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21.01.2011

18:00 Uhr

Berlin

Wo Rentner noch Rentner sind - und Modepüppchen Modepüppchen

VonChristoph Kapalschinski

Die Welt ist in Ordnung, und das ausgerechnet in Berlin. Wobei das schöne an einer heilen Welt ja ist, dass alles so ist, wie man sich das vorstellt. Wer auch immer sich ausgedacht hat, dass die Modewoche "Mercedes-Benz Fashion Week" und die Agrarmesse "Grüne Woche" zeitgleich in der Hauptstadt stattfinden: Er ist ein Meister des Klischees.

Models auf der Fashion Week. Reuters

Models auf der Fashion Week.

BERLIN. Nehmen wir einfach mal die Schau des nach eigener Auskunft für "Urban Creatives" gestalteten Modelabels "Hugo" von Hugo Boss in der Neuen Nationalgalerie. Natürlich sind alle sehr urban, wahnsinnig kreativ (vor allem bei den Frisuren), trinken sehr viel Moet und tun sehr schwul, selbst wenn sie wie der Schauspieler Matthias Schweighöfer neben ihrer Freundin in der ersten Reihe am Klavierlack-Catwalk sitzen. Die Musik tönt laut, gut, an den Decken des klassisch-modernen Baus laufen orangefarbene LED-Bänder. Klaus Wowereit, der - man kann es nicht mehr hören: Party-Bürgermeister - ist selbstverständlich auch da, grau meliert, chic.

Nächster Morgen, ziemlich früh: Rundgang auf der Grünen Woche. Wieder Bürgermeister Wowereit. Jetzt messegerecht rentnerhaft schon vor der womöglich bevorstehenden Abwahl, grauhaarig. Rundgang mit der Presse: Das ist absurdes Theater, zwei Dutzend Kameraleute, die sich rumschubsen. Also bekannt lustig, also läuft ein fürs Öffentlich-Rechtliche viel zu junger WDR-Mann mit in einem sehr gestreiften T-Shirt mit. Sein Team dreht satirisch gemeinte, harmlose Szenen, in denen der T-Shirt-Mann winkend auf Wowereit zuläuft. Na gut, dass wirklich "Riesenwursttüten für 7 Euro" angepriesen werden, ist dann ja doch schon wieder lustig - so wie die Känguru-Burger am Australien-Stand.

Mit auf dem Rundgang über die Rentner-Messe ist am Likörchen-Stand pflichtgemäß Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Sie hat eine undankbare Aufgabe: Wie die Oma, deren Heimat Schlesien nebenan in der Halle des Partnerlands Polen Würste anbietet, kommt sie regelmäßig auf ein Thema zurück: Es war auch nicht alles schlimm - gemeint ist die deutsche Agrarindustrie, natürlich. Der Dioxin-Skandal: ein Werk von Einzeltätern, aber sonst mit mehr Kontrolle und einem Viele-Punkte-Plan in den Griff zu bekommen. Finden ja auch Bauernpräsident Gerd Sonnleitner und der Vorsitzende des Verbands der Lebensmittelhersteller, Jürgen Abraham. Eine Art Streichelzoo gibt es auch auf der Grünen Woche, er heißt hier Erlebnisbauernhof.

Auf der Modemesse "Bread & Butter" im cool-faschistoiden Tempelhofer Flughafengebäude wird derweil mehr umarmt als gestreichelt. Die übliche Begrüßung in der Modebranche, schon klar. Alle großen und kleinen Marken der sogenannten "Streetware" haben Stände aufgebaut. An den Kleiderständern: schmale Jeans, Jacken mit Kapuzen, wenig Pelzbesatz, viele Grautöne. Dazwischen Jungs mit Hungerwinter-Wangenknochen, erstaunlich gestylte Damen und fünfzigjährige Männer, gefangen in der Kleidung eines Fünfzehnjährigen. Die reinen Klischees, natürlich.

Denn das Klischee, das liegt im Auge des Betrachters.

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