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06.10.2015

14:17 Uhr

Betriebsversammlung bei VW

„Es wird nicht ohne Schmerzen gehen“

Eine „schnelle und schonungslose Aufklärung“ des Diesel-Skandals verspricht Volkswagen-Chef Matthias Müller seiner Belegschaft. Gleichzeitig müssten Investitionen auf den Prüfstand – und der Sparkurs wird verschärft.

Der Gesamtbetriebsratschef der Volkswagen AG, Bernd Osterloh (fünfter von rechts), nimmt mit mehreren Tausend Mitarbeitern in Wolfsburg an einer Betriebsversammlung des Konzerns teil. Die Mitarbeiter tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Ein Team. Eine Familie.“ dpa

Betriebsversammlung VW

Der Gesamtbetriebsratschef der Volkswagen AG, Bernd Osterloh (fünfter von rechts), nimmt mit mehreren Tausend Mitarbeitern in Wolfsburg an einer Betriebsversammlung des Konzerns teil. Die Mitarbeiter tragen T-Shirts mit der Aufschrift: „Ein Team. Eine Familie.“

WolfsburgDer weltweite Abgas-Skandal bei Volkswagen könnte wichtige Investitionspläne bei Europas größtem Autobauer ins Wanken bringen. „Klar ist: Unser Ergebnis und die bisherige Finanzplanung kommen massiv unter Druck“, sagte der neue Vorstandschef Matthias Müller am Dienstag bei einer Betriebsversammlung im VW-Werk Wolfsburg laut eines vom Unternehmen verteilten Redemanuskripts. Die Versammlung selbst war nicht öffentlich.

Während die technischen Lösungen zur Beseitigung der Abgas-Manipulationen in Sicht seien, könne man die geschäftlichen und finanziellen Folgen noch nicht absehen, betonte Müller. „Sicher ist: Die Belastungen werden groß sein. Möglicherweise sehr groß.“

„Wir werden alles daran setzen, dass Volkswagen auch in Zukunft für gute und sichere Arbeitsplätze steht“ AFP

VW-Chef Matthias Müller

„Wir werden alles daran setzen, dass Volkswagen auch in Zukunft für gute und sichere Arbeitsplätze steht“

Um die Kosten für Schadenersatz und Strafzahlungen stemmen zu können, würden alle geplanten Investitionen noch einmal auf den Prüfstand gestellt. „Was jetzt nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder geschoben“, erklärte Müller vor den Beschäftigten. Dazu zähle auch, dass das bereits von seinem Vorgänger Martin Winterkorn initiierte „Effizienzprogramm“ nachjustiert werde. Volkswagen müsse schnell auf die drohenden Kosten reagieren. „Nicht zuletzt, um unser gutes Rating an den Kapitalmärkten zu sichern. Das hat höchste Priorität.“

Müller stellte die etwa 600.000 Mitarbeiter rund um den Erdball auf schwere Zeiten ein. „Ich bin ganz offen zu Ihnen: Das alles wird nicht ohne Schmerzen gehen. Das ist klar.“ Mit Blick auf die Arbeitsplätze betonte er: „Wir wissen heute zwar noch nicht, welche Auswirkungen die Krise haben wird. Aber wir werden dafür kämpfen, sie so gering wie möglich zu halten. Und wir werden alles tun, um die Beschäftigung im Unternehmen zu halten.“

Auf der Versammlung in einer Halle auf dem Werksgelände demonstrierten viele Mitarbeiter ihre Treue zum Konzern. Sie trugen Teilnehmern zufolge weiße T-Shirts mit dem VW-Logo und der Aufschrift: „Ein Team – eine Familie“. Auf Transparenten stand: „Wir sind Volkswagen"“

So könnte VW die „Dieselgate“-Kosten schultern

Kann sich der Konzern das leisten?

Der Abgas-Skandal kratzt nicht nur am Image des Volkswagen-Konzerns - er dürfte vor allem sehr teuer werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Kosten des Skandals und wie VW sie stemmen könnte.

Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

„Es wurde Optimismus verbreitet“, sagte eine VW-Mitarbeiterin beim Verlassen der Versammlung. Sie sei überzeugt, dass VW die Krise bewältigen könne. Das werde jedoch vermutlich auch Stellen kosten. „Es wäre der nächste Fehler zu sagen, die Arbeitsplätze sind sicher, das geht doch gar nicht.“ Die ganze Region hänge vom VW-Werk ab.

Vor Müller hatte bereits Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh versucht, den wegen der Abgas-Krise massiv verunsicherten Mitarbeitern Mut zu machen. „Derzeit, das ist die gute Nachricht, gibt es noch keine Konsequenzen für Arbeitsplätze“, sagte er.

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