Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.04.2014

15:20 Uhr

Bestechungsvorwürfe

Siemens kann in Brasilien aufatmen

VonAndreas Knobloch

Siemens darf sich wieder um Aufträge des brasilianischen Staates bewerben. Ein Gericht hatte das Unternehmen wegen Korruptionsverdachts ausgeschlossen, das Urteil aber aufgehoben. Die Begründung ist ungewöhnlich.

Fahnen von Siemens am Hauptsitz in München: Fernab der Heimat macht der Industriekonzern zehn Prozent seines Umsatzes in Brasilien mit öffentlichen Aufträgen. dpa

Fahnen von Siemens am Hauptsitz in München: Fernab der Heimat macht der Industriekonzern zehn Prozent seines Umsatzes in Brasilien mit öffentlichen Aufträgen.

BerlinPositive Nachrichten für Siemens aus Brasilien. Die brasilianische Justiz hat ein Urteil aufgehoben, wonach der deutsche Siemens-Konzern fünf Jahre lang von öffentlichen Aufträgen in Brasilien ausgeschlossen gewesen wäre – und damit auch von lukrativen Aufträgen im Zuge der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016.

Bei dem Rechtsstreit geht es um Korruptionsvorwürfe bei Ausschreibungen der brasilianischen Post und Telekom (Empresa Brasileira de Correios e Telégrafos / ECT) zwischen den Jahren 1999 und 2005. Siemens hat mutmaßlich Bestechungsgelder gezahlt, um an Aufträge des Staatsunternehmens zu kommen. Ein brasilianisches Gericht hatte Ende Januar entschieden, dass der im August 2013 beschlossene Ausschluss von öffentlichen Aufträgen rechtswirksam wird.

Die Unregelmäßigkeiten waren in einem internen Prüfungsverfahren der ECT aufgedeckt und Siemens daraufhin für fünf Jahre verbannt worden. Siemens klagte gegen die Suspendierung, doch das erwies sich als Bumerang: das Unternehmen wurde für fünf Jahre gleich ganz von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. Auch gegen diese Entscheidung legte das Unternehmen Rechtsmittel ein und bekam nun zunächst einmal Recht.

Stärken und Schwächen von Siemens

Stärke 1

Dividendenstärke

Seit einigen Jahren gilt bei Siemens das Ziel, einen Anteil von 40 bis 60 Prozent des Gewinns nach Steuern auszuschütten, deutlich mehr als früher. Für 2013 gab es wieder eine Dividende auf dem Rekordniveau von drei Euro. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 57 Prozent.

Stärke 2

Aufträge

Der Auftragseingang, also die Umsätze von morgen, legte im abgelaufenen Geschäftsjahr um acht Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu.

Stärke 3

Ertragsperlen

Die Medizintechnik, der kleinste der vier Siemens-Sektoren, glänzte im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit der höchsten operativen Umsatzrendite. Auch in absoluten Zahlen lieferte die Medizintechnik mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von zwei Milliarden Euro den höchsten Gewinnbeitrag.

Schwäche 1

Abhängigkeit von Europa

Was in Boomzeiten ein Vorteil ist, wird zum Nachteil, wenn die Konjunktur lahmt – die starke Position von Siemens in Europa. In Südeuropa etwa können die Schuldenstaaten derzeit nur noch wenige große Infrastrukturprojekte anstoßen. Das bekommt auch Siemens zu spüren.

Schwäche 2

Fehlende Innovationskraft

Es gibt Zweifel an der Innovationskraft von Siemens – trotz 60.000 neuen Patenten im Jahr. Denn der Konzern erzielte zuletzt mit seinen Geschäften nur eine Bruttomarge von 27,4 Prozent. Nach Einschätzung von Konzernchef Joe Kaeser ist dies ein Anzeichen dafür, dass Siemens mit seinen Produkten nicht die Preise erzielen kann, die man gerne hätte. Die Produkte sind womöglich nicht immer innovativ genug.

Schwäche 3

Sonderlasten

Vor allem schlecht gemanagte Großprojekte verhageln dem Konzern seit Jahrzehnten die Ergebnisse. 2013 war es besonders arg. Die anhaltenden Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz auf dem Festland, die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen, der Ausstieg aus dem Solargeschäft und andere Pannen verursachten im Konzern fast 900 Millionen Euro an Sonderaufwendungen.

Aufhorchen lässt die Urteilsbegründung. Die Aufhebung des Bannspruchs erfolge, „um Schaden vom öffentlichen Gesundheitswesen abzuwenden“, so das Gericht. Er ist also kein Freispruch von den Bestechungsvorwürfen.

Die Indizienlage scheint auch eindeutig. Dokumente, die auf einem beschlagnahmten Computer des früheren Post-Managers Maurício Marinho gefunden worden waren, deuten darauf hin, dass Siemens mindesten 150.000 Reais (rund 50.000 Euro) an die Gruppe um den früheren Abgeordneten Roberto Jefferson (PTB) gezahlt hat, um 2005 an einen Auftrag mit der Post zu kommen.

Jefferson, der mittlerweile im Gefängnis sitzt, hatte mit seinen Aussagen den sogenannten Mensalão-Skandal, den größten Bestechungsskandal in der Geschichte Brasiliens, ins Rollen gebracht. Darüber hinaus zeigen konfiszierte Emails mit Lobbyisten, die für das staatliche Postunternehmen gearbeitet haben, dass der Siemens-Direktor Luiz Cox, derzeit Manager für intelligente Verkehrslösungen des Unternehmens, die Zahlung von „Kommissionen“ verhandelt hat, um an Aufträge der Post zu kommen. Während der Regierung Luiz Inácio Lula da Silva hatte Siemens mit der brasilianischen Post Verträge im Wert 5,3 Millionen Reais (rund 1,75 Millionen Euro) abgeschlossen.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

07.04.2014, 16:34 Uhr

Zur Bestechung gehören immer zwei, der eine fordert und der andere gibt. In der gesamten Berufspraxis von mondahu ging die Initiative stets vom fordernden Teil aus. Der gebende konnte dann überlegen, ob er da hart bleibt und den Auftrag riskiert (mondahu's Linie) oder nachgibt und damit erpressbar wird.

Warum kehren Länder wie Brasilien (und ... die Liste ist beliebig lang) nicht im eigenen Stall und misten aus. Firmen wie Siemens bräuchten den offenen Wettbewerb nicht scheuen. Wie man am Beispiel sieht, haben sie ihre Kunden schon längst handzahm an der Leine, was ja auch für andere hightech-Lieferanten ähnlich gilt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×