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19.06.2015

13:04 Uhr

„Big Pharma“ und Freihandel

Macht TTIP Medikamente teurer?

Die Pharmabranche macht sich massiv für das TTIP-Abkommen stark. Unklar ist allerdings, wer hier von einer umfassenden Freihandelsvereinbarung mehr profitieren würde – Patienten oder Konzerne.

Steigen durch TTIP die Preise im Gesundheistsystem? dpa

Medikamente

Steigen durch TTIP die Preise im Gesundheistsystem?

FrankfurtEs wird heftig darüber gestritten, aber worum es genau geht, wissen die wenigsten: Die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA sind ein politisches Reizthema mit vielen Unbekannten. Trotzdem stemmen sich Industrievertreter vehement gegen die Kritik von TTIP-Gegnern. Auch die Pharmabranche macht sich für das Abkommen stark. Unklar ist allerdings, wer hier von einer umfassenden Freihandelsvereinbarung mehr profitieren würde – Patienten oder Konzerne.

Worum geht es bei TTIP eigentlich für die Pharmaindustrie? Die Unternehmen wollen, dass zum Beispiel bei der Zulassung von Medikamenten Studien nicht doppelt gemacht werden müssen - ähnlich wie bei mehrfachen Tests oder Standards etwa in der Autobranche.

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Freihandel muss heutzutage viel besser begründet werden, auf eine 200 Jahre alte Lehre zu verweisen, ist längst nicht genug. Und noch ein Eliteprojekt wie den Euro können wir uns nicht leisten.

Auch in Arzneifabriken sollen nicht immer Gesundheits-Kontrolleure aus den USA und der EU nacheinander anrücken müssen, um die gleichen Dinge zu prüfen. Beide Punkte sind Forderungen der Pharmaindustrie - und beide Punkte nimmt die EU mit in die TTIP-Verhandlungen. Sie stehen in den kurzen Strategiepapieren der Staatengemeinschaft.

„Dieses Abkommen ist für Europa, besonders Deutschland, eine große Chance“, sagt der Chef des Darmstädter Medikamentenherstellers Merck, Karl-Ludwig Kley. „Unternehmen wie Merck würden von harmonisierten Regeln profitieren, beispielsweise in der Arzneimittel-Zulassung. Verbraucher würden durch niedrige Preise Geld sparen.“

Doch ganz so sicher ist das nicht. Es gibt auch Experten, die genau das Gegenteil befürchten. Denn Preise für Medikamente werden nach unterschiedlichen Logiken festgesetzt. „In Europa herrscht ein deutlich größerer Kostendruck“, erklärt Afschin Gandjour, Professor für Gesundheitsökonomie an der Frankfurt School of Finance.

Das ist TTIP

Verhandlungspartner

USA und die Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedsstaaten.

Inhalte des Abkommens

Handelsbarrieren abbauen heißt in diesem Fall Normen, Standards und Gesetze zu vereinheitlichen. Denn Zölle und Exportquoten gehören schon länger der Vergangenheit an. Politiker betonen immer wieder, es gehe nicht darum Standards zu senken, sondern beide anzuerkennen. Ein oft bemühtes Beispiel sind unterschiedliche Farben von Autoblinkern.

Offizielle Ziele

Durch das Verschmelzen der Märkte sollen neue Arbeitsplätze entstehen. Außerdem rechnet die EU-Kommission mit zusätzlichem Wirtschaftswachstum auf beiden Seiten des Atlantiks. Wie groß dieses sein wird, ist jedoch ungewiss. Die optimistischste Schätzung liegt bei 0,48 Prozent bis 2027. Politisch erhofft sich die EU wie auch die USA, so ihre Vormachtstellung gegenüber den Schwellenländern behaupten zu können.

Stand der Verhandlungen

Begonnen haben die Verhandlungen zu TTIP im Jahr 2013. Da es um ein komplexes Abkommen geht, werden die Handelskommissare vermutlich nicht vor Ende 2016 einen Vertragsentwurf vorlegen. Unklar ist, ob dieser nur von dem EU-Parlament, oder auch von den nationalen Parlamenten bewilligt werden muss. Vermutlich entscheidet hierüber am Ende der Europäische Gerichtshof.

„In Europa muss in der Regel der Zusatznutzen von neuen Medikamenten demonstriert werden“, sagt Gandjour. Nur dann zahlen Kassen auch einen höheren Preis als für das alte Mittel. „Was kann das neue Mittel besser als ein altes? Darauf müssen auch Studien ausgerichtet werden.“ In den USA könnten Pharmakonzerne den Preis dagegen weitgehend selbst festlegen - überwiegend orientiert am Markt.

Würde die EU hier auf die USA zugehen – und das hält Gandjour für die wahrscheinlichere Variante –, dann könnte das dem Experten zufolge zwei Konsequenzen haben: „Es dürfte schneller gehen, bis Patienten ein neues Medikament erstattet bekommen, aber es würden auch mehr Schein-Innovationen auf den Markt kommen.“ Pillen also, die zwar anders wirken, aber am Ende nicht viel mehr bringen als die alten.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.06.2015, 13:34 Uhr

Konkurrenz belebt den Wettbewerb und damit auch fallende Preise. Das TTIP steht für einen Freihandel mit mehr Anbietern und Nachfragern. Der Wettbewerb wird somit gefördert. Solange sich keine Kartelle formieren, ist und bleibt ein Freihandel immer gut.
Für Verbraucher und Innovationsförderung.

Herr Markus Gerle

19.06.2015, 14:10 Uhr

Um beurteilen zu können, ob TTIP für das Gesundheitswesen zu höheren oder niedrigeren Belastungen führen wird, ist sicherlich eine differenziertere Betrachtung erforderlich. Leider reichen dafür auch nicht die 2000 Zeichen hier. Anmerken möchte ich dennoch, dass man unter Pharmaindustrie nicht nur die Pharmahersteller sehen sollte. Für die macht es sicherlich Sinn, wenn die üblichen Audits von FDA und europ. Behörden nicht ständig redundant gemacht werden müssten. Das wird selbstverständlich auch zu einer Kostenreduktion führen.
Interessanter erscheint mir jedoch der Bereich der Pharmadistribution zu sein. Während wir alleine in Deutschland zig Pharmahersteller haben, gibt es beim Pharmavertrieb ein Oligopol und dazu dann noch das Apothekermonopol. Hier ist wohl der Grund dafür zu sehen, dass wir in Deutschland wohl die höchsten Medikamentenpreise zahlen. Würde sich durch TTIP eine Liberalisierung im Pharmavertrieb ergeben, so wäre dies aus Sicht der Versicherten in jedem Fall zu begrüßen, da es dann definitiv zu Preissenkungen kommen wird. Schließlich kosten Arzneimittel schon jetzt in den USA erheblich weniger als in Deutschland.
Herrn Hofmann kann ich daher nur Recht geben. Unser Gesundheitssystem in Deutschland krankt an fehlenden marktwirtschaftlichen Mechanismen. Ärzte und Apotheker sind durch den Staat schön geschützt. Die Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien und insbes. von Wettbewerb wird die Kosten für die Versicherten wohl eher reduzieren.

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