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10.10.2011

11:03 Uhr

Buch-Rezension

Die grausamen Methoden der Pharmabranche

VonThorsten Giersch

Pharmafirmen sind brutal auf Gewinnerzielung ausgerichtet. Menschen werden lebensrettende Medikamente vorenthalten. Die erschreckende Wahrheit dahinter: Die Politik steckt mit ihnen unter einer Decke. Ein Insiderbericht.

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme von EHEC (Enterohaemorrhagische Escherichia coli). dapd

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme von EHEC (Enterohaemorrhagische Escherichia coli).

DüsseldorfVersuchskaninchen. Millionen davon. Eine kleine Spritze – und der gefährliche Virus wird bekämpft. Doch der Impfstoff hat Nebenwirkungen. Auffällig viele der Versuchskaninchen leiden nach der Einnahme unter Narkolepsie – der Schlafkrankheit: Tagsüber schlafen sie unvermittelt einfach ein. Ihre Muskeln erschlaffen. Die Betroffenen klappen zusammen.

Das ist schlimm – aber nicht verwunderlich, schließlich haben die Hersteller den Impfstoff gegen die Schweinegrippe nicht ausreichend getestet. Schlimmer ist: Die Versuchskaninchen sind Menschen. Allein in Europa wurden mehr als 30 Millionen mit diesem Wirkstoff geimpft.

Solche Vorgänge sind es, die Maria Vollborn und Vlad Georgescu dazu gebracht haben, ihr Buch „Die Virenlüge“ zu schreiben. Die beiden Journalisten sind seit vielen Jahren als Berichterstatter über die Pharmabranche tätig und genießen großen Respekt.

Die Vorwürfe gegen die Pharmafirmen

Die Kritik im Einzelnen

Vollborn und Georgescu belegen ihre Kritik an den Pharmakonzernen und der Politik ausführlich. Die wesentlichsten Punkte werden im Folgenden kurz angedeutet.

Entscheidungsfindung

Wann forsche ich an einem Impfstoff – und wann nicht? Diese Entscheidung würden „ausschließlich nach dem Marktpotenzial der Therapeutika in spe“ gefällt, so die Autoren. Besonders die Entwicklung von Medizin gegen Viren ist beliebt, denn ihre Ausbreitung und damit auch das Marktpotenzial etwa eines Impfstoffes lässt sich inzwischen recht genau bestimmen.

Ökonomisierte Forschung

Einer der wesentlichsten Gründe für diese oft unmoralische Entscheidungsfindung sei die ökonomisierte Forschung. Die sei vielmehr auf die späteren Präsentationen der Produkte vor all den Vertretern der Gesundheitspolitik ausgelegt als auf die Bedürfnisse der von Viren betroffenen Menschen überall in der Welt.

Konzerne gewinnen, Unis verlieren

Eine weitere Frage ist, wer die Zuschüsse des Bundes für die Forschung bekommt. Hier kritisieren die Autoren, dass für die Konzerne deutlich zu viel und für die Forschung an Universitäten deutlich zu wenig ausgegeben wird. Sie belegen dies an zahlreichen Beispielen glaubwürdig.

So teuer wie sie wollen

Nun könnte der Steuerzahler ja annehmen, dass die Konzerne bei der Festsetzung des Preises gewisse Bedingungen zu berücksichtigen haben, wenn sie bei der Forschung nach dem jeweiligen Medikament vom Bund erheblich unterstützt wurden. Doch dem ist nicht so. Die Konzerne können „so teuer verkaufen, wie sie wollen“.

Menschenleben auf dem Gewissen

Die Konzerne würden zudem ihre Geschäfte dadurch sichern, dass sie auch in Dritte-Welt-Staaten Generika verbieten lassen. Sie schützen ihre Patente also auch unter der Bedingung, dass den Armen billigere, für sie bezahlbarere, Medikamente nicht zur Verfügung stehen.

Geheimverträge

Einer der wichtigsten Kritikpunkte der Autoren sind die Geheimverträge zwischen Deutschland (und Österreich) und den Impfstoffherstellern. Deren Inhalte würden der Bevölkerung bewusst vorenthalten.

Wettbewerbsverzerrung

In diesen Geheimverträgen seien vor allem Absatzmengen geregelt und Konkurrenten präventiv vom Markt gedrängt. Das verzerrt den Wettbewerb und sorgt so dafür, dass der Preis der Medikamente steigt.

Deutsche Unternehmen verlieren

Die Autoren sehen durch die Bevorzugung der großen Pharmakonzerne, die ja weitgehend ihren Sitz im Ausland haben, erhebliche Nachteile für die deutsche Forschung. Durchbrüche wie es sie vor Jahrzehnten immer wieder gab „gehören der Vergangenheit an“.

Entwicklungsländer unterstützen

Die Autoren würden sich wünschen, dass Großkonzerne zumindest in der Dritten Welt auf Patentrechte verzichten sollen, um den Menschen den Zugang zu kostengünstigen Medikamenten zu erleichtern.

Zu wenig Aidsforschung

Die Konzerne investierten viel zu wenig in die Aidsforschung – trotz der dramatisch hohen Opferzahlen, kritisieren die Autoren. Der Grund: Sie ist offenbar nicht lukrativ genug. Die Autoren fürchten sogar, dass sich die Pharmaindustrie „eines Tages komplett aus der Aidsforschung zurückzieht“.

„Impfpanik“

Die Konzerne machten die Menschen – direkt oder indirekt – auch in westlichen Staaten krank. Denn sie brächten Ärzte, Politiker und Medien dazu, den Menschen einzubläuen, sich übermäßig häufig impfen zu lassen. Das gelte vor allem für Kinder – es handle sich um eine regelrechte „Impfpanik“.

WHO verspielt Vertrauen

Die Weltgesundheitsorganisation WHO wird von den Autoren mit Kritik übersät. Vor allem im Zuge der EHEC-Eindämmung sei sie deutlich zu langsam vorgegangen. Zudem habe sie mit ihren fragwürdigen Entscheidungen während der Schweinegrippe-Zeit reichlich Glaubwürdigkeit verspielt.

Schweinegrippe-Impfung macht krank

Auf die Versorgung der Menschen im Kampf gegen die Schweinegrippe haben es die Autoren besonders abgesehen. „Wer sich im Alter zwischen vier und 19 Jahren hatte impfen lassen, war ein neunmal höheres Risiko eingegangen, an Narkolepsie zu erkranken, als ungeimpfte Kinder in der Altersgruppe.“

Impfstoff nicht genug getestet

Es war ein Coup sondergleichen: Pandemrix und Tamiflu hießen die Impfstoffe, die uns vor der Schweinegrippe schützen sollten. Am Ende blieben Millionen Dosen ungenutzt liegen. Der Steuerzahler musste sie dennoch teuer bezahlen. Es gab „keine klinischen Studien nach den üblichen Standards“ über ihre Wirkung. „Es war eine quasi legalisierte Trail-and-Error-Impfpolitik“.

Wer haftet?

Nun schaffen es die Konzerne, solche Medikamente in den Markt zu drücken und verdienen prächtig an ihren halbfertigen Produkten. Und wer haftet, wenn sich Nebenwirkungen einstellen oder sonstige langfristigen Folgen? Der Bund. „Jene, die Milliarden mit dem Verkauf von unzureichend getesteten Impfstoffen verdienen, dürfen aufatmen.

Wo das Geld dann fehlt

Bekanntlich kann jeder Euro nur einmal ausgegeben werden und auch die größten Pharmakonzern haben begrenzte Forschungskapazitäten. Und je mehr sie der Impfpanik Vorschub leisten und lukrative, aber nur bedingt „wichtige“ Impfstoffe herstellen, umso mehr fehlt es dann an Hilfe für die Bekämpfung von wirklich gefährlichen Erregern wie dem Dengue-Fieber.

Interessenskonflikte

Zudem berichten die Autoren von Entscheidungsträgern in Gremien der Gesundheitsorganisationen, die eindeutig Interessenskonflikten unterliegen. Sie entscheiden (mit) über die Vergabe von Geldern an Konzerne, mit denen sie in einer Nebentätigkeit zu tun haben.

Medienvertreter unter Druck setzen

Die Autoren berichten von mehreren Fällen, bei denen Journalisten von den Konzernen massiv unter Druck gesetzt wurde. Wer zu tief grabe, dem werde mit Klage gedroht.

Schutzlose Soldaten

Ein konkretes Beispiel für das Nichthandeln der Konzern sei die Krim-Kongo-Seuche: „Für die in Afghanistan stationierten Truppen wirkt sich das Desinteresse der großen Pharmaunternehmen an Krim-Kongo direkt aus. Weil Vakzine fehlen, sind die Soldaten dem Erreger schutzlos ausgeliefert.“

Vor allem die Schweinegrippe kommt als Paradebeispiel daher, wie weit die Arme der Pharmalobby reichen und was sie anrichten kann. Milliarden haben die Konzerne an der eigentlich gar nicht so gefährlichen Viruserkrankung verdient. Die zum Teil geheimen Verträge zwischen Politik und Konzernen sicherten eine Abnahme der Impfdosen zu. Der Steuerzahler beglich die Rechnung, ohne transparent über die Deals informiert gewesen zu sein.

Wer dieses Buch liest, wird von Zahlen und Fakten bisweilen erschlagen, was die Arbeit der Autoren aber umso glaubwürdiger macht. Trotz der Dichte an Informationen liest sich "Die Virenlüge" spannend und flüssig. Es geht ja schließlich auch um menschliche Dramen, die sich in diesem Ausmaß wohl nur die wenigsten Leser so vorgestellt haben. 

Kommentare (18)

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widerspruch

10.10.2011, 11:16 Uhr

wird das Handelsblatt als führende Wirtschaftszeitung dieser Aufdeckung folgen und nunmehr kritischer über die Pharmaunternehmen berichten?

Bruder-Helmut

10.10.2011, 11:23 Uhr

sorry, bei allem Respekt, aber wer sich gegen diese angeblichen "Seuchen" impfen läßt, ist selbst Schuld. wozu haben wir denn das Denkenvermögen mitbekommen, wenn wir es nicht nutzen.

Schweinegrippe
Vogelseuche
Grippe

Alleine schon wie das angekündigt wurde, war ja wohl klar, dass es nur um einen Mrd. Auftrag an die Pharma Industrie ging.

Account gelöscht!

10.10.2011, 11:34 Uhr

Was für ein armseliger Artikel.
Davon ab, dass diese Verhältnisse, Verstrickungen und mitunter dubiosen Machenschaften längst bekannt sind.
Das läuft in anderen Branchen nicht anders.
Die von uns gewählte Regierung unterstützt das Vorgehen - hat die Angst vor vor SARS, Schweinegrippe und EHEC geschürt wie nichts Gutes - weil sie selbst keine Ahnung hat - ein Spiegel der Bevölerung eben.
Und warum soll ein privatwirtschaftliches Unternehmen Gelder in nicht gewinnversprechende Forschung stecken?
Kaum ein Mensch tut so etwas!
Wenn die Quote der ehrenamtlich Tätigen Deutschen bei 100% liegt - dann kommt mal wieder mit solchen Vorschlägen, vorher bitte nicht.
Und wenn die Regierung bescheidenen Verträge abschließt (was sie grundsätzlich tut, weil da niemand mehr ist, der Ahnung hat), dann ist das doch nicht die Schuld der Untenehmen - Dummheit gehört bestraft - das war schon immer so.

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