produziert, wo er auch verbraucht wurde. Mittlerweile klaffen die Orte der Erzeugung und des Verbrauchs weit auseinander. Ein wachsender Windstromanteil kommt aus dem Nordosten der Republik, verbraucht wird der Strom aber im Westen. Zudem ist das Windstromaufkommen äußerst volatil und kaum prognostizierbar. Zugleich gehen neue konventionelle Kraftwerk ans Netz. Hier zeichnet sich ein neuer Erzeugungsschwerpunkt in den neuen Ländern ab: 40 Prozent aller Projekte, die ans Netz angeschlossen werden müssen, entfallen auf Ostdeutschland.

Der Verbrauch zwischen Rostock und Zwickau ist dagegen rückläufig. Zudem ist es politisch gewollt, den Stromaustausch über Deutschlands Grenzen hinweg zu forcieren. Auch dafür müssen Kapazitäten her. Verantwortlich für den Ausbau der Übertragungsnetze sind die Netztöchter von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW.

Allein die Integration der Windenergie bringt die Netze an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Immer häufiger müssen die Netzbetreiber die Leistungen konventioneller Kraftwerke drosseln, damit Windstrom noch aufgenommen werden kann, ohne die Systemsicherheit zu gefährden. Das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) ermächtigt die Netzbetreiber zu solchen Eingriffen. Die Vattenfall Europe Transmission GmbH zählte 2006 noch 80 Tage mit kritischen Situationen im Sinne des Energiewirtschaftsgesetzes. Im vergangenen Jahr waren es bereits 155 Tage. Während der ersten 29 Tage des Jahres 2008 war es bereits an 28 Tagen kritisch. "Der Ausnahmefall ist bei uns die Regel geworden", sagte Wolfgang Neldner, Geschäftsführer bei Vattenfall Europe Transmission, dem Handelsblatt. Eine Erfahrung, die auch andere Netzbetreiber machen: Man erreiche "immer häufiger die Belastungs- bzw. Systemsicherheitsgrenze", heißt es bei der RWE Transportnetz Strom GmbH.

Es ist für die Unternehmen nicht leicht, schnell für Abhilfe zu sorgen: "Während neue Kraftwerke schon innerhalb von drei Jahren realisiert werden können, beträgt der Zeitbedarf für Planung und Bau neuer Leitungen selbst bei günstigem Verlauf der Genehmigungsverfahren etwa acht Jahre", kritisiert man bei der RWE -Netztochter. Aus den Genehmigungsverfahren ergeben sich nach den Erfahrungen des Unternehmens "oft Auflagen, die den zeitlichen Ablauf und den Umfang der ursprünglichen Planung verändern".

"Wir wollen in den nächsten zehn Jahren fast drei Mrd. Euro in den Netzausbau stecken", sagte Klaus Kleinekorte, Geschäftsführer RWE Transportnetz Strom, dem Handelsblatt. "Dazu brauchen wir aber einen breiten öffentlichen Konsens über die zügige Umsetzung unserer Maßnahmen. Und natürlich muss es auch wirtschaftliche Investitionsanreize geben."

Die Politik hat das Problem erkannt. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will spätestens im Mai ein Gesetzespaket vorlegen, das die Genehmigungsverfahren verkürzt. Der Bau wichtiger Hochspannungsleitungen soll künftig vom Parlament beschlossen, das Planungsrecht vereinheitlicht sowie der Rechtsweg verkürzt werden. In der Branche gibt es Zweifel, ob sich Glos damit durchsetzen kann. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) verfolgt ein anderes Konzept: Er will Hochspannungsleitungen verstärkt unterirdisch führen, um Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dass der Netzausbau erforderlich ist, wird von niemandem bestritten: Sowohl die Bundesnetzagentur als auch die im Bundesverband Neuer Energieanbieter zusammengeschlossenen Konkurrenten der etablierten Konzerne betonen die Dringlichkeit des Ausbaus.

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