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03.08.2012

09:27 Uhr

Car2go vs. DriveNow

Der Carsharing-Krieg erreicht Köln

VonLukas Bay

Daimler und BMW kämpfen mit aller Macht um die Vorherrschaft im zukunftsträchtigen Geschäft mit dem Carsharing. Nun nehmen sie die nächste Großstadt ins Visier - und setzen die etablierten Anbieter unter Druck.

Das Carsharing-Angebot von Daimler "Car2go" wächst weltweit. AFP

Das Carsharing-Angebot von Daimler "Car2go" wächst weltweit.

DüsseldorfWenn die ersten Sonnenstrahlen rauskommen, beginnt das Schauspiel auf der Kölner Ehrenstraße. Dann besetzen die sonnenbebrillten Bohèmes und B-Promis der Domstadt die Cafés und begutachtet die Porsches, Aston Martins und Jaguars, die auf dem automobilen Laufsteg der Domstadt vorbei rollen. Wer das Auto noch als Statussymbol schätzt, findet hier seine Zuschauer.

Doch zum Leidwesen der Autobauer ist die Ehrenstraße einer der letzten Orte der Großstadt, an dem große Autos noch geschätzt werden. Fernab der Flaniermeile sieht das Bild ganz anders aus: Laut einer Studie der Uni Duisburg-Essen verzichten immer mehr Kölner auf ein eigenes Auto. Wie in anderen deutschen Metropolen droht das Auto seine Funktion als Statussymbol zu verlieren. Als Antwort auf die neuen Anforderungen beginnen die deutschen Hersteller damit, ihre Autos zu verleihen, statt sie zu verkaufen. Das Zauberwort für moderne Mobilitätskonzepte lautet: Carsharing. Denn die Verleihsysteme bieten nicht nur die Chance neue Modelle auf ihre Akzeptanz und Marktreife zu testen, sie sollen auch die Lust auf das eigene Automobil wiedererwecken.

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Die größten Carsharing-Töchter unterhalten derzeit BMW und Daimler. Mit ihren Tochterfirmen Car2go (Daimler) und DriveNow (BMW) duellierten sich beiden Premiumhersteller bisher nur in Berlin und Düsseldorf. Ab September soll Köln als dritter Kampfplatz hinzukommen. Rund 600 Carsharing Fahrzeugen sollen noch in diesem Jahr die Domstadt erobern - davon 350 Smarts von Car2go und 250 Minis und 1er BMWs von DriveNow.

Kunden können sie jederzeit anmieten. Spontan und für 29 Cent pro Minute - Parkgebühren und Benzin inklusive. Am Zielort kann das Fahrzeug einfach abgestellt werden - damit ist die Miete beendet. Feste Stationen, an denen Auto angemietet und zurückgebracht werden muss, gibt es dann nicht mehr. Damit dürften die Flotten und vor allem die Kundenzahlen erneut zulegen.

Wer beim Carsharing von Daimler mitmachen möchte, muss sich erst im Internet, dann in einer Filiale registrieren. Danach reicht ein Smartphone und ein Internetanschluss, um freie Fahrzeuge zu finden und anzumieten. „Car2Go“ hat Daimler das Konzept getauft - ein Auto zum Mitnehmen. Der Name erinnert nicht umsonst an den Wortschatz der Generation Starbucks. Vor allem junge Kunden nutzen das Angebot. Mittlerweile zählt Daimler 100.000 Kunden in 12 Städten weltweit - Tendenz steigend. Die Flotte ist auf 4.000 Smarts angewachsen. Neben der Ulm gehören in Deutschland auch Hamburg, Berlin und Düsseldorf zum Geschäftsgebiet.

Carsharing ist eigentlich kein neues Konzept. Ökologische Projekte wurden bereits in den 1980er-Jahren angestoßen, mittlerweile gibt es 128 Carsharing-Anbieter deutschlandweit. Das Motiv ist meist nicht mehr die Ökologie, sondern vor allem die Ökonomie. Die Nachfrage wächst rasant, insbesondere in den urbanen Ballungsgebieten. Dort hat das eigene Auto durch die angespannte Parkplatzsituation und gute Nahverkehrsangebot an Attraktivität eingebüßt. Viele Städter brauchen oder wollen kein eigenes Auto mehr. Wer nur hin und wieder ein Auto benutzt, fährt mit Carsharing günstiger. Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Carsharer allein in Deutschland um 330 Prozent auf 260.000 gestiegen. Bei 40 Millionen Autonutzern deutschlandweit bleibt Carsharing damit immer noch ein Nischenmarkt, aber einer, das rasant wächst.

Tipps fürs Car-Sharing

Welche Anbieter gibt es?

Die Angebote für privates und kommerzielles Carsharing nehmen laufend zu. In Deutschland gehören unter anderem die Online-Netzwerke cambio-carsharing.de, tamyca.de, autonetzer.de, nachbarschaftsauto.de und das Bahn-Projekt flinkster.de zu den bekanntesten Vertretern der Branche. Auch die Autobauer setzen auf die Kurzzeit-Vermietung kleiner Fahrzeuge - darunter etwa Daimler, BMW, VW und Peugeot.

Worauf sollte man bei der Anbieterwahl achten?

Neben einer Durchsicht der Allgemeinen Geschäftsbedingungen empfiehlt der VCD die Auswahl von Anbietern, bei denen die bloße Registrierung nicht schon mit Extrakosten verbunden ist. Zudem ist die Möglichkeit einer raschen Kontaktaufnahme für Rückfragen, nachträgliche Absprachen oder im Schadensfall wichtig. Viele Online-Anbieter lassen sich von ihren Kunden im Internet bewerten.

Wie sehen die Verträge aus?

Beim privaten Carsharing können meist kürzere Nutzungszeiten vereinbart werden, Modelle wie "Car2Go" erlauben aber auch die Abrechnung einzelner Fahrten ohne Grundgebühr und die Kombination mit Angeboten des öffentlichen Nahverkehrs. Beim kommerziellen Carsharing werden dagegen meist längerfristige Verträge abgeschlossen. Außerdem müssen Kunden dabei oft stärker auf die Verfügbarkeit der Autos an den Mietstationen achten. Beim privaten Carsharing ist das Netz dichter.

Wie werden Konditionen festgelegt?

Grundsätzlich kann der private Vermieter die Nutzungsgebühr selbst bestimmen. Dabei sollte sich der Anbieter jedoch in einer angemessenen Preisspanne bewegen. Bei häufigem Kontakt mit demselben Mieter können später auch Rabatte gewährt werden.

Wie wird man Vermieter des eigenen Autos?

Bei vielen deutschen Internet-Vermittlern muss der Vermieter seinen Wohnsitz im Inland haben und einen in einem EU-Staat ausgestellten Führerschein besitzen. Das vermietete Auto sollte ihm gehören oder ihm per Vollmacht zur Nutzung übertragen worden sein. Der Neupreis des in Deutschland zugelassenen Fahrzeugs darf bei einigen Anbietern höchstens bei 75.000 Euro gelegen haben. Eine Motorleistung von 150 kW bzw 204 PS, ein Tachostand von 200.000 Kilometern und ein Fahrzeugalter von zehn Jahren sollten möglichst nicht überschritten werden.

Wer darf privat vermittelte Autos mieten?

Das zulässige Alter des Mieters liegt in der Regel zwischen 23 und 70 Jahren. Neben einem Wohnsitz in Deutschland ist der Besitz eines EU-Führerscheins für PKW seit mindestens drei Jahren Pflicht. Mehr als 8 Punkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei sind meist tabu.

Wie sollten Carsharing-Autos versichert sein?

Ein ausreichender Versicherungsschutz ist beim Carsharing unerlässlich. Es gibt Zusatzversicherungen, die häufig zwischen 7,50 und 9,00 Euro für einen vollen Miettag kosten. Abgedeckt sind Haftpflicht sowie Teil- und Vollkaskoschutz. Die Leistungen können sich wie bei herkömmlichen Autopolicen auch nach dem Fahreralter richten.

Unter dem Namen „DriveNow“ vermieten die Münchener in Kooperation mit dem Autovermieter Sixt unter anderem 1er BMW und MiniCooper. Bewusst setzt BMW auf Lifestyle-Modelle. Zum Sommer wurden auch Mini Cabrios in die Flotte aufgenommen. Das Modellprojekt von Volkswagen, „Quicar“, beschränkt sich bisher auf Hannover, doch auch hier steigen die Nutzerzahlen. Sollten die Autohersteller ihr Wachstum im Carsharing fortsetzen, könnten sie etablierten Anbieter wie Flinkster, Cambio und Stadtauto unter Druck setzen.

Denn bisher können es sich die Autohersteller leisten, defizitär zu arbeiten. Carsharing bringt noch einen weiteren positiven Nebeneffekte mit sich. Die bisher von den Kunden verschmähten Elektroautos könnten endlich für den Massenmarkt interessant gemacht werden. In der Flotte von Car2go fahren bereits 625 batteriebetriebene Smart fortwo. Ab 2013 sollen in Berlin 300 E-Smarts an den Start gehen. Auch bei BMW gibt es Pläne bis Ende des Jahres neue Elektro-Modelle in in die Flotte aufzunehmen. Auch das Leichtbau-Modell i3 soll mittelfristig in die Flotte integriert werden. Carsharing könnte damit zum Testlauf für etliche Modelle werden, mit denen die Hersteller die automobile Zukunft einläuten wollen - und für die nötige Kapazitätsauslastung.

Kommentare (4)

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Torsten_Steinberg

03.08.2012, 11:17 Uhr

Man ist doch auch so schon ganz krank vor lauter Kriegen. Unendliches Leid unschuldiger Opfer, besonders wenn die Schlachten um große Städte toben: Grosny, Mogadischu, Kabul, Bagdad, Basra, Sarajevo, Tripolis, Homs, Aleppo usw. usw... Jetzt haben wir auch in Deutschland wieder Krieg, zwar geht es nur um Carsharing, aber immerhin.

Meines Erachtens stände es der Redaktion gut zu Gesicht, mit dem Begriff "Krieg" verantwortungsvoller umzugehen anstatt den Wettlauf um die Militarisierung der Sprache weiter anzuheizen. Nicht zuletzt ist es die Eindeutigkeit der Sprache, welche die Klarheit der Gedanken fördert und uns hilft, das Wesen des Krieges und seine Auswirkungen zu erkennen. Je verschwurbelter dagegen die Sprache, desto verschwommener die Wahrnehmung, und um so schwieriger wird es, eindeutig das zu tun, was dem Frieden dienlich ist und alles Gegenteilige zu unterlassen.

Selbst wenn eine ganze Horde von Carsharing-Unternehmen sich auf Aleppo stürzen wollte, würden die Menschen dort sich wohl völlig zu Recht fragen, ob das denn jetzt Krieg sein soll. Wird deren Erleben durch leichtfertigen und unüberlegten Gebrauch des Wortes "Krieg" an dieser Stelle nicht ins Komödiantische gezogen?

Abgesehen davon ist es auch besser für das Bauchgefühl, wenn nicht schon angesichts der Konkurrenz von Carsharing-Unternehmen und ähnlicher Lappalien unsere Phantasien mit Kriegsszenarien belastet werden. Auch so ist die Wirklichkeit schlimm genug und versorgt jeden, der die Augen nicht verschließt, mit schrecklichen Bildern bis an die Schmerzgrenze.

vespisti99

07.08.2012, 16:41 Uhr

Interessanter Artikel und ich bin als Kölner und überzeugter Carsharing Nutzer (vorher war ich überzeugter Alfa- und Mercedes-Fahrer) sehr gespannt auf "die Neuen". Allerdings haben auch Sie es verpasst sich die Geschäftsmodelle und vor Allem die Leistungen genauer anzusehen. Tatsächlich ist es bei der DB so, dass man das Carsharing-Konzept Flinkster erfolgreich startete und anschließend 3 Jahre die Autos nicht mehr pflegte. Anschließend verknüpfte die Bahn Flinkster mit der DB Autovermietung und nannte alles nur noch Flinkster. Leider hat man aber die Preise nicht der Carsharing Idee angepasst. Nehme ich einen mittlerweile beschädigten Alfa, zahle ich 1,50€ pro Stunde; nehme ich aber einen Fiesta, zahle ich 5,00€ pro Stunde. Damit ist man auf Niveau von Sixt & Co. Die Nutzung ist massiv gesunken. Alle weichen zurück auf Cambio.

martin72

07.08.2012, 20:20 Uhr

Krieg erscheint mir in dem Zusammenhang auch nicht der geeignete Begriff. Insbesondere da CarSharing-Gedanke einer sozialen und ökologischen Idee entsprungen ist. Wenn die großen Autohersteller sich auf einmal der Ökologie verpflichtet fühlen, so mutet dies doch komisch an.

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